07.06.2016, 16:00 Uhr

Wir dürfen vom Sommer nicht zu viel erwarten

Meteorologe Alexander Ohms mit seinem frisch erschienen Buch "Wetter Prophet Natur" (Ennsthaler Verlag)

Meteorologe Alexander Ohms nimmt den Sommer in Schutz und erklärt in seinem Buch, wie man anhand von Tieren und Pflanzen Wetterumschwünge erkennt

Sie haben gerade Ihr Buch "Wetter Prophet Natur" (Ennsthaler Verlag) herausgebracht, in dem Sie für Laien verständlich erklären, wie man das Verhalten von Tieren und Pflanzen für die Wettervorhersage nützen kann, aber auch wie man Wetterregeln richtig deutet. Was ist die wichtigste Regel?
ALEXANDER OHMS:
Nicht einfach alle Regeln glauben! Die meisten der sogenannten Naturregeln haben zwar einen physikalischen Hintergrund und beruhen auf jahrzehntelangen Erfahrungen, aber Vorsicht ist vor allem bei Langzeit-Prognose-Regeln geboten.

Was ist mit dem Spruch "Wenn die Distel sich will schließen, Regen wird bald fließen"?
ALEXANDER OHMS:
Wenn sich eine Silberdistel am Vormittag schließt, dann tut sich etwas – auch wenn das Wetter noch genauso schön aussieht wie am Tag zuvor.

Aber die Distel kann ja kein Wetter vorhersehen?
ALEXANDER OHMS:
Nein, aber sie hat – anders als der Mensch – spezielle Sensoren, mit denen sie Veränderungen der Luftfeuchtigkeit wahrnimmt. Ihre Blütenblätter nehmen Feuchtigkeit auf, es entstehen Spannungsunterschiede und sie zieht sich zusammen – um ihre empfindliche Blüte vor Regen zu schützen. Das bedeutet: Eine untertags geschlossene Distel weist auf entstehende Quellwolken oder ein Gewitter hin. Aber es gibt auch unsinnige hergestellte Zusammenhänge. Dass zum Beispiel die Höhe der Disteln im Sommer auf die Schneehöhe im Winter schließen lässt – das ist einfach nur Unfug.

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Katzen sind das beliebteste Haustier der Salzburger. Kann man an ihrem Verhalten auch etwas ablesen?
ALEXANDER OHMS:
Ja. Bei sehr trockenem Wetter lädt sich ihr Fell elektrisch auf, es knistert und das ist der Katze unangenehm. Was tut sie dagegen? Sie putzt ständig ihr Fell, um sich wohler zu fühlen. Wenn man jetzt beobachtet, dass eine Katze von einem Tag auf den anderen dieses Verhalten einstellt, dann ist das ein Zeichen für eine feuchtere Luft. Das bedeutet, es ändert sich etwas am trockenen Wetter.

In Ihrem Buch beschreiben Sie auch, dass ein Meteorologe ständig im Dienst ist.
ALEXANDER OHMS:
Ja, das ist mit einem Augenzwinkern gemeint. Wenn ich an einem Tag den Bauern gesagt habe, es bleibt trocken und ich fahre abends nach Hause, dann schaue ich immer auf den Himmel – ob meine Vorhersage auch hält. Sonst bekomme ich ein schlechtes Gewissen.

Wie wissenschaftlich ist die Meteorologie?
ALEXANDER OHMS:
Die Meteorologie ist zwar eine Wissenschaft, aber es lässt sich anders als zum Beispiel in der Astronomie nicht alles exakt berechnen. In der Physik der Atmosphäre gibt es viele chaotische Momente, turbulente Prozesse, die sich nicht berechnen lassen. Wir Meteorologen versuchen das in ein mathematisch-physikalisches Korsett zu legen, und das funktioniert – ansatzweise – gut. Manche Erscheinungen – wie den Starkregen der letzten Woche – können aber auch die besten Modelle nicht vorhersagen.

Wie wichtig ist der Meteorologe im Zeitalter von Wetter-Apps?
ALEXANDER OHMS:
Wir können mit Vorhersagemodellen eine bis zum Tag fünf 60-prozentige Prognose erstellen. Das können die Wetter-Apps auch. Was ihnen aber fehlt, ist die Erfahrung des Meteorologen mit der Umgebung, sprich: Wie verhalten sich bestimmte Wolkenkonstellationen erfahrungsgemäß an einer bestimmten Bergkette zum Beispiel. Das kann kein Modell berechnen, dazu braucht es jahrelange Erfahrung. Dieses G'spür haben die Wetter-Apps nicht.

Kann man Wetter beeinflussen?
ALEXANDER OHMS:
Hagelflieger, Wetterläuten, Wetterschießen – all das gibt es ja schon sehr lange. Mit Wetterböllern hat man ja schon im 19. Jahrhundert versucht, Gewitter zu vertreiben. In der Steiermark schwört man auf Hagelflieger, die mit Silberjodid gegen Hagelwolken vorgehen. In China hat man bei der Olympiade versucht Regenwolken frühzeitig zum Abregnen zu bringen. Was allen diesen Bemühungen gemeinsam ist: Eine Wirksamkeit kann man nicht beweisen, denn dazu bräuchte man dasselbe Gewitter zwei Mal – einmal mit Hagelflieger und einmal ohne. Mit Geoengineering versucht man derzeit etwa, den Treibhauseffekt zu stoppen, indem man Aerosole in der Atmosphäre platziert und dadurch weniger Sonne hereinlässt. Meiner Meinung nach ist das Wahnsinn, das ist das Öffnen der Büchse der Pandora.

Noch eine Frage: Wann wird's endlich richtig Sommer?
ALXANDER OHMS (lacht):
Da fällt mir der letztjährige Sommer ein. Da war es ab 10. Juni drei Wochen kühl und feucht und dann war es ein Jahrhundertsommer. Man darf den Sommer nicht zu früh abschreiben. Der Frühsommer ist bei uns sehr wechselhaft, das ist nichts Neues.

Dürfen wir uns dann wieder auf einen Jahrhundertsommer freuen?
ALEXANDER OHMS:
Nein. In den langfristigen Wetterprognosen sehen wir keine signifikanten Abweichungen – wie etwa im Vorjahr, da standen die Zeichen auf sehr heiß und sehr trocken. Die gute Nachricht ist aber: Es gibt auch keine Abweichungen in Richtung zu kühl und zu nass. Es dürfte ein durchschnittlicher Sommer werden, ohne große Auffälligkeiten.

Was bedeutet 'durchschnittlich'?
ALEXANDER OHMS:
Ein 'durchschnittlicher' Sommer ist in Mitteleuropa aber eher das, was wir nicht haben wollen. Zwei bis drei Wochen Schönwetter – das ist eine zu hohe Erwartung. Es wird eher so sein, dass sich das Wetter alle drei bis vier Tage ändert. Wir werden das bekommen, was wir einen durchwachsenen Sommer nennen. Dafür eignet sich so ein Sommer mit seinen 25 Grad – anders als ein Hitzesommer – sehr viel besser für Unternehmungen aller Art, angefangen vom Wandern bis zu Ausflügen. Nur den Regenschutz sollte man halt mithaben.
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