29.06.2016, 11:54 Uhr

Bezirksvorsteherin Susanne Schaefer-Wiery im Interview: "Nicht jeder, der schaut, dass er eine gute Qualität bei seiner Nahrung hat, ist ein Bobo"

Bezirksvorsteherin Susanne Schaefer-Wiery (l.) mit Redakteurin Maria-Theresia Klenner und Chefin vom Dienst Andrea Hörtenhuber. (Foto: Spitzauer)

Bezirksvorsteherin Susanne Schaefer-Wiery (SPÖ) im Gespräch über Bobos, Zuwanderer und neue U2-Stationen.

MARGARETEN. Ein altes Ölgemälde des Margaretenplatzes, dicke Bücher über den Bezirk am Schreibtisch und die Pläne der Umgestaltung der Reinprechtsdorfer Straße quer über die Wand – schon beim Eintreten in das Büro der Bezirksvorsteherin wird deutlich, mit wie viel Leidenschaft Susanne Schaefer-Wiery ihre Tätigkeit ausübt.

Können Sie Margareten in drei Begriffen beschreiben?
SUSANNE SCHAEFER-WIERY:
Urban, dicht, vielfältig.

Im Fünften gab es ausschließlich SPÖ-Bezirksvorsteher. Auch bei der Wienwahl im Oktober konnten Sie den ersten Platz deutlich verteidigen. Was machen Sie besser als die Anderen?
Die Frage ist, was die SPÖ im Bezirk besser macht. Es ist uns gut gelungen, den Übergang des Bezirks von einem einkommensschwachen Arbeiterbezirk zu einem vielfältigen städtischen Bezirk zu schaffen. Das ist ein Wandel, der sich da positiv vollzieht und hoffe, dass es auch so bleibt.

Wann hat dieser Wandel begonnen?
So etwas ist immer schwer zu sagen - ich glaube, dass das alles schon etwa vor zwanzig Jahren begonnen hat. Es ist sicher kein Prozess der letzten drei Jahre, aber die Geschwindigkeit des Prozesses steigert sich schon.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit der einzelnen Parteien im Bezirk?
Auf Ebene des Bezirksparlaments haben wir einen demokratischen Umgang miteinander. Außerhalb des Bezirksparlaments gibt es - außer mit den Grünen manchmal - eigentlich keine Zusammenarbeit.

Wo sind die Angriffspunkte mit den Grünen und wieso hapert´s mit den anderen so?
Wir haben eine Gruppe Neos im Bezirk, die muss sich erst finden und eine geschrumpfte ÖVP. Je weniger Mandatare, desto schwieriger ist ja auch das Arbeiten. Die FPÖ hat sich sehr umstrukturiert, was das Arbeiten auch nicht einfacher macht.

Könnte man sich wie in Ottakring eine rot-grüne Partnerschaft vorstellen?
Das ist eine Sache der Klubs. Da bin ich einfaches Mitglied, kann mir aber einzelne Projekte vorstellen.

Können heutzutage wirklich noch einzelne Themen den Parteien zugeordnet werden?
Das glaube ich schon! Weil ich denke, dass Themen wie Soziales, Gerechtigkeit und Solidarität schon der Sozialdemokratie zugeordnet werden. Und zu Recht!

Der 4., 5., und 6. Bezirk werden oft in einen Topf geworfen. Wo gibt´s Anknüpfungspunkte?
Anknüpfungspunkte sind durch die räumliche Nähe gegeben, das ist ja verständlich - und - durch eine gewisse deckungsgleiche Bevölkerungsgruppe - logischerweise auch wieder durch die geografische Nähe. In der Kleinen Neugasse ist ja nicht wirklich viel Unterschied, ob ich auf der linken oder der rechten Seite wohne.
Der Unterschied ist, dass der 4. Bezirk traditionellerweise ein bürgerlicher Bezirk war, sozusagen eine ganz andere Geschichte und Hintergrund hat als der 6. und der 5. Wir haben zum Beispiel viel mehr Gemeindebauten als der 4. und 6. Bezirk - wir haben 70 Gemeindebauten. Wir haben hier eine andere Grundstruktur und sind auch beim Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung weit, weit hinter dem 4. und 6. Wir unterscheiden uns schon deutlich.

