20.03.2016, 16:02 Uhr

Erfindung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs

Die Abschaffung des Bargeldes, die heute die Bevölkerung aufregt, haben nicht die Banken erfunden, dafür ist ein kleines Dorf verantwortlich:
"Heller Aufruhr herrschte im „ärmsten Dorf“ Italiens. Die 1300 Einwohner des Valle Agricola haben nämlich von den Finanzbehörden Steuererklärungsformulare zugesandt erhalten, obwohl für den Steuereinnehmer in Valle Agricola nichts zu holen sei. Alle Regierungen hielten sich an dieses Edikt, nur einmal, im Jahre 1930, tauchte ein Steuerbeamter in dem Dörfchen auf, aber auch er musste mit leeren Händen abziehen.
Der bargeldlose Verkehr in Valle Agricola ist schon seit mehreren Generationen üblich. Den Luxus eines Mokkas in der einzigen Gaststätte muss man sich ein Ei kosten lassen. Der Wirt hätte nicht einmal Wechselgeld, sollte jemand auf die Idee kommen, mit einer Banknote herauszurücken.
In mehr als 700 Meter Höhe, umgeben von mageren, steinigen Feldern, fristen 1300 Dörfler, von denen viele nicht einmal die 50 Kilometer entfernte Stadt Neapel kennen, ihr tristes Leben. „Man muss zwei Tonnen Mais säen, um eine Tonne zu ernten“ beklagen sich die Bauern, und abgesehen von einigen kleinen Gemüsegärten, wird alles, was in und um Valle Agriola aus dem Boden wächst, als Futter für die dreihundert Schafe und 20 Kühe des Ortes verwendet. Für den Menschen selbst bleibt kaum etwas übrig.
Die holprige Hochstraße, die den Ort mit der Außenwelt verbindet, ist auf keiner Karte verzeichnet, und obwohl Valle vor zwei Jahren an das Stromnetz angeschlossen wurde, glimmen kaum 20 schwache Glühbirnen in den mehr oder weniger verfallenen Häusern. Kürzlich wurde der Bürgermeister von Valle Agricola, den man dafür verantwortlich hält, dass die Zenbtralbehörden auf einmal Steuern eintreiben wollen, seines Amtes enthoben. Wahrscheinlich kann er gar nichts dafür, denn er ist ebenso bettelarm wie seine Mitbewohner, aber man will den Provinzbehörden beweisen, dass man sich nichts gefallen lässt."
Sonntagspost vom 3. April 1960.
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