19.04.2016, 16:18 Uhr

Kampf gegen Taschendiebe: Ein Polizist, der die Gedanken liest

Der 36-jährige Polizist Michael M. beobachtet die Menschen auf der Mariahilfer Straße ganz genau.

Mariahilfer Straße: Der Polizist Michael M. entlarvt Taschendiebe durch ihre Körpersprache.

MARIAHILF/NEUBAU. Michael M. schlendert die Mariahilfer Straße entlang. Seine Hände sind sicher in den Hosentaschen verstaut. Er betritt das Kleidungsgeschäft "Forever 21". Kurz schaut er sich um, dann macht er wieder kehrt und geht hinaus. Er steuert das nächste Geschäft an: "Bershka". Michael M. verschwindet darin und steht nach ein paar Sekunden wieder auf der Straße. Das gleiche Spiel wiederholt sich bei "Zara". Und bei "H&M". Stets mit den Händen in den Hosentaschen. Stets mit lockerem Schritt.
"Es ist zu wenig los in den vorderen Bereichen. Das interessiert die Taschendiebe nicht", sagt er. Denn die würden meist im Eingangsbereich der Geschäfte zuschlagen, um schnell wieder draußen sein zu können.

"Der Mentalist"

Michael M. ist Polizist, spezialisiert auf Taschendiebstähle. Sein Einsatzgebiet ist die Mariahilfer Straße. Hier ist er in Zivil unterwegs. Seine Herangehensweise: Um Taschendiebe zu erwischen, analysiert er die Körpersprache der Menschen. "Es fällt zum Beispiel auf, wenn einer nicht in die Schaufenster schaut, sondern andere Leute beobachtet", sagt Josef Gaschl, Chefinspektor der Polizeiinspektion Stiftgasse und Vorgesetzter von Michael M. Er war es, der M. viel beigebracht hat. Denn eine spezielle Ausbildung für die Analyse der Körpersprache gibt es nicht. "Man braucht eben einen sechsten Sinn. Und den hat er", so Gaschl über Michael M.

Der Erfolg spricht für ihn. M. hat auf diese Weise 40 Festnahmen im Jahr. So viele wie kein anderer. Intern wird er deshalb "Mentalist" genannt.
Aber auch insgesamt sind die Taschendiebstähle in Wien zurückgegangen. 2014 waren es noch 23.117. 2015 nur mehr 19.408. Das ist ein Rückgang von 16,3 Prozent.

Diebe im Business-Outfit

"Der ist ein Giftler. Das sieht man am Gesicht", sagt Michael M. Er zeigt auf einen jungen Mann in Lederjacke und Jeans – für Laien völlig unauffällig. Er geht weiter und steuert auf das Kleidungsgeschäft "Mango" zu. "Hier ist es super für Taschendiebe, weil das Geschäft so verwinkelt ist." Deshalb geht er auch bis ganz nach hinten.

Im Winter achte er besonders auf Menschen mit langen Schals. Diese baumeln dann vor den Armen, damit der Taschendiebstahl weniger auffällt. Ansonsten seien die Diebe nur schwer an der Kleidung zu erkennen. "Die meisten sind schön angezogen, als würden sie gerade aus dem Büro kommen."

Der Taschendiebstahl auf der Mariahilfer Straße ist laut Polizei fast ausschließlich organisiert. Es seien vorwiegend Banden aus Bosnien, Bulgarien, Rumänien und Nordafrika, die Österreich nach ein paar Tagen wieder verlassen. Die Drahtzieher würden im Ausland sitzen und die Diebe zuvor ausbilden. "Die haben eine unglaubliche Fingerfertigkeit. Die muss man lernen", so Josef Gaschl. Deshalb merke man es auch gar nicht, wenn einem die Geldbörse aus der Tasche gestohlen wird. "Ich habe aber auch schon eine Frau erlebt, die 20 Sekunden lang in einer Tasche gewühlt hat. Und es ist auch nicht aufgefallen", so M. Die Opfer seien meist Frauen und ältere Menschen. Sein Tipp: "Man sollte aufpassen, wenn sich einer dicht an einen herandrängt. Und besonders beim Schuhekaufen nicht die Tasche stehen lassen."

Ob ihm selbst schon einmal etwas gestohlen wurde? "Nein. Aber als ich sechs Jahre alt war, kam mein BMX-Rad weg. Aber nur deshalb, weil ich es gegen einen Sondermüllcontainer gestellt habe und es abtransportiert wurde."
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