10.03.2016, 15:35 Uhr

Drechselstube Nikitsch

NIKITSCH. Im Lexikon finden Sie folgende Erklärung unter dem Begriff "drechseln": durch schnelle Drehung auf einem dazu bestimmten Gerät rund formen". Auch kennt man "sorgfältig gedrechselte Verse; ein Gedicht drechseln; Schmeicheleien drechseln".

Poetisch

Durchaus poetisch kommen auch die Drechselstücke von Werner und Anni Mühlbauer daher. Sie erzählen beredt vom Schicksal des Baumes aus dessen Holz sie gemacht sind: Feuer, Krankheit, Stürme und gute Jahre. "Die Stücke, die sonst "nichts wert sind", sind oftmals die schönsten für uns", sagt denn auch Meister Werner. Und die Schalen, Vasen, die vielen kleinen Kunstwerke vom edlen Schreibgerät bis zu wahren Designer-Knöpfen und Schmuckstücken oder hübschen kleinen Schlüsselanhängern erzählen von der nicht nachlassenden Begeisterung der beiden Wahlburgenländer für die uralte Kunst des Drechselns. An kreativen Ideen und gefinkelten technischen Lösungen mangelt es den Mühlbauers nicht, wenn es um ihre Leidenschaft geht, aber davon später.

Urige Werkstatt

Ich hatte vor ein paar Wochen die Freude, dabei sein zu dürfen, als Meister Werner eines seiner wunderschönen und individuellen Stücke aus einem Stück nikitscher Nussbaum heraus zauberte. In der urigen Werkstatt knisterte warm ein Holzofen. Der Duft der verschiedenen Hölzer kitzelte die Nase. "Hier verbringe ich mehr Zeit als im Haus", stellte Mühlbauer fest, "60 bis 70 Stunden in der Woche sind keine Seltenheit."
Auch mich faszinierte und fesselte sofort die Metamorphose des groben, noch feuchten Holzstückes zu einem duftenden Kunstwerk. Mit jedem herunterfallenden Span offenbarten sich neue Strukturen im Holz, bis zum Schluss blieb es spannend, welche Maserung das Stück letztlich tragen würde. Klar, dass ich "meine" Schale sofort adoptierte.

Materialien

Der Kreativität sind in der Drechselstube Nikitsch scheinbar keine Grenzen gesetzt und tauchen doch welche auf, werden sie offenbar flugs überwunden. So arbeiten die Mühlbauers besonders für ihre kleineren Drechselarbeiten neben verschiedensten Hölzern mit allerlei Ausgangsmaterialien vom Hirschgeweih bis zum Kukuruzkolben, von der alten Weinrebe bis zum exotischen Blütenstand. Die Materialien werden gefärbt, gehärtet, es wird mit einer Vielzahl spannender Farb- und Struktureffekte experimentiert. Beim anschließenden Drechseln offenbaren die Werkstücke dann ihr Inneres, jedes ein Unikat, jedes eine kleine Schönheit.
Seit mittlerweile gut 15 Jahren haben die Mühlbauers ihre Werkstatt nun schon in Nikitsch und sind Wahlburgenländer geworden. Von hier aus reisen sie regelmäßig und mit spürbarem Spaß an der Sache auf die verschiedenen Kunsthandwerksmärkte in ganz Österreich und bis nach Süddeutschland. Der nächste Termin in unserer Nähe ist die "Gartenlust" Anfang Juni auf Schloss Lackenbach - nicht verpassen! Natürlich kann man die schönen Stücke auch direkt in Nikitsch aus der Werkstatt erstehen, in Lackendorf gibt es ebenfalls eine kleine Dauerausstellung.
Die Mühlbauers arbeiten ausschließlich mit einheimischen Hölzern, meist sogar aus der Region wie "meine" Schale aus nikitscher Nussbaum ("vom Bach untern, gleich gegenüber von der Mühle"). Wunderschöne Maserungen geben den Stücken einen jeweils ganz eigenen Charakter.
Und auch das betörend zitronig duftende Zirbenholz wird verarbeitet. Daraus entstehen wunderschöne Brotdosen oder Obstschalen mit genialem Nebeneffekt: durch die ätherischen Öle der Zirbe verschimmelt in einer solchen Dose nie mehr das Brot und auch die lästigen kleinen Obstfliegen können den Zirbenduft der Obstschale erfreulicher Weise so gar nicht leiden.
Da hilft aber im Notfall aber auch schon ein duftendes Sackerl mit Sägespänen von der Zirbe in der Schale aus burgenländischer Nuss, bei deren "Geburt" ich dabei sein durfte. Ein Erlebnis mit allen Sinnen!
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