Franz-Peter Witting, Leiter der Lebenshilfewerkstatt, im Bezirksblatt-Sommergespräch
Seit 15 Jahren arbeitet Franz-Peter Witting in der Lebenshilfe-Werkstatt in der Tränkesiedlung in Reutte, seit 13 Jahren ist er deren Leiter. Wir trafen ihn zu unserem fünften Sommergespräch.BEZIRKSBLATT: Herr Witting, wie kommt man zu dieser Position?
Franz-Peter Witting: „Durch Zufall. Zumindest war es bei mir so. Ich habe ursprünglich Konditor gelernt. Danach hatte ich die Möglichkeit, zwei Jahre bei der Katholischen Jugend als Jugendleiter zu arbeiten. Dann war Veränderung angesagt, also wollte ich eine Tischlerlehre anfangen. Zwei Tage, nachdem ich die Katholische Jugend verlassen hatte, informierte man mich, dass das Elisabethinum in Axams einen männlichen Betreuer sucht. ‚Das ist unmöglich, das mache ich nicht‘, hab ich damals zu meiner Frau gesagt. Die meinte, ich soll mir das trotzdem ansehen. Wie ich hingekommen bin, hat Sr. Maria Magdalena, eine Bichlbacherin, gesagt, sie habe geträumt, man soll mich nehmen. Das war´s.“
BB: Seit 21 Jahren arbeiten Sie bereits mit Menschen mit Behinderung. Hat sich in dieser Zeit etwas geändert?
Franz-Peter Witting: „Wie ich angefangen habe, hat meine Oma gemeint ‚jetzt bist du also Behindertenwärter.‘ Früher hat man unsere Tätigkeit so gesehen: Wir versorgten die Klienten. Später hat man uns als Betreuer gesehen, die darauf schauen, dass es den KlientInnen gut geht. Heute reden wir von Assistenz: Die Klienten sagen uns, was sie brauchen oder wollen, und wir unterstützen sie, dass sie das auch bekommen. Wir sind zum echten Dienstleister geworden.“
BB: Stört es Sie, wenn man von „Behinderten“ spricht?
Franz-Peter Witting: „Ja, sehr. Man muss sich ja einmal die Frage stellen, was eine Behinderung ist? So genau weiß das ja niemand. Wenn jemand schlecht hört, denkt man sich nicht so viel. Sobald man taub ist, gilt man als behindert. Aber wo ist der Übergang? Und wenn sich plötzlich alle in der Gebärdensprache unterhalten würden, wäre die Behinderung weg.“
BB: Haben Sie für sich selbst die Antwort gefunden, was Behinderung ist?
Franz-Peter Witting: „Nein. Manchmal werde auch ich von der Gesellschaft behindert - dann, wenn ich etwas machen möchte, es aus irgendwelchen Gründen heraus aber nicht kann.“
BB: Ärgert es Sie, dass viele Menschen zwischen körperlicher und geistiger Behinderung unterscheiden?
Franz-Peter Witting: „Eine körperliche Behinderung ist leichter definierbar. Bei einer geistigen ist das schwer. Eigentlich weiß ich auch nicht, was das sein soll. Aber sicherlich geht es darum, dass jemand den Anforderungen der Gesellschaft nicht entspricht. Aber betrachten Sie das einmal so: Wenn jeder Mensch 100 Meter in 10 Sekunden laufen müsste, würden viele als behindert gelten. Bei vorgegebenen 12 Sekunden wären es viel weniger.“
BB: Im Bezirk Reutte gibt es keine Sonderschule. Alle Kinder mit einer Behinderung sind in die normale Schule integriert. Ist das ein Vorteil?
Franz-Peter Witting: „Ein sehr großer sogar. Nehmen wir die Klientin H.S.. Sie ist seit 20 Jahren bei uns. Sie fühlt sich wohl und möchte nicht mehr weg. Wäre H. in eine Integrationsklasse gegangen, dann wäre sie garantiert heute irgendwo in der Privatwirtschaft tätig. Das würde H. auch heute bewerkstelligen, aber sie will nicht mehr von uns weg, und das respektieren wir nach so vielen Jahren.“
BB: Die Sonderschule wurde abgeschafft, kann das der Lebenshilfe auch passieren?
Franz-Peter Witting: „Ich glaube nicht. Aber unsere Angebote werden sich weiter verändern müssen, und das tun sie auch. Das Jobcoaching wird immer wichtiger, ebenso die Beratung. Wir spüren, dass da vieles in Bewegung ist, und wir stellen uns diesen Herausforderungen. Das beste Beispiel ist das ‚Speckbacher Haus‘ im Obermarkt. Hier haben wir den Weg ins Zentrum gesucht. Die Angebote im Haus werden sehr gut genützt.“
BB: Kann man an der Arbeit mit Menschen mit Behinderung „zerbrechen“?
Franz-Peter Witting: „Das Modewort ‚Burnout‘ ist im Sozialbereich sehr präsent. Aber es hängt davon ab, wie man an die Arbeit herangeht. Am gefährdetsten sind Personen, die helfen wollen. Unsere Klienten brauchen aber Begleitung, und keine Hilfe. Daher gibt es auch keine übertriebene Dankbarkeit. Mit dieser Tatsache können einige Interessent|innen nicht umgehen.“
BB: Die Lebenshilfe sorgt immer wieder einmal für negative Schlagzeilen. Was denken Sie sich dann?
Franz-Peter Witting: „Das tut natürlich weh. Aber die Lebenshilfe Tirol ist eine riesige Organisation. In Tirol gibt es 1200 Mitarbeiter. Da kann schon einmal etwas passieren. Ich durfte aber erleben, dass Menschen kommen und sagen ‚macht weiter so, ihr macht das richtig‘. Das freut mich dann wieder.“
BB: Sie stehen voll und ganz hinter den Menschen, die Sie betreuen, und augenscheinlich auch voll hinter der Lebenshilfe. Gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, die sagen, ‚Franz-Peter, jetzt hör aber auf‘?
Franz-Peter Witting: „Es gibt Menschen, die manches zuerst nicht richtig verstehen, z.B., wenn wir drei Leute nach Nagano schicken. Wenn ich ihnen dann im Gespräch erklären kann, dass sich auch diese drei Menschen mit Behinderung über die Japan-Reise zu den Special-Olympics freuen - so wie jeder andere auch - dann steigt das Verständnis. Es geht im Leben um Lebensfreude. Das ist bei allen so. Auch bei Menschen mit Behinderung.“
Interview: Günther Reichel







