25.04.2016, 09:50 Uhr

Die Zeit der Bänkelsänger

Die Zeit der Bänkelsänger


Der Bänkelgesang wurde vielfach sogar illustriert: Die Sänger trugen Tafeln mit sich, die oft grell bemalt waren.



Bereits 1709 ist der Begriff "Bänkelsänger" zum ersten Mal aufgetaucht, obwohl schon im Jahrhundert zuvor diese Art der gesungenen Nachrichten- oder Geschichtenübermittlung hoch in Mode war. Sogar Teamarbeit war bereits gefragt: die Bänkelsänger traten als Paar auf, wobei meist Frauen sangen, während sich die Männer um ihre Instrumente kümmerten.
Auch wenn diese Vorträge meist nur zum Gaudium der Menschen diente, darf jedoch nicht vergessen werden, daß sie oft wichtige Neuigkeiten, ja sogar (halb-)amtliche Mitteilungen brachten, die den Menschen sonst nicht zugänglich gewesen wären. Unlängst erst hörten wir die Erzählung eines Südkärntners, der er als Bub noch erlebte, daß am Sonntag - meist nach der Messe - ein Mann vor der Kirche stand und die neuesten Gesetze vortrug, an die sich die Bergbauern zu halten haben. In diesem Fall ging es um um die unerlaubte Schnapsbrennerei(!). Wer sich dieses Vergehens schuldig machte, mußte mit einer hohen Geldstrafe rechnen. Interessanterweise soll dieser Vortragende gleichzeitig auch eine Art "Rechtsberater" gewesen sein, denn auf die Frage eines witzigen Bergbauern, "was, wenn ich das Geld nicht habe", soll der Kundige flugs geantwortet haben: "Dann geht´s halt ins Gefängnis für vierzehn Tage, das kommt euch billiger!"
Doch im 17., 18. und 19. Jahrhundert, als man für ein Vergehen wie Diebstahl noch mit dem Abhacken der Hand zu rechnen hatte, wird ein Dieb wohl mehr darüber nachgedacht haben, ob er dieses Risiko eingehen soll. Oft wurde wohl die Frage gestellt, wie viele Menschen es in jener Zeit waren, die nur mehr eine Hand hatten. Wäre diese Strafe heute noch aufrecht müßten nach der aktuellen Kriminalstatistik weit mehr als über 200.000 Menschen einhändig herumlaufen oder gar kopflos.
Der Bänkelgesang wurde vielfach sogar illustriert: Die Sänger trugen Tafeln mit sich, die oft grell bemalt waren. Nun konnten die schaurigen Vorträge mit aktuellem, historischem oder schaurigem Inhalt lauthals vorgesungen, vorgetragen werden, und die Menge erfuhr alles Wissenswerte über Morde, Diebstähle, Raubüberfalle und darauf folgende Hinrichtungen. Natürlich hatten auch Naturkatastrophen ihren Platz, vor allem die Brände und Überschwemmungen, die damals keine Seltenheit waren.

Eine ganz besondere Spezies entwickelte sich unter den Bänkelsänger: die sogenannten "Fratschlerinnen". Nicht seßhafte Obstverkäuferinnen zogen mit ihren gefüllten Obstkörben oder Butten in der Gegend umher, waren oft nicht sehr zart besaitet. Ihr loses Mundwerk, führten schließlich sogar dazu, daß auch andere, die dieselben Merkmale besaßen, als "Fratschlerinnen" gekennzeichnet wurden.
Die Fratschlerinnen waren, ob sie nun Obstverkäuferinnen waren oder nicht, ein beliebtes Objekt für die damaligen Humoristen der Wiener Szene. Wer erinnert sich da nicht an das Musical "My Fair Lady" mit Audrey Hepburn als "Eliza" und Rex Harrison als exentrischer Professor Mr. Higgins in den Hauptrollen. Als Mr. Higgins Elisa "Geh wuuuuuuusch!" hören schrie, kam er auf die Idee eines wissenschaftliches Experiments, das durch eine ausgebildete Sprache aus dem ungebildeten Blumenmädchen eine Lady machen sollte.
Aber wir können uns auch die Wiener Fratschlerinnen vorstellen, wenn es jemand wagte, das dargebotene Obst anzugreifen. "Krapl net des Obst an, entweder du kaufst deees oder ziagst ooh!" Was eindeutig war und keiner psychoanalytschen oder wissenschaftlichen Deutung bedurfte. Und Gott sei`s auch gedankt, daß sich auf den Wiener Märkten keine gelangweilten Professoren herumtrieben, denn unseren Humoristen wäre einiges entgangen, die Wiener gutturalen Laute von den Märkten verschwunden.
Ihr Obst verkauften die Fratschlerinnen vor allem in der Nähe der Stadttore, später dann auf dem Naschmarkt und auf der Schanzel in der Nähe vor dem Rotenturmtor, wo sich der bedeutendste Obstmarkt befand. Im 19. Jahrhundert übersiedelte der Schanzelmarkt vor den heutigen Ringturm am Schottenring, um die Jahrhundertwende verschwand dann der Markt und mit ihm auch die letzten "Fratschlerinnen". "Ausfratscheln", sagen wir ja heute noch, wenn jemand von uns etwas wissen will – und wir mit unserem Wissen partout nicht herausrücken wollen.

Der Bänkelgesang wuchs auch zu einem guten Geschäft heran, als man die Texte drucken ließ und sie dann nach den Vorträgen verkaufte. Die Texte, die die Bänkelsänger – meist anonym – verfaßten, wurden als "Moritaten" bezeichnet. Die bekannten Melodien, die die Bänkelsänger sangen, wurden zum großen Teil aus Volksliedern entnommen. Der Begriff "Moritat" ist wohl durch zerdehnendes Singen des Wortes “Mordtat” (etwa Mo-re-dat) entstanden. Heute haben wir die Kenntnisse der Moritaten vielen Historikern, Volkskundlern und Liedersammlern zu verdanken
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Iris Wilke aus Land Wien | 25.04.2016 | 10:48   Melden
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Erika Bauer aus Bruck an der Mur | 25.04.2016 | 12:47   Melden
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Christine Draganitsch aus Eisenstadt | 25.04.2016 | 19:14   Melden
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Ilse Hanold aus Rudolfsheim-Fünfhaus | 25.04.2016 | 19:53   Melden
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Karl Vidoni aus Innsbruck | 25.04.2016 | 22:07   Melden
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Fritz Plankenauer aus Rudolfsheim-Fünfhaus | 26.04.2016 | 01:22   Melden
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Ilse Hanold aus Rudolfsheim-Fünfhaus | 26.04.2016 | 10:49   Melden
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