Wie charakterisieren Sie ihre Bezirksbewohner?
Viele Studenten - das trägt auch nicht zu unserem Pro-Kopf-Einkommen bei. Zuwachs bei den Akademikern und viele ältere Menschen. Ich glaube, das trifft auf alle drei Bezirke zu, dass sie gleichzeitig älter und jünger werden.

Würden Sie sich mehr Familien wünschen?
Ja, ich wünsche mir Familien im Bezirk. Unsere Infrastruktur mit Nahversorgern, einer guten öffentliche Anbindung, kurzen Wegen zu Schulen und Kindergärten, Parkanlagen und dem geplanten Kinderfreibad eignet sich gut für junge Familien.

Wie geht man mit den Studenten als große Bevölkerungsschicht um? Muss man da anders agieren?
Das Schwierige an den Studenten ist nicht der Umgang mit ihnen, sondern die Fluktuation. Das sind keine nachhaltigen Margaretner, sondern sind vielleicht zwei, drei Jahre hier. Das kann gut sein bei Diskussionen über neue Themen, da ist ja immer der Blick von außen gut; wenn es aber um Identität geht, eher schwieriger.

Geht´s im Fünften schon in Richtung Bobo?
Ja, Teile des 5. sind das, was man unter „Bobo“ verstehen würde, wobei das auch wieder ein sehr verallgemeinernder Begriff ist. Ich glaube nicht, dass jeder, der schaut, dass er eine gute Qualität bei seiner Nahrung hat, ein Bobo ist. So wie es sich jetzt vermischt, ist es gut. Sollte es sich mehr in eine Richtung entwickeln, wäre es nicht so gut. Viele Margareten wohnen im Gemeindebau und meistern ihren Alltag abseits biologischer Nahrungsmittel, denn das ist auch eine Frage des Einkommens.

Welche Grätzel gehen Richtung Bobo?
Früher hat man immer gesagt, Margaretenplatz. Ich würde das heute nicht mehr so sehen. Überall, wo vermehrt Dachgeschoße ausgebaut werden - das passiert auch oft jenseits der Reinprechtsdorfer Straße.

Ist das Wort Bobo für sie positiv oder negativ besetzt?
Das ist für mich ein Begriff, so wie Generation X. Das brauchen die Medien, um zu kategorisieren. Ich glaube, es gibt keine eindeutigen Bobos.

Wird Margareten das neue Neubau?
Man muss aupassen, dass nicht nur Schicki-Micki-Geschäfte entstehen - auch wieder so ein Begriff, weil dann wird´s für die Menschen in Margareten schwierig und das kann nicht das Ziel sein.

Margareten hat einen hohen Ausländeranteil mit über 30 Prozent. Die Direktorin der NMS Gassergasse hat mit der Aussage, der Migrantenanteil sei nicht mehr zu bewältigen, für Aufsehen gesorgt. Wie beurteilen Sie die Lage?
Der Anteil der Zuwanderer in Margareten ist seitdem ich denken kann, so hoch. Das ist keine neue Entwicklung. Insofern sehe ich auch nicht so eine aktuelle Herausforderung, wie es vielleicht in den 80er Jahren noch war. Ich glaube, dass diese Vielfalt eine Stärke ist, das vielen Leuten gefällt und sie deshalb in Margareten wohnen. Zur Direktorin: Es ist sicher schwierig, wenn die Kinder keine Sprachkenntnisse und keine Unterstützung von zuhause haben. Ich sehe die Herausforderung, aber ich sehe aber auch in der Tatsache, dass bis zu 98 Prozent der Kinder keine deutsche Muttersprache haben, wiederum eine ganz große Chance. Unsere Aufgabe muss es sein, Lösungen zu finden: Wie schaffen wir das? Wir haben eine gute Vernetzung und die Lehrer sehen, dass sie nicht alleine sind und von uns unterstützt werden. Es gibt regelmäßige Treffen. Dass es Probleme gibt, ist ja nicht die Angelegenheit, sondern das Finden von Lösungen.

