06.09.2016, 10:24 Uhr

Der Schwan - Wappen oder Totemtier?

Wappen der Gemeinde Schwangau
Die Tatsache, dass der Schwan zum Namensgeber und Wappentier der Ritter von Schwangau geworden ist, ist bisher nur sehr wenig gewürdigt worden. Noch bevor die Schwanenrittersage sich in Europa verbreitet hat, wählen die Ritter von Schwangau den Schwan zu ihrem Wappentier. Es stellt sich die Frage, ob dieser Wahl nicht nur heraldische Gründe sondern die Vorstellung von einem Totem-Tier zugrunde liegt.

Heraldisch bedeutet der Schwan Vollkommenheit, Schönheit und Anmut. Es stellt auch Reinheit, Königlichkeit, Licht, Liebe, Gnade, Aufrichtigkeit, Harmonie, Gelehrigkeit und Perfektion dar, einen Schwan im Wappen zu führen. Die Symbolik des Schwans ist uralt. Der Volksglaube sagt, dass sich Engel manchmal in Schwäne verwandeln und deswegen immer mit Schwanenflügeln dargestellt werden. Bei den Kelten war es der Schwan, der die Barden zu Liedern inspirierte. Seine Anwesenheit galt als Botschaft und Zeichen (mir „schwant“ etwas). Wie der Storch trägt der Schwan die Farben der Muttergöttin: schwarz-weiß-rot. Die Urvölker in Europa verehrten ihn deswegen als göttliches Tier. Anders als das Töten und Essen von Gänsen und Enten war deswegen die Tötung eines Schwanes mit einem Tabu belegt.

Das Wort Totem stammt aus der Sprache der nordamerikanischen Indianer (ototema) und bedeutet Sippe, Ahnen, blutsverwandte Geschwister. Möglicherweise besteht eine Verbindung zu dem Wort Odem = Atem, Hauch, wie es sich auch Bestandteil in Vornamen wie Otto und Ottilie (= Od-Linde, denn tilia = lat. Linde) findet. Totemistische Vorstellungen, dass eine Sippe oder eine Adelsfamilie von einem Tier abstammt, oder sich wieder in dieses Tier verwandeln kann, sind in Europa sehr selten. Die Fanes-Sage in den Dolomiten enthält bezüglich der Murmeltiere solche Anklänge. Die totemistische Tierabstammung ist wiederum immer mit dem Motiv der „Mahrten-Ehe“ verknüpft: ein menschlicher Partner trifft einen geheimnisvollen Fremden, der weder Name noch Abstammung preisgibt, aber im Falle der Ehe Glück und Fruchtbarkeit bringt. Die Ehe kommt zustande, ein mächtiges Herrscherhaus entwickelt sich, aber unvermeidlich wird das auferlegte Tabu vom menschlichen Partner gebrochen. Der übernatürliche Partner ist dabei immer einen Augenblick lang in seiner Tier-Natur zu erkennen, verschwindet dann und kehrt nie wieder zurück. Die beiden bekanntesten Varianten dieses Motivs sind einerseits die Melusinen-Sage (die Geschichte von der Schlangenfrau, von der das Geschlecht der südfranzösischen Lusignan ihren mythischen Ursprung herleitet) und andererseits die Sage vom Schwanenritter.
„Nie sollst du mich befragen,
noch Wissens Sorge tragen,
woher ich kam der Fahrt,
noch wie mein Nam’ und Art.“
(aus der Oper Lohengrin von Richard Wagner)

Sollte es zu den Rittern von Schwangau einmal eine Schwanen-Gründungssage gegeben haben, so ist sie nicht bis in die heutige Zeit überliefert worden. Über König Ludwig II. von Bayern hat sich jedoch das Schwanenrittermotiv wieder mit Hohenschwangau verbunden. In der Chronik des Schlosses ist festgehalten:
Es ist der 21. November 1865. Der Theatermaschinist Penkmayr hatte eben ein prachtvolles Feuerwerk über dem Alpsee abgebrannt. Da stellte man schon eine Szene aus Wagners “Lohengrin” auf dem Alpsee nach - die Ankunft des Schwanenritters. Eine bessere Szene hatte man für dieses malerische Stückchen Erde sicher auch kaum finden können. Ein großer, kunstreich nachgebildeter Schwan zog einen Kahn mit Lohengrin an Bord. Darauf befand sich Ludwigs Flügeladjutant Paul von Taxis, der den Schwanenritter Lohengrin imitierte. Den Schwanenritter beleuchtete man dabei mit einem elektrischen Licht. Dazu wurde die entsprechende Musik aus dem Lohengrin gespielt. Und weil dieses Schauspiel Ludwig II. derart begeisterte, wurde das ganze am darauf folgenden Tag noch einmal wiederholt.
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