09.06.2016, 00:00 Uhr

"Bei Hörverlust rasch handeln"

Dank moderner Technik bieten Hörgeräte heute einen hohen Hör- und Tragekomfort. (Foto: Sivantos GmbH)

Wer schlecht hört, sollte rasch etwas dagegen unternehmen, um das Hören nicht völlig zu verlernen. Dank moderner Technik sind Hörgeräte heutzutage kaum sichtbar und angenehm zu tragen.

Lange hatten Hörhilfen ein Imageproblem. Viele denken dabei noch heute an fleischfarbene, pfeifende Hörapparte am Ohr und zögern eine Anschaffung hinaus. Dabei entsprechen moderne Hörsysteme diesem Bild schon längst nicht mehr. "Durch digitale Technik der Hörgeräte ist deren Entwicklung mit denen von Computern vergleichbar. Das führt zu einer ständigen Verbesserung des Hör- und Tragekomforts", weiß Hörgeräteakustikerin Alexandra Waldstein. Neben den klassischen In-dem-Ohr- und Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten gibt es inzwischen auch Hörsysteme mit ausgelagertem Hörer. "Dabei ist der Hörer nicht direkt im Gerät verbaut. Er liegt im Gehörgang und ist mittels dünner Drahtleitung mit dem Rest des Geräts, das hinter dem Ohr platziert wird, verbunden. Dadurch ergibt sich eine kompakte Größe und durch den größeren Abstand zwischen Hörer und Mikrofon wird das Risiko einer Rückkoppelung, das viele Menschen als Pfeifen empfinden, weitestgehend minimiert", erklärt Severin Marckhgott von Bagus Hörsysteme die verschiedenen Möglichkeiten.


Komfortable Bedienung

Die Leistung der Mini-Computer ist enorm: "Die modernsten Geräte heben den dominanten Sprecher hervor, was zu klinisch belegtem, entspanntem Hören führt. Sie fokussieren in die Richtung des Zielsprechers, reduzieren dabei Hintergrundgeräusche und schwächen Nachhall hab. Musik lässt sich damit in HD-Qualität genießen. Mithilfe von Apps lassen sich Hörgeräte außerdem besonders komfortabel individuell bedienen", so Waldstein. Mit einem Hörgerät wieder richtig hören zu lernen, erfordert laut der Expertin jedoch auch Geduld: "Je schneller man einer Beeinträchtigung entgegenwirkt, desto schneller geht auch die Eingewöhnung und die Akzeptanz des Hörgeräts", so Waldstein.

Individuelle Bedürfnisse

Wichtig ist vor allem die Auswahl des passenden Geräts. "Mit teureren Hörgeräten muss man nicht unbedingt auch besser verstehen. Dies ist in erster Linie von der Vorgeschichte sowie den Anforderungen, welche der Kunde an das System stellt, abhängig. So macht es wenig Sinn, jemanden der hauptsächlich mit maximal ein oder zwei Personen gleichzeitig Kontakt hat und sonst auch wenig an gesellschaftlichen Aktivitäten teilnimmt, ein hochpreisiges Gerät anzupassen. Umgekehrt wird jemand, der noch berufstätig ist, vielleicht sogar viel Kundenkontakt hat, in der Freizeit mit Kindern oder Enkeln etwas unternimmt und am Abend auch noch Unternehmungen tätigt, mit einem günstigen Gerät schnell an seine Grenzen stoßen", erklärt Marckhgott.

Täglich tragen

Nach einem Termin beim HNO-Arzt sollte man einen Hörgeräteakustiker aufzusuchen. In der ersten Zeit finden regelmäßig Feinanpassungstermine statt. Beide Experten empfehlen, das Gerät möglichst einen ganzen Tag über zu tragen. "Damit hat das Gehirn die Möglichkeit, Alltagsgeräusche wieder ins Unterbewusstsein zu verschieben. Das ist ähnlich wie bei Personen, die neben Bahngleisen wohnen. Sie hören den Zug nicht mehr bewusst, da sie sich daran gewöhnt und ihn akustisch ausgeblendet haben. Trägt man Hörgeräte nur, wenn man sie wirklich braucht, kann das Gehirn die Fülle der plötzlich einströmenden Informationen nicht verarbeiten und ist überfordert." Insbesondere, wenn die Schwerhörigkeit schon einige Zeit unversorgt war, muss das Gehirn, das die Höreindrücke verarbeitet, erst wieder trainiert werden. "Man darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Das Gehirn muss erst wieder lernen, mit den neuen Schalleindrücken umzugehen. Wie eine Fremdsprache erlernt man auch das Hören mit Hörgerät nicht innerhalb von ein paar Tagen, man benötigt auf jeden Fall Monate", sagt Marckhgott.

Isolation und Altersdemenz

Dass sie überhaupt ein Hörgerät brauchen, wollen viele jedoch erst einmal gar nicht wahrhaben. Zu den ersten Anzeichen gehört etwa, wenn die Lautstärke des Fernsehers für andere zu laut ist, wenn man öfter nachfragen muss, wenn man den Eindruck hat, dass Personen nuscheln oder dass die Sprache nicht verstanden wird, wenn viele Menschen gleichzeitig reden oder Hintergrundgeräusche überwiegen. Kommen einem diese Symptome bekannt vor, sollte man rasch handeln. "Der Hörsinn ist ein sozialer Sinn. Wird er nicht trainiert, verliert man die Fähigkeit, aktiv am Leben teilzuhaben und fällt unmerklich in eine akustische Isolation", so Waldstein. Auch der Verstand leidet unter einer unbehandelten Schwerhörigkeit. Diese gilt als großer Risikofaktor für Altersdemenz. "Man kann sagen, dass ein Hörgerät nicht nur das Hören verbessert, sondern generell die Gehirnaktivität anregt", fügt Marckhgott hinzu.

Mini Med: Beim nächsten Termin am 15. Juni informieren Thomas Keintzel und Thomas Rasse ab 19 Uhr im Neuen Rathaus über neueste Ansätze in der Behandlung von Hörstörungen – von Hörhilfen bis hin zur Demenzprävention.
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