23.03.2016, 15:16 Uhr

"Brauchen mehr Wohnplätze"

Helga Scheidl aus Ried ist die neue Präsidentin der Lebenshilfe Oberösterreich

Die Oberösterreichische Präsidentin der Lebenshilfe, Helga Scheidl aus Ried im Innkreis, im Interview mit der BezirksRundschau.

RIED (ebe). Seit Herbst 2015 ist Helga Scheidl Präsidentin der Lebenshilfe Oberösterreich. Die Riederin ist schon seit vielen Jahren ehrenamtlich für die Lebenshilfe tätig, vorher als Obfrau der Arbeitsgemeinschaft Ried, später als Vizepräsidentin.

BezirksRundschau: Seit 15 Jahren sind Sie ehrenamtlich für die Lebenshilfe tätig, wie haben sie zu dieser Berufung gefunden?
Helga Scheidl:
Mein jüngster Sohn ist selbst beeinträchtigt. Als er 2001 einen Platz in der Werkstätte der Lebenshilfe in Ried erhielt, begann ich mich dafür zu engagieren. Schon drei Jahre später landete ich im Landesvorstand.

Welche Tätigkeiten gehören als Präsidentin nun zu ihrem Aufgabenfeld?
Ich vertrete das Land Oberösterreich in Gremien und Sitzungen und fungiere als Sprachrohr für alle Bezirke und Arbeitsgruppen. Aber auch bei Eröffnungen bin ich dabei. Das wären mir eigentlich die liebsten Termine, allerdings werden sie immer seltener.

Warum ist das so?
Seit der Finanzkrise 2009 ist Stillstand eingetreten. Anstatt neue Wohnheime zu errichten und Arbeitsplätze zu schaffen, wurden unsere Förderungen gekürzt. Somit stehen wir vor einem Engpass. Hunderte von Menschen mit Beeinträchtigung brauchen landesweit dringend einen betreuten Wohnplatz und es ist keine Besserung in Aussicht.

Wie sieht die Situation in Ried aus?
Derzeit stehen 20 Personen auf der Warteliste. Die Situation hat sich verändert. Die Lebenserwartung auch von beeinträchtigten Menschen steigt, die pflegenden Angehörigen sind selbst schon pflegebedürftig. Uns ist wichtig, dass jeder junge Erwachsene den Schritt wagen kann, daheim auszuziehen und einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Jeder hat das Recht auf einen eigenen Wohnplatz.

Im Gespräch sind Alten- und Pflegeheime als Wohnstätten für Betroffene. Was halten Sie von diesem Lösungsansatz?
Alten- und Pflegeheime sind wirklich nur im Ausnahmefall für die Behindertenbetreuung geeignet. In der UN-Behindertenrechtskonvention ist festgehalten, dass Menschen mit Beeinträchtigungen ein aktivierendes und förderndes Umfeld brauchen. Dieses finden sie allerdings nicht in einem Pflegeheim. Sie brauchen junge Menschen, neben denen sie ihren Alltag meistern.

Dieses Umfeld findet sich Ihrer Meinung nach wo?

Das kann in Wohnhäusern oder Wohngemeinschaften, bei selbstständigen Personen auch nur mit stundenweiser Betreuung oder zuhause sein. Allerdings stoßen wir hier auf das nächste Problem. Wird eine beeinträchtigte Person von Angehörigen gepflegt, müssen Kurzzeitpflegeplätze zur Verfügung stehen, um Auszeiten für die Angehörigen zu ermöglichen. Allerdings fehlen diese derzeit gänzlich.

Wie sehen Ihre Ziele in der Zukunft aus?
Wir werden im Bezug auf die Finanzen weiter kämpfen, es braucht einen Aufschwung in der Lobby. Ein Schwerpunkt ist die Unterstützung durch Freiwillige, wir wollen Brücken schlagen zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Unsere begrenzte Zahl an Betreuern engt die Angebotsmöglichkeiten ein. Wir freuen uns, wenn jemand bei Freizeitaktivitäten einen Klienten mitnimmt. Wer Zeit mit beeinträchtigten Menschen verbringt, macht nicht nur sich selbst ein Geschenk.

Was wünschen Sie sich?
Mein größter Wunsch ist, dass Beeinträchtigte genauso gesehen werden wie andere Menschen auch. Ich lade gerne jeden Politiker, der tragende Entscheidungen über die Lebenshilfe trifft, ein, eine Woche bei uns zu verbringen. Vielleicht würde so mancher seine Haltung ändern.

Interesse?

Lust auf eine ehrenamtliche Tätigkeit bei der Lebenshilfe? Sie ermöglichen einen Brückenschlag in die Gesellschaft. Kontakt unter 07752 / 83 2 53
oder th-ried@ooe.lebenshilfe.org
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