10.03.2016, 12:17 Uhr

Neue europäische Rekordwerte einer Kletterpflanze zeichnen Naherholungsgebiete der Linzer aus

Blüten, Blätter und Zweige der gewöhnlichen Waldrebe (Clematis vitalba)
Als Lepidopterologe beschäftige ich mich nicht nur mit der Linzer und linznahen Schmetterlingsfauna, sondern auch mit der artspezifischen Pflanzenwelt in deren Habitaten. Während der Suche nach überwinternden Individuen, im Imago- oder Larvenstadium, fand ich im Februar 2016 eine botanische Besonderheit östlich des linznahen Schiltenbergwaldes vor. Es handelte sich hierbei um Prachtexemplar einer gewöhnlichen Waldrebe (Clematis vitalba), die an der breitesten Stelle der verholzten Hauptsprossachse einen Durchmesser von 9,55 cm aufwies, welches in 6,67 m Länge, nach Erdaustritt, gemessen wurde.
Als Forscher weckte dieses alte Exemplar mein besonderes Interesse dadurch, da sich die Liane im oberen Bereich der Sprossachse nicht annähernd so stark zu verjüngen schien, als bei anderen Individuen dieser Art erkennbar.
Bevor ich dieser Feststellung auf den Grund ging, bestand vorerst meine Aufgabe darin den bisher wissenschaftlich belegten Höchstwert von Einzeltrieben zu ermitteln. Gründliche Nachforschungen waren dafür notwendig, die gleichfalls die fachkundige Unterstützung von Botanikern erforderte, gerade deshalb, um weitere damit im Zusammenhang stehende fachliche Fragen zu klären und daraufhin wissenschaftlich verwertbare Normmessungen an der Pflanze selbst vornehmen zu können. Der Kontakt zu einem namhaften Experten für Kletterpflanzen, Herrn Prof. Dipl.-Ing. Christoph Althaus, welcher für seine Diplomarbeit im Jahre 1985 Normmessungen an Clematis vitalba vornahm, verhalf mir nicht nur zur Klärung meiner fachlichen Fragen, sondern verhalf mir zu wichtigen Zusatzinformationen, die für meine weitere Vorgangsweise von grundlegender Bedeutung waren. Daher möchte ich mich an dieser Stelle bei Herrn Prof. Dipl.-Ing. Christoph Althaus, für die Übermittlung dieser für mich wertvollen Informationen und seiner Erkenntnisse bedanken.
Des Weiteren gebührt mein Dank einem hervorragenden Botaniker des Linzer Biologiezentrums, Herrn Gerhard Kleesadl, der mich bei meinen Nachforschungen unterstützte und ebenso dem Fasadenbegrüner Herrn Thorwald Brandwein, welcher mir gleichfalls bei meinen Recherchen behilflich war.

Zweck meiner Untersuchungen bezüglich Clematis vitalba
1. Ermittlung des Altbestandes ab 25 cm Sprossachsenumfang, im Linzer Natura 2000 Traun-Donau-Auen-Naturschutzgebiet, um aktuelle Höchstdurchmesser dieser Lianenart zu erhalten.
2. Feststellung des Höchstdurchmessers eines freiliegenden Wurzelhalses, in Zentimeter.
3. Erstellung eines Lageplans und Fotonachweis von Pflanzen ab 30 cm Sprossachsenumfang.
4. Begutachtung des rein optischen Dimensionsunterschiedes der Sprossachse von Clematis vitalba, in den oberen Wuchsbereichen.
5. Vergleich zu einem im Schiltenbergwald bei Linz/Ebelsberg gefundenen Individuums.
6. Schutzstellung von Ökosystemen im Bezug auf Altbestände dieser Art.

Ort der Erhebung: Natura 2000 Traun-Donau-Auen Naturschutzgebiet, in Linz.
Ermittlungsdauer dieser Grundlagenforschung: 13.02.2016 bis 20.02.2016.

Methode:
Die Messungen wurden Standardmäßig in 1 m Höhe, ab Erdaustrittsstelle, durchgeführt.
Wenn die Sprossachse in dieser Höhe nicht messbar war, wurde die Normmessung ober- oder unterhalb der Ein-Meter-Marke durchgeführt. Zusätzliche Messungen fanden jeweils an der breitesten Stelle des Einzeltriebes statt, um so den Höchstdurchmesser der Pflanze ermitteln zu können, der für spätere Nachforschungen oder Entwicklungsmessungen ebenfalls von Interesse sein könnte. Sämtliche meiner Messungen wurden, mit straff angezogenem Rollmaßband, an intakten Einzeltrieben (Sprossachse) vorgenommen. Der Durchmesser von selten freiliegenden Wurzelhälsen konnte gleichfalls mit dem Rollmaßband feststellt werden.

