10.05.2016, 00:00 Uhr

Gekocht wird, was in die Tonne kommt

Waste-Diver Lukas Uitz hält Ausschau nach genießbaren Lebensmitteln in der Mülltonne eines Supermarktes.

REPORTAGE: Es ist eine Grauzone und passiert in der Dämmerung: Waste-Diver fischen Lebensmittel aus dem Müll.

Vorsichtig dreht Sebastian Braun die Grapefruit in der Hand, prüft ihre Unversehrtheit und legt sie dann zu den Bananen und Tomaten in die Kiste. Dann greift er nach dem ersten von zwei welken Salathäupteln. Im Lichtkegel der Stirnlampe entfernt er mehr als nur die äußeren Blätter. Dann nickt er zufrieden: "Die Salatherzen kann man noch gut verwenden." Beide landen – so wie später noch ein Karfiol und anderes Obst und Gemüse in der Kiste. Sebastian Braun ist Koch und wird tags darauf ein mehrgängiges Menü zubereiten – nicht für die Gäste des Hotels Heffterhof, in dem er Küchenchef ist, sondern für "freiwillige" Esser. Denn die Zutaten stammen nicht frisch vom lokalen Lieferanten wie üblicherweise, sondern viel weniger frisch aus den Mülltonnen von Salzburger Supermärkten.

Die Tonnen sind randvoll

Beim Dumpstern oder Waste-Diven, also dem Herausholen weggeworfener Lebensmittel aus Mülltonnen, steht ihm der Salzburger Lukas Uitz zur Seite. "Montag- und Donnerstagabende sind hier im Stadtteil Maxglan die besten Tage dafür, denn an den Tagen sind die Tonnen bis an den Rand voll, weil die Müllabfuhr kommt", erklärt Lukas Uitz. Er legt Wert darauf, dass es sich um keinen "Müll", sondern immer noch um Lebensmittel handelt, die er aus dem Abfall holt. Einmal waren es fünf Gläser Honig, die in einer Sechser-Packung waren, ein Glas davon war gesprungen, die restlichen fünf Gläser außen voller Honig, sonst aber unversehrt.

Menge ernährt Seekirchen


Stündlich landen in der Stadt Salzburg 500 Kilo Lebensmittel im Müll. Pro Tag sind das 12.000 Kilo, im Jahr 4.380 Tonnen. Das Phänomen beschränkt sich nicht auf die Landeshauptstadt; in Stadt und Land Salzburg werden jährlich 10.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen, österreichweit sind es 96.000 Tonnen, weltweit 1,3 Milliarden Tonnen. Am häufigsten entsorgt werden Brot und Backwaren, gefolgt von Obst und Gemüse. Milchprodukte und Eier liegen an der dritten Stelle. Das Bedenkliche: Vieles, was dort landet, wäre durchaus noch genießbar. Mit der Menge an Lebensmitteln, die allein in der Stadt Salzburg jährlich in die Mülltonnen geworfen wird, könnte ganz Seekirchen versorgt werden.

Wir finden jede Menge Brot

Als Gegenbewegung und als Protest, aber auch als Möglichkeit, kostenlos an Lebensmittel zu kommen, hat sich das Waste-Diven mittlerweile auch in Salzburg etabliert. "Ich mache das, weil ich ein Zeichen gegen die Verschwendung setzen möchte, und weil viele Lebensmittel im Müll noch sehr genießbar sind. Bevor jeden Tag aufs Neue wieder Energie für Lebensmittel verschwendet wird, die dann wieder nur im Müll landen, greife ich lieber zu den Dingen, die schon produziert worden sind und ansonsten keine Verwendung finden", sagt Lukas Uitz. Er beugt sich über eine Mülltonne vor einem Supermarkt in der Maxglaner Hauptstraße und holt jede Menge Brot – Mehrkorntoast, verschiedene Weckerl und abgepacktes Plundergebäck heraus. Dazu kommen noch Ziegenkäse im Speckmantel, Joghurt, Mozzarella, Schnittkäse, Kekse und sogar Fanta.

