31.08.2016, 07:00 Uhr

Ein wilder Ritt auf dem "Stier aus Eisen"

Die Elektrolokomotive Taurus 116-142, der Arbeitsplatz des ÖBB-Triebfahrzeugführers Peter Wagner.

Einen aufschlussreichen Tag am Arbeitsplatz des ÖBB-Triebfahrzeugführers Peter Wagner erlebten zwei WOCHE-Redakteure an Bord der Taurus.

Das ständige 'Takatak' ertönt von den Gleisen, die über Berge und Täler führen, auf denen tagein und tagaus Züge durch das ganze Land fahren. Klingt nach einem Traum. Kein Wunder, dass einer der Traumberufe für Buben früher der des Lokomotivführers war. Dieser heißt bei den Österreichischen Bundesbahnen "Triebfahrzeugführer". Mit einer Lok durch die Lande zu brausen, hunderte Menschen oder Tonnen von Material zu bewegen, das klingt ein wenig nach Abenteuer.
Was bleibt von diesen Vorstellungen im Berufsalltag eines Eisenbahners? Die WOCHE-Redakteure Nadine de Carli und Wolfgang Gaube haben den ÖBB-Triebfahrzeugführer Peter Wagner an Bord der Taurus 1116-142 mit einem Güterzug nach Wien begleitet. Und mit dem Intercity zurück von Wien nach Bruck an der Mur.


Im Inneren der Lok

Vier Bildschirme, zahllose Hebel und Knöpfe müssen bedient werden, daneben muss alle 30 Sekunden der Sicherheitsfahrschalter (SIFA) mit dem Fuß bedient werden und ganz nebenbei natürlich noch auf alle möglichen Signale und Langsamfahrstellen geachtet werden. Klingt anstrengend, ist es auch. Den Triebfahrzeugführern wird vollste Konzentration abverlangt. Denn einmal nicht aufgepasst und bei einer Geschwindigkeitsprüfeinrichtung (GPE) das vorgeschriebene Tempo knapp überschritten, wird vom Überwachungssystem automatisch eine Zwangsbremsung eingeleitet.
Von wegen alles voll automatisiert, wie man sich die Arbeit in der Lok als entspannter Passagier vorstellt, hier ist Multitasking gefragt. Denn die Lokführer haben es tagtäglich mit unterschiedlichen Maschinen, verschiedener Länge, Gewicht und Zugkraft zu tun. Abhilfe schafft da beispielsweise ein kleiner Assistent im Führerstand der Taurus, der beim Messen der Zuglänge hilft und das "Roadrunner"-Signal gibt, wenn der gesamte Zug die Weiche oder das Signal passiert hat und wieder beschleunigt werden kann. "Die erforderliche Streckenkenntnis ist dabei das Um und Auf. Wenn man den Standort von Signalen nicht kennt, ist das gar nicht so einfach", erklärt Peter Wagner.


Ein starkes Stück

Die Landschaft rast mit 160 Stundenkilometern an der Scheibe vorbei. 88 Tonnen Stahl der Elektrolokomotive Taurus – die ihren Namen vom lateinischen Wort für Stier, dem mythologischen Kraftsymbol hat – beschleunigen den 500 Meter langen und 566 Tonnen schweren Zug. "Mit so einer Taurus zu fahren, das kann schon was", sagt Peter Wagner mit einem Lächeln. Der Drehstrommotor, der dafür verwendet wird, verbraucht einiges an Energie, aber speist beim Bremsen auch wieder etliche Kilowatt in das Stromnetz der Oberleitung zurück. Auf unserer Fahrt mit dem Intercity von Wien nach Bruck an der Mur hat die Taurus 3.068 kw/h Strom "gefressen", allerdings 473 kw/h an Energie rückgewonnen.

Chris Lohner warnt

Aber zurück zur Fahrt mit dem Güterzug: Gerade die Strecke nach Wien, über den Semmering, ist ein hartes Stück Arbeit für die Lok. Das soll sich aber in einigen Jahren ändern: Der 27,3 Kilometer lange Eisenbahntunnel soll ab 2025 die historische Semmeringbahn entlasten und damit die Strecke von Mürzzuschlag nach Gloggnitz um ganze 30 Minuten verkürzen.
"SIFA, SIFA, SIFA", tönt die Stimme von Chris Lohner aus dem Lautsprecher: Also das Fußpedal für die Sicherheitsfahrschaltung betätigen und weiter volle Konzentration. Denn daran, was bei dem kleinsten Fehler alles passieren kann, darf man als Triebfahrzeugführer gar nicht denken.
Fahrplanänderung: Der Signalnachahmer zeigt einen baldigen Halt an. Die Waggons unseres leeren Autowagenzuges sollen jetzt doch nicht nach Stadlau rollen, sondern werden in Ebenfurt abgestellt. Flexibel muss man in diesem Beruf auf alle Fälle sein.
Zügig geht's jetzt nur noch mit dem Triebfahrzeug in Richtung Wien Hauptbahnhof. Vorbei am Zentralverschiebebahnhof Wien-Kledering, ein aus Sicht des Laien nahezu unentwirrbares Gleislabyrinth. Verwirrend auch die Navigation, als wir uns dem Abstellplatz in Wien Matzleinsdorf nähern. Signale, Schienennummern, Funksprüche: Aber jetzt sind wir am Ziel. Uns Zeitungsleute hat allein das Zuschauen ermüdet, Peter Wagner hingegen steigt entspannt aus der Lok: "Jetzt gönnen wir uns ein Mittagessen!"

Text: Nadine de Carli und Wolfgang Gaube

Lesen Sie dazu auch den Kommentarvon Wolfgang Gaube.
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