1. Ermittlung des Altbestandes von Clematis vitalba, ab 25 cm Sprossachsenumfang, um aktuelle Höchstdurchmesser dieser Lianenart zu erhalten

Meine Suche nach Altbeständen, im Linzer Traun-Donau-Auen Natura 2000 Schutzgebiet, ergab zwölf Funde, wobei ein Einzeltrieb den beachtlichen Umfang von 42 cm (Normmessung) aufwies, was einen Durchmesser von 13,37 cm ergab. In 95 cm Höhe, ab Erdaustritt, wies dieses Klettergehölz sogar einen Sprossachsenumfang von sage und schreibe 43 cm auf, welches einen Durchmesser von 13,688 cm entspricht.
Die bisherigen Recherchen ergaben, dass es bisher noch keine wissenschaftlichen Belege von Einzeltrieben der gewöhnlichen Waldrebe (Clematis vitalba) in Europa gab, die einen Durchmesser von mehr als 8 cm aufweisen.

Herr Prof. Althaus gab mir dazu folgendes bekannt:
Alle Angaben gehen auf seinerzeit gemessene in meiner Diplomarbeit aus dem Jahre 1985 zurück. Dort finden sich auf Seite 121 die seinerzeit durch konkrete Messungen belegten Werte von ca. 10(-14) cm* am Wurzelhals und ca. 6-8 cm* für dicke Einzeltriebe bis 1,5 m Höhe. Der Stern (*) bei den Maßangaben besagt, dass es sich hier um von Prof. Dr. Peter Kiermeier, seinerzeit Institut für Stauden und Gehölze, Staatliche Versuchsanstalt für Gartenbau Weihenstephan, abweichende (größere) von mir festgestellte Durchmesser handelte.
Der Titel der Arbeit lautet: Althaus, Christoph, 1985: Bauwerk und Fassadenbegrünung mit Kletterpflanzen – Risiken, Schäden und präventive Schadensverhütung. Diplomarbeit am Institut für Grünplanung und Gartenarchitektur der Universität Hannover. Band 1, Text. Betreuer: Prof. Dr. H.-J. Liesecke, Universität Hannover und Prof. Dr. P. Kiermeier, TU München. Die Messungen an C. vitalba wurden seinerzeit in inselartigen Auwaldrelikten an alten Exemplaren in unmittelbarer Rheinnähe in Meerbusch bei Düsseldorf vorgenommen. Die Messungen in Meerbusch erfolgten mit einem Maßband.

Weitere Quellen im Internet, wo der Höchstdurchmesser der Sprossachse mit 6 cm angegeben wird:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gew%C3%B6hnliche_Wal...

Anmerkung zum Triebdurchmesser einer weiteren Kletterpflanze, dem gemeinen Efeu (Hedera helix):
Bei Messungen von Triebdurchmessern von Hedera helix zeigte sich, dass diese nicht linear, sondern mit dem Alter exponentiell zunehmen. So hatten 10–jährige Efeutriebe einen Durchmesser um 20 mm, 60-jährige aber bereits von ca. 180 mm. (Quelle: Prof. Christoph Althaus)

2. Feststellung des Höchstdurchmessers eines freiliegenden Wurzelhalses Clematis vitalba

Der meinerseits im Natura 2000 Schutzgebiet festgestellte Höchstdurchmesser des Wurzelhalses von Clematis vitalba, belief sich auf 13 cm. Wie bereits oben erwähnt liegen Wurzelhälse nur selten frei. Herr Prof. Althaus ermittelte beim Wurzelhals einen Höchstdurchmesser von 14 cm.

3. Erstellung eines Lageplans und Fotonachweis von Pflanzen ab 30 cm Sprossachsenumfang

Siehe Anhang.

4. Begutachtung des rein optischen Dimensionsunterschiedes der Sprossachse von Clematis vitalba, in den oberen Wuchsbereichen

Mit zunehmenden Wuchshöhen verringern sich automatisch die Durchmesser der Sprossachsen, was einem natürlichen Vorgang entspricht.
In den Traun-Donau-Auen war in rein optischer Hinsicht feststellbar, dass die meisten Sprossachsen in den oberen Bereichen signifikant an Durchmesser verlieren. Die tatsächliche Länge der Sprossachse spielt dabei eine maßgebliche Rolle. Je länger die emporrankenden Einzeltriebe, desto augenfälliger deren Umfangverlust.
Die Ausbildung neuer Einzeltriebe in den Höhen erweckte den Eindruck, dass die Pflanze in diesen Bereich ausdünnt.
Mitunter wurden neue Triebe früher ausgebildet, sodass die Sprossachse insgesamt kürzer ausfiel, was auch die unterschiedlichen Wuchshöhen des Klettergehölzes erklärt.
An Bäumen klettert diese Pflanze hoch empor, wobei die von mir geschätzte 10 m Grenze des Kletterstrauches durchaus überschritten werden könnte. Daher richtete ich meine Suche vorwiegend nach hohen Bäumen aus, die das stattliche Gewicht dieser Lianenart tragen konnten.