Wir treffen "Kollegen"

"Vor ein paar Wochen habe ich hier eine ganze Menge Tafeln Schokolade gefunden", erzählt ein hinzugekommener Waste-Diver. Er fischt ein paar faulige Kartoffeln aus einem zwei-Kilo-Netz heraus, den Rest teilt er sich mit Sebastian Braun und Lukas Uitz. "Wollt ihr diese Joghurts haben?", fragt er dann. Kurz darauf ist eine weitere Waste-Diverin vor Ort. Man kennt sich, fragt, teilt, nimmt nur soviel, wie man wirklich braucht. Das Ganze noch einmal in den Müll zu werfen wäre wenig sinnvoll. Waste-Diver sind meist mit dem Fahrrad unterwegs, mit Rucksack oder mit einem Anhänger – so wie Lukas Uitz. Dort liegen in zwei Kisten nun reichlich Lebensmittel aus dem Müll – alle haben die erste Sichtkontrolle von Küchenchef Sebastian Braun überstanden.

Haushalt wirft 387 Euro weg


Laut der von der EU finanzierten Untersuchung "Preparatory study on food waste across EU 27" gehen 42 Prozent aller weggeworfenen Lebensmittel auf das Konto privater Haushalte. 39 Prozent landen bei den Herstellern im Müll, 14 Prozent in der Gastronomie und fünf Prozent bei den Einzelhändlern. Zehn Prozent des Salzburger Haushaltsmülls besteht aus genießbaren Lebensmitteln, das sind Lebensmittel, die noch originalverpackt oder nur angebrochen sind. Noch ein Zahlenvergleich: Pro Haushalt und Jahr landen Lebensmittel im Gegenwert von 387 Euro im Müll. Das ist fast das Doppelte von dem, was ein Vierpersonenhaushalt für die Abfallgebühr bezahlt.

Rechtlich betrachtet ist das Dumpstern oder Waste-Diven eine Grauzone. Von den Supermärkten wird es in der Regel gebilligt, viele haben aber auf die öffentliche Diskussion reagiert und liefern übrige, aber noch gute Ware an Sozialmärkte. "Ich kenne sogar Märkte, in denen nicht mehr verkaufbares Obst und Gemüse hinter der Kasse zur freien Entnahme steht", berichtet Lukas Uitz.

Es kostet Überwindung

"Aus dem Häuptlsalat werden wir zusammen mit dem Mozarella und Ziegenkäse Antipasti machen, aus dem gelben Paprika eine Paprika-Schaumsuppe mit Schafskäse-Speck-Spieß und zum Mehrkorn-Topfen-Serviettenknödel gibt es dann ein Karfiolgulasch", plant Sebastian Koch im Kopf schon die Menüabfolge für den nächsten Tag. Stunden später und bei Tageslicht sehen der fein gewürfelte Toast, die auf Tellern hergerichteten Ziegenkäse-Speck-Spieße oder der mit frischem Basilikum-Pesto marninierte Mozarella sehr viel appetitlicher aus als noch verpackt in der Mülltonne.

"Es ist schon ein anderes Feeling zu wissen, man kocht mit Zutaten aus dem Abfall. Und der Griff in die Biotonne hat mich schon Überwindung gekostet", räumt Sebastian Braun ein. Bis auf zwei Ecken Käse haben aber alle Zutaten auch die zweite strenge Prüfung des Kochprofis überstanden. Freilich: "Viel Vitamine wird das Gemüse jetzt nicht mehr haben, aber essen kann man es auf jeden Fall. Die Bananen haben ein hervorragendes Aroma und eignen sich perfekt für Smoothies. Und das Vollkornbrot oder die Weckerln hätte man auch zwei oder drei Tage später noch essen können. Wenn man sich das anschaut, muss man sagen: Es ist ein Wahnsinn, was man da im Müll findet. Und wir haben ja nur die obersten Säcke geöffnet."

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Daniela Sternberger aus Imst | 10.05.2016 | 14:30   Melden
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