06.05.2016, 14:09 Uhr

Mutterunglück

In einem Hof des Wiener Landesgerichtes fand am 2. Jänner 1900 um 8 Uhr Früh die Hinrichtung der Arbeiterfrau Juliana H. statt, die gemeinsam mit ihrem Gatten angeklagt war, das eigene Kind derart misshandelt zu haben, das dessen Tod erfolgte. Der Gatte der H. wurde vom Kaiser begnadigt und das Todesurteil in eine zwanzigjährige Kerkerstrafe umgewandelt. Die Verurteilte nahm die Bestätigung des Todesurteils ruhig entgegen. Man hörte nur einen Aufschrei und die Worte: Gnade, Gnade! Ich bin unschuldig! Mein Mann ist schuld! Außer dem Verbrennen der Hände, wobei ich dem Kind die Hände über das Licht gehalten habe, habe ich gar nichts getan. Mich kränkt besonders die Ungerechtigkeit der Menschen, denn sterben muss jeder einmal! Auf die Frage, ob sie noch einen Wunsch hätte, antwortete sie: „Ich habe gar keinen Wunsch.“ Für meine Kinder wird gesorgt und meinem Man will ich gar nichts sagen lassen! Ich will ihn nicht einmal sehen!“ Die Hinrichtung wurde durch den Prager Scharfrichter vollzogen, der der Posten eines Wiener Scharfrichters noch unbesetzt war. Die Verteidigung richtete noch am 1. Jänner telefonisch ein Gnadengesuch an den Kaiser. Josef H., der Gatte der Verurteilten, nahm die Mitteilung seiner Begnadigung ohne jegliche Äußerung zur Kenntnis.
Marburger Zeitung vom 4. Jänner 1900.
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