Welche Ansätze gibt es vom Bezirk für leistbares Wohnen?
Da ist der Bezirk wirklich sehr machtlos. Zum einen haben wir kaum Neubauten, nur wenn Gründerzeitbauten abgerissen werden. Allein schon der Aufwand treibt die Preise hinauf. Wir haben auch kaum geförderten Wohnbau. Ich sehe ein Hauptproblem der exorbitanten Mieten bei dem Aufschlag auf die Grundmieten und die befristeten Mieten. Immer wieder Maklergebühren, immer wieder Kaution. Das ist aber keine Bezirksangelegenheit, nicht einmal eine Wienangelegenheit, das ist ein österreichweites Problem. Wir können nur Beratungen anbieten, aber keine Gesetze ändern.

Der Bezirk erhält drei neue U-Bahnstationen, eine davon in der Reinprechtsdorfer Straße. Erwarten Sie sich dadurch einen Aufschwung für die Einkaufsstraße?
Ja! Wir hatten schon im vergangenen Jahr die eine oder andere Betriebsansiedlung auf der Reinprechtsdorfer Straße. Ich bin guter Dinge, dass sich das positiv entwickelt.



Wo besteht noch Verbesserungsbedarf im Bezirk?
Verbessern kann man immer und alles. Wir haben kleine Grätzel, wo man verkehrsberuhigend noch etwas tun könnte. Ich sehe das z.B. im Wiedner Zwickel - zwischen der Wiedner Hauptstraße und dem Gürtel, Gassergasse. Da würde ich gerne eine Überprüfung starten. Vielleicht auch rund um den Hundsturm. Grundsätzlich glaube ich, dass man sich laufend die Grätzel im Bezirk ansehen muss, die Dinge ändern sich. Ich weiß auch noch nicht, wie sich der U-Bahnbau verkehrstechnisch auswirkt. Jetzt ist die Reinprechtsdorfer Straße unsere Priorität, dann gehen wir das Nächste an.

Können Sie sich irgendwo noch eine Begegnungszone vorstellen?
Das kann ich mir in ganz vielen Straßen vorstellen, aber Begegnungszonen sind auch kein Allheilmittel. Man muss sich die Frage stellen: Was will man erreichen? Oft ist eine Sackgasse oder Wohnstraße oder ein kleines Stück Fußgängerzone die bessere Lösung. Konkret gibt es nichts Neues.

Sowohl bei der Reinprechtsdorfer Straße als auch beim Einsielderpark haben Sie auf Bürgerbeteiligung gesetzt. Bekommen Sie so Anregungen, die von Planern nicht kommen würden?
Die professionellen Planer haben kreative Ideen, wohnen aber nicht hier. Anrainer sind die Experten, die kennen den Alltag. Dort holt man Ideen. Umsetzen müssen es dann die Planer. Viele Ideen sind leider nicht immer umzusetzen.

Sind Bürgerbeteiligungen ein Vorwand, die Bürger mitreden zu lassen?
Bei der Reinprechtsdorfer Straße haben wir über tausend Bürgerintentionen erhalten, da kann man nicht sagen, das ist nur so eine Pseudogeschichte. Bei elf Bürger-Werkstätten war der Saal immer voll.

Treten Bürger heutzutage heftiger für ihre Wünsche ein als früher?
Ich glaube ja. Es ist wichtig, dass man viele Meinungen hört, aber manchmal ist es schon grotesk. Wir haben ein politisches System in Österreich und am demokratisch gewählten Bezirksparlament führt kein Weg vorbei, sonst wäre das eine Diktatur. Manchmal habe ich das Gefühl, das Interessen für ganz kleine Gruppen vertreten werden, aber damit lernt man umzugehen. Aber ich freue mich, wenn Bürger mit ihren Wünschen zu mir kommen.

