21.04.2016, 08:00 Uhr

Ein Leben ohne Kriminalität

Die elektronische Fußfessel - die Sozialarbeiter von Neustart führen im Auftrag der Justizanstalt eine Analyse zur Eignung durch. (Foto: Neustart)

Im April ist die Organisation Neustart in die neuen Büroräumlichkeiten am Rieder Roßmarkt umgezogen. Von dort aus werden 400 Klienten aus dem gesamten Innviertel betreut.

RIED (ebe). Neustart bekennt sich zu einem Umgang mit Kriminalität, der die Bearbeitung von Ursachen in den Mittelpunkt stellt und nicht bloß die Abschreckung. So lautet die Mission von Neustart. Egal ob Bewährungshilfe, Deeskalation und konstruktuve Konfliktlösung oder die Begleitung und (Re)Integration von Tätern in die Gesellschaft – das Angebot ist breit gefächert. "Unser Auftrag ist es, den Menschen zu helfen, ein deliktfreies Leben zu führen", weiß Lukas Schmid, Leiter von Neustart Oberösterreich. Neben einer raschen Hilfe für Opfer gibt das Team von Neustart auch Tätern einen zweite Chance und sorgt für Integration statt Ausgrenzung.

Hilfe bei Haftentlassung
Insgesamt gibt es in Oberösterreich vier Standorte. Vom Büro in Ried aus werden rund 400 Klienten in Braunau, Ried und Schärding betreut. 14 Angestellte, der Großteil sind Sozialarbeiter, kümmern sich um Angelegenheiten wie Bewährungshilfe, Tatausgleich oder Haftentlassungshilfe. "Wir plädieren vor Gericht eher für eine bedingte Entlassung. Dadurch bekommen die Täter Haftentlassunghilfe und können bei der Rückkehr in den Alltag begleitet werden" so Schmid. Ermöglicht es das Delikt, kann durch einen Tatausgleich auch eine Gerichtsverhandlung vermieden werden. Dabei stellt ein Sozialarbeiter den Kontakt zwischen Beschuldigtem und Opfer her und sucht gemeinsam mit ihnen nach einer Möglichkeit, den Schaden wieder gut zu machen. In 70 Prozent aller Fälle kann einen Einigung gefunden werden, bei Jugendlichen liegt die Erfolgsquote sogar bei über 85 Prozent. Im Fokus der Arbeit von Neustart ist der Klient selbst, allerdings spielt das System Familie oft eine große Rolle, und wird in die Arbeit mit einbezogen.

Elektronische Fußfessel
In der Justizanstalt Ried werden zwölf Menschen im elektronisch überwachten Hausarrest betreut, das sind im Verhältnis viele. "Im Auftrag der Justizanstalt führt Neustart eine Analyse des Umfeldes durch, ob die Gegenheiten für das Tragen einer Fußfessel geeignet sind. Die Wohnung und das Lebensumfeld, auch der Arbeitsplatz, das Einkommen und die Tagesstruktur werden überprüft. Mit Angehörigen wird gesprochen, ob das Umfeld geeignet ist, für einen elektronisch überwachten Hausarrest. Erst nach einer positiven Stellungnahme wird der Justizanstalt das OK für die Fußfessel gegeben. "Daraufhin erstellt Neustart ein Aufsichtsprofil, der Sozialarbeiter erarbeitet mit dem Fußfesselträger einen genauen Wochenplan, der an die Justizanstalt weitergeleitet wird. Somit kann die Überwachung über die Basisstation im Wohnbereich kontrolliert ablaufen", weiß der Leiter von Neustart Oberösterreich, Schmid.

Herausforderungen in der Arbeit
Die Beziehung des Sozialarbeiters zum Klienten ist enorm wichtig und Grundlage für gelingende Arbeit. "Die Kunst ist, vom kooperieren "müssen" zum kooperieren "wollen" zu kommen", weiß Schmid, "die Auseinandersetzung mit dem Delikt ist eine wichtige Voraussetzung für künftige Verhaltensänderung." Auch Suchtprobleme stellen eine Hürde dar. Die Behandlung dieser ist ein langer Prozess, der aber oft weg aus dem Kriminalitätsfeld führt.

Erfolgsrezept
Das Leben ohne Kriminalität zu schaffen, dabei hilft Neustart. "Sieben von zehn Menschen werden in ihrer Probezeit nicht mehr straffällig. Positiv ist es für unsere Mitarbeiter vor allem, wenn sich Menschen stabilisieren, Fuß fassen und eine fixe Arbeitsstelle bekommen oder eine Familie gründen", so der Leiter. Dabei spielt die Qualität der Kooperation eine große Rolle. Begegnung auf Augenhöhe, Wertschätzung und Respekt sind wesentlich.

Pilotprojekt
Aber nicht nur in der Arbeit mit Kriminalität ist Neustart aktiv. Vor knapp zwei Jahren wurde von der Berufsschule Ried eine Initiative gestartet. "Die Sozialarbeit in Berufsschulen zu installieren war uns als Lehrerteam enorm wichtig. Denn sowohl Schüler als auch Lehrer stoßen persönlich und in der Gemeinschaft immer wieder an ihre Grenzen", erklärt Gabi Luschner, Pädagogin an der Berufsschule Ried. Zwei Sozialarbeiter stehen pro Woche sechs Stunden für Gespräche zur Verfügung. "Die Schüler können aus Eigeninitiative und während der Unterrichtszeit hingehen, und sich Hilfe holen. Sigrid Koberger und Bernhard Eisl wechseln sich jede Woche ab. Unter dem Namen "SOBS" Sozialarbeit in der Berufsschule bieten sie sowohl in den zehn Wochen als auch darüber hinaus ihre Unterstützung an. "Not- und Krisensituationen tauchen immer wieder auf. Die beiden Sozialarbeiter von Neustart sind auch telefonisch und per Mail erreichbar. Durch die professionelle Begleitung der Schüler wurden schon mehrere Lehrabbrüche verhindert", weiß Luschner und betont, "Die Sozialarbeit kommt sowohl Schülern, Lehrern als auch dem Lernerfolg zu Gute." Auch Workshops zur Gewaltpräävention gehören zu ihren Aufgaben. "Die Zusammenarbeit mit den engagierten Lehrkörpern in Ried ist sehr positiv", betont Schmid. Mittlerweile wurde dieses Projekt mit Wurzeln in Ried, auf vier Schulen in Oberösterreich ausgeweitet.

Neustart stellt die Bearbeitung von Ursachen in den Mittelpunkt und nicht bloß die Abschreckung. Damit schaffen sie eine gesamtgesellschaftliche Sicherheit, weil Rückfälle vermieden werden. Die Vergangenheit verarbeiten, die Gegenwart bewältigen und somit die Zukunft sichern. Mehr Infos auf www.neustart.at
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