29.04.2016, 12:59 Uhr

Nikodim: "Ich lasse jetzt nicht mehr zu, dass das Leben mich lebt"

Die Sängerin Rita Maria Nikodim führte der Verlust ihrer Tochter zu einem bewussteren Leben. (Foto: Franz Baldauf)

Die Sängerin Rita Maria Nikodim hat ihr Kind tot auf die Welt bringen müssen. In ihrem Buch "Mein Lichtkind" gibt sie anderen Eltern Tipps, mit Verlust und Trauer umzugehen und zu einem bewussteren Leben zu finden.

Die Margaretner Sängerin und Schauspielerin Rita Maria Nikodim hat nun ihr erstes Buch veröffentlicht. Der Hintergrund für das literarische Erstlingswerk ist ein tragischer: Nikodim verarbeitet in "Mein Lichtkind" den Tod ihrer Tochter, die sie Ende 2009 tot auf die Welt bringen musste.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ihre Trauer mit dem Schreiben eines Buches aufzuarbeiten?
RITA MARIA NIKODIM:
Es war nicht als Aufarbeitung gedacht, sondern der Prozess des Schreibens war ein wichtiger Schritt für mich, um loslassen zu können. Ich habe auch für mich geschrieben und war mir nicht sicher, ob das veröffentlicht wird. Es war wichtig, diese Gedanken vor sich zu sehen und angreifen zu können, statt sie nur ständig im Gehirn zu haben.

Wann haben Sie gespürt, dass mit dem Kind in Ihrem Bauch etwas nicht stimmt?
Ich habe zum Glück einiges verdrängt. Ich habe im fünften Monat Blutungen bekommen und bin ins Spital gekommen. Anfangs waren die Ärzte noch zuversichtlich - natürlich war meine Hoffnung bis zuletzt groß.

Wieso ist Ihr Kind gestorben?
Da ist vieles zusammengekommen, eine innere Infektion, ich hatte 40 Grad Fieber...Ich hätte nicht gedacht, dass man so schnell Muskulatur verliert, wenn man liegt.

Wie lange waren Sie nach der Geburt in einem emotionalen Ausnahmezustand?
2010 war das längste Jahr in meinem Leben, ich musste jeden Tag neu schaffen. Ein ganz wichtiger Punkt war das Begräbnis, da konnte ich etwas Schönes und Würdevolles für meine Tochter tun. Danach kehrten meine Freunde wieder in ihren Alltag zurück und ich war alleine - man kann sich nicht vorstellen, in welches schwarze Loch man fällt, wenn der Alltag plötzlich nicht mehr da ist. Ich hätte - selbst wenn ich gekonnt hätte - nicht arbeiten können, da meine Karenzvertretung bereits meine Arbeit übernommen hatte - also auch rechtlich ein schwieriger Fall.

Gab es einen Austausch mit anderen Betroffenen?
Ich habe im Dezember im Krankenhaus die Nummer einer Selbsthilfegruppe bekommen, aber die boten seltsamerweise erst im Frühjahr wieder ein Treffen an. Danach habe ich mich in diversen Foren umgesehen, aber das Selbstmitleid war sehr groß. Man kann nicht alle Leute um einen herum tyrannisieren, nur weil einem das passiert ist. Es ist ganz wichtig, aus dem Selbstmitleid auszusteigen!

Wie sieht es mit Mitleid aus?
Mitleid ist schlimm, Mitgefühl ist gut! Empathie ist etwas Schönes, aber ich verstehe schon, dass es nicht leicht ist, mit Jemandem, der so einen Verlust erlitten hat, umzugehen.

Ihr Buch "Mein Lichtkind" trägt den Untertitel "Wie mich der Verlust zu einem bewußteren Leben führte". Wie kann so ein Buch lebensbejahend sein?
Ich lebe jetzt bewußter und auch freudvoller, immerhin war mein Zustand vor der Geburt so schlimm, dass auch ich hätte sterben können. Ich lasse jetzt nicht mehr zu, dass das Leben mich lebt! Man sollte sich wirklich um sich selbst kümmern - ich weiß, Egoisten gibt es schon genug, aber man muss lernen, sich abzugrenzen und nicht mehr verbiegen bis zum Abwinken.

Wie oft denken Sie an Ihre Tochter?
Schwer zu sagen, während dem Schreiben natürlich extrem intensiv. Es ist wichtig, den Punkt des Loslassens zu finden. Ganz schlimm ist Muttertag - das ist der furchtbarste Tag. Ein Albtraum sicher auch für alle Menschen, die ihre Mutter verloren haben oder ein schlechtes Verhältnis zu ihr haben.

Wann war bei Ihnen der Punkt des Loslassens?
Ich hatte ein tolles Erlebnis, das ich auch im Buch beschreibe, das Lichterlebnis. Ich bin daheim vor lauter Schmerz und Elend zusammengbrochen. Plötzlich waren die Schmerzen weg und ich habe weißes Licht gesehen. Das war ein Moment des tiefen, inneren Friedens - diese uferlose Trauer hat sich in ein gutes Gefühl verwandelt. Seit diesem Erlebnis war alles anders, ich weiß jetzt, dass ich zu meiner Tochter eine Verbindung habe.

Welchen Tipp haben Sie für Eltern, die ebenfalls mit so einem Verlust zu kämpfen haben?
Eine Erinnerungsschachtel, in der man Dinge vom und für das Kind aufbewahrt. In meiner sind Babypatscherl, ein Fußabdruck und ein Foto. Es ist enorm wichtig, etwas zu haben um begreifen zu können.

Wie oft machen Sie Ihre Schachtel noch auf?
Gar nicht mehr.

Zur Sache:

"Mein Lichtkind" von Rita Maria Nikodim
ISBN 978-3-85068-957-1
14,90 Euro

Die Buchpräsentation wird am 20. Mai um 19 Uhr in der Buchhandlung FRICK am Graben sein.
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