18.09.2016, 15:05 Uhr

Retzneier Arbeiter unter Generalverdacht

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnen die politischen Spannungen in der Steiermark zu eskalieren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer geraten zunehmend in Konflikte. Streiks in den Kohlerevieren führen zum Energiemangel, der die Wirtschaft und den Verkehr zum Erliegen bringt. Statt moderierend einzugreifen, erteilt die Regierung dem Militär einen Schießbefehl. Mit den ersten Toten wächst die Furcht vor politischen Agitatoren, die nun an Einfluss gewinnen. Mit präventiven Maßnahmen versucht man Revolten im Keim zu ersticken. Als die Pläne, in Retznei eine Fabrik zu errichten, bekannt werden, entsteht bei den Behörden die Befürchtung, das friedliche Bauerndorf könnte sich zu einem Revoluzzer-Nest entwickeln.
Neue Betriebe zogen damals Arbeitssuchende aus allen Gegenden der Monarchie an und die Sicherheitsbehörden vermuteten unter den Zugereisten politische Aufwiegler, die unter der Belegschaft einen Aufruhr anzetteln könnten. Als mit 1. März 1910 die Kalkwerk Ehrenhausen GesmbH. in Retznei in die Hände der Perlmooser AG. überging, nahm das Werk Retznei die Produktion von Portlandzement auf. Die Zahl der zuwandernden Arbeitskräfte stieg kräftig an.
Schon zum Anlagenbau kamen fremde Unternehmer mit ihren Arbeitskräften in den Ort. So wird für die Firma Pasquale Allegretti, Erdarbeitsunternehmung in Retznei, am 6. Juni 1909, unter Z. 20312, von der k. k. Bezirkshauptmannschaft Leibnitz das Gewerbe erteilt. 1912 ist das Unternehmen noch immer beim Finanzamt Leibnitz angemeldet. Der Anlagenbau im Werksgelände läuft auf Hochtouren wie die behördlichen Ausschreibungen der Projekte aus dieser Zeit beweisen. Erdbauarbeiten finden im gesamten Ortsgebiet zwischen Mur und Steinbruch statt.
Die Gendarmerie erwartet den Zuzug Hunderter ortsfremder Menschen nach Retznei und rechnet damit, dass bei Arbeitskämpfen in anderen Industriegebieten sich die Zementarbeiter mit Streikenden solidarisieren. Vorsorglich installiert man in Gamlitz im Jahr 1906 einen zusätzlichen Gendarmerie-Posten. Retznei wird vom bisherigen Rayon des Postens Spielfeld abgetrennt und dem Gamlitzer Rayon einverleibt. Etwas später bekommt der Nachbarort Ehrenhausen den schon lange urgierten Posten. Am 1. September 1910 nimmt der Gendarmerie-Posten Ehrenhausen seine Überwachungstätigkeit auf. Der einzige Beamte (Vize-Wachtmeister Anton Rauscher), hat ein besonderes Augenmerk auf Retznei zu richten, das zu seinem Überwachungsbezirk zählt.
Die befürchteten Arbeiter-Exzesse blieben aber aus.
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