01.06.2016, 17:54 Uhr

Das Recht auf Faulheit

Österreich hat eine neue Regierung, einen erfahrenen Universitätsprofessor als Bundespräsidenten, was noch fehlt, sind Männer und Frauen mit Visionen und Lösungskompetenz für die Zukunft. Die Kräfte, die Österreich spalten, wollen entweder alles verändern, damit es wieder so wird wie es in der Vergangenheit war, die anderen wollen alles verändern, damit alles so bleibt wie es ist. Keines dieser Konzepte ist geeignet, die Probleme unserer Zeit zu lösen. Man muss die Zukunft neu denken und dabei die Bevölkerung einbinden. Die oft zitierte Schweiz macht es wieder einmal vor: am 5. Juni 2016 stimmen die Bürgerinnen und Bürger über ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle ab. Egal, was dabei herauskommt, die Eidgenossen sind uns wieder einmal 20 Jahre voraus.
Bei uns wäre eine solche Idee hoffnungslos zum Scheitern verurteilt, weil wir in unserer Neidgesellschaft es nicht aushalten würden, wenn der Nachbar oder die Nachbarin unverdienterweise die Hängematte frequentieren. Schon die Pariser Februarrevolution von 1848 proklamiert das Recht auf Arbeit; im demokratischen Denken eine Selbstverständlichkeit. Wie soll aber Arbeitswahn und Leistungswut zu befriedigen sein, wenn nicht mehr ausreichend Arbeitsplätze vorhanden sind?
Ein arbeitsloses Grundeinkommen politisch-polemisch zu diskutieren ist überflüssig, nur Fakten zählen:
Bereits heute bezieht ein Großteil der Bevölkerung Zuwendungen vom Staat, wobei einige Gruppen, trotz Leistung, leer ausgehen; so revolutionär ist die Idee der Schweizer also gar nicht.
Mit einem sicheren Grundeinkommen ist ein Arbeitsplatzwechsel weniger riskant, und es gibt keine Arbeitslosen mehr, die unterstützt werden müssen.
Das Grundeinkommen geht nahtlos in eine Rente über; wer mehr will, muss sich eine bezahlte Beschäftigung suchen, wobei die zusätzliche Alterspension nur so hoch ist wie das Grundeinkommen. Um für seine letzten Tage Vermögen aufbauen zu können, muss jeder privat vorsorgen, d. h. arbeiten.
Durch das höhere Freizeitangebot, ist es möglich, sich durch Eigeninitiative weiter zu qualifizieren. Das veraltete Bildungssystem kostet enorm und leistet wenig. Mit einem staatlichen Bildungsgutschein könnten alle Kinder private Schulen besuchen und nicht nur der Nachwuchs unserer Politiker.
Finanziert wird die friedliche Beendigung des Klassenkampfes durch eine kräftige Erhöhung der Mehrwertsteuer, was unserer Konsumgesellschaft gut tun würde. Reparieren, statt wegwerfen, wäre wieder denkbar.
Überflüssig ist dann mit einem Schlag der gesamte Verteilungsapparat, möglich wäre eine schlankere Verwaltung, die Abnahme der Kriminalität, eine adäquate Pflege des Nachwuchses und der Alten in der Familie usw.
Die Wirtschaft profitierte durch den Entfall von Sozialleistungen von niederen Lohnkosten.
Möglicherweise bleibt das arbeitslose Grundeinkommen eine Fiktion, bis die normative Kraft des Faktischen sich durchsetzt. Dieser Beitrag ist immerhin ein Denkansatz zur Erweiterung des Genussbezirkes.
Der Dichter Gotthold Ephraim Lessing schrieb:
Lasst uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb´und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein!
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Karl Maurer aus Krems | 01.06.2016 | 20:51   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 02.06.2016 | 15:12   Melden
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