5. Vergleich zu einem im Schiltenbergwald bei Linz/Ebelsberg gefundenen Individuums

Im Vergleich zu den im Natura 2000 Naturschutzgebiet gefundenen Exemplaren, lässt der Einzeltrieb eines im Schiltenbergwald gefundenen Individuums eine nicht so starke Verjüngung in den oberen Bereichen der Sprossachse erkennen. In einer für mich gerade noch messbaren Stammhöhe (Wirtspflanze) von 2,5 m, wies die Sprossachse, ab Erdaustritt, in einer Länge von 6,67 m einen Umfang von 30 cm auf. Die Normmessung ergab einen Umfang von 21,5 cm, welcher sich, bis zur gerade noch messbaren Länge, signifikant erhöhte. Damit lässt die Pflanze, in diesem Bereich, ein exponentielles Wachstum erkennen. Einige Meter oberhalb der höchstmöglichen Messung an der Wirtspflanze, könnte die Sprossachse sogar noch ein paar Zentimeter mehr an Umfang aufweisen.

6. Schutzstellung von Ökosystemen im Bezug auf Altbestände dieser Art

Nicht nur wegen ihrer ökologischen Zeigerwerte, nach Ellenberg, sollte der Art Clematis vitalba mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, sondern auch deshalb, da uns der Altbestand dieser häufig vorkommenden Ruderalpflanze einen nicht zu unterschätzenden Zusatzhinweis bezüglich den Schutz wertvoller Gebiete liefert.
Wie die Artenvielfalt in einem Gebiet, lässt gleichfalls das Vorhandensein von Altpflanzen den Schutzstatus eines Ökosystems erkennen. Altbestände verschiedener Pflanzenarten stellen einen generell wichtigen Bestandteil der Biodiversität dar, beziehungsweise sind für den Biodiversitätsschutz unverzichtbar. Deshalb sollten Altbestände in Ökosystemen identifiziert und erhalten werden.

Bisher bekannte Altersangaben
Prof. Althaus gab mir dazu folgendes bekannt, dass sich ein Exemplar von Clematis vitalba im Botanischen Garten in Höxter befindet, welches gemessen an der Basis 62 mm Triebdurchmesser aufweist und aktuell ein Alter von 15 bis 20 Jahren hat. Der Triebdurchmesser im Botanischen Garten Höxter wurde mit einem Messschieber ermittelt.

Fasadenbegrünung mit Clematis vitalba
Wird dieses Klettergehölz als Fasadenbegrünung eingesetzt, sollte auf ausreichende Stabilität des dafür notwendigen Klettergerüstes geachtet werden, da die sommergrüne Pflanze sehr gewichtige Sprossachsen ausbildet. Berechnungsformeln darüber finden sich in der Fachliteratur.

Eine Liste meiner Geo- und Messdaten wurde bereits dem Linzer Biologiezentrum für die elektronische Weiterverarbeitung, sowie den Eintrag in die Zoologisch Botanische Datenbank (ZOBODAT) übermittelt. Kurz nach der Veröffentlichung dieses Artikels wird auch dieser der ZOBODAT zugeführt.

Anmerkung:
Neben den neuen wissenschaftlich belegten europäischen Rekordwerten von Einzeltrieben der Art Clematis vitalba, bedeutet dies, dass unseren artenreichen Naherholungsgebieten, zu denen das Natura 2000 Traun-Donau-Auen Naturschutzgebiet, als auch der in Linznähe befindliche leider noch nicht geschützte naturnahe Schiltenbergwald gehört, eine wichtige ökologische Bedeutung zukommt und somit diese Waldbiotope einen sehr hohen Schutzfaktor aufweisen.

Auch Schmetterlinge sind auf diese Pflanze angewiesen, wie zum Beispiel das Waldreben-Fensterfleckchen (Thyris fenestrella). Quelle: EBERT, G. (1994): Die Schmetterlinge Baden-Württembergs Band 3.

Ihr Verhaltensforscher
Franz Huebauer
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