2017 kommt in Margareten ein Bürgerbudget. Das wollte die Josefstadt auch einführen, es wurde aber von der Finanzstadträtin gestoppt, weil ein Bürgerbudget nicht in der Wiener Haushaltsordnung vorgesehen ist.
Das war ein anderes Konzept. Ein BürgerInnenbudget ist nicht vorgesehen, das weiß ich. Unser Weg heißt BürgerInnenhaushalt. Bürger können Vorschläge einbringen, wahrscheinlich über eine Plattform - daran arbeiten wir noch. Überlegungen sind, diese Vorschläge zweimal pro Jahr in die Bezirksvertretungssitzung zu diskutieren und als „normales“ Projekt zu beschließen. Wir definieren noch, für welche Bereiche die Vorschläge eingebracht werden, weil es bei einer Schulsanierung wenig sinnvoll ist. Es wird sich voraussichtlich auf den öffentlichen Raum beschränken.

Laut einer Studie der Arbeiterkammer braucht der Bezirksvorsteher mehr Macht. Haben Sie genug Macht, Projekte durchzusetzen?
Macht ist immer relativ. Es gibt ganz viele Formen der Macht. Ich glaube, um die Machtfrage geht es nicht, sondern darum, wie wir effizient und sparsam das Beste für die Bevölkerung tun können. Die Dezentralisierung, wie wir sie jetzt vorfinden, ist eine veraltete Struktur, die man auf ihre Tauglichkeit überprüfen muss. Es gibt verschiedene Arbeitsgruppen der Bezirksvorsteher, die daran arbeiten. Wir könnten etwa sagen, die MA33/Wien leuchtet muss nicht so im Hoheitsgebiet der Bezirke liegen, die Lampen werden eh zentral eingekauft. Ich hätte lieber im sozialen Bereich mehr Hoheit, wie etwa die Errichtung von Grätzelzentren. Wenn in Gebieten viele alte Leute leben oder Familien, wären Sachen wie ein konsumfreier Raum praktisch. Da kann ich jetzt nichts tun, nur sagen, dass es gut wäre.

Könnten Sie sich ein Zusammenlegen der Bezirke vorstellen?
Da bin ich wirklich für alles offen. Es muss nicht immer alles so bleiben, wie es ist. Berlin und die Steiermark haben das geschafft. Wenn es uns allen dient, bin ich offen. Wenn es aber nur um Spieldiskussionen geht, ist es lächerlich. Wenn eine Verwaltungsreform Geld spart, bin ich dafür.

Gibt es noch Möglichkeiten für Grünflächen im Bezirk?
Wir haben begrenzte Möglichkeiten. Man kann nicht hier wohnen wollen und gleichzeitig ein System wie den Wienerwald vor dem Fenster haben - das geht einfach nicht! Wir haben uns sehr um das Begrünen der Baumscheiben gekümmert - das entwickelt sich und ich finde, der Bezirk schaut dadurch auch schöner aus. Kein Hundeklo mehr rund um den Baum - was es ja nie war (lacht). Wir machen auch den Hof des Amtshauses neu, stemmen auf und pflanzen Kräuter für Schulkinder.

Ihre drei Ziele für die nächsten fünf Jahre?
ch möchte gerne, dass wir nach dem Einsiedler- und dem Klieberpark und der Reinprechtsdorfer Straße wieder schöne Projekte finden. Auch im Bildungsbereich wäre es schön, neue Wege zu gehen. Da ich nicht so sehr zum Verwalten neige, sondern lieber gestalte, wünsche ich mir, dass ich wieder Projekte zum Gestalten habe.

Zur Person

Susanne Schaefer-Wiery (55) studierte Kunstgeschichte und Germanistik. 2013 wurde sie als erste Frau in Margareten als Bezirksvorsteherin angelobt.

Alle 23 Bezirksvorsteher im ausführlichen Interview finden Sie in den kommenden Wochen online auf www.meinbezirk.at/bz-interview
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Robert Albrecht aus Margareten | 29.06.2016 | 15:37   Melden
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