06.10.2016, 09:30 Uhr

Wer war Maria Kutschera?

Maria Kutschera als Schülerin (Foto: Salzburg Museum)

Salzburg Museum-Chefkurator Peter Husty über die unbekannten Jahre der späteren "Baronin von Trapp"

Noch bis Ende Oktober ist die Jubiläumssausstellung zu „200 Jahre Salzburg bei Österreich“ im salzburg museum zu sehen. Hinter den Kulissen laufen bereits die Vorbereitungen für das nächste "Jahrhundertprojekt": Bis 2019 – rechtzeitig vor dem 55-Jahre-Jubiläum des Filmklassikers mit Julie Andrews soll das „Sound of Music“-Museum im ehemaligen Barockmuseum, als weiterer Standort des Salzburg Museum entstehen.

So bekannt die Filmrolle von Julie Andrews als Maria Augusta von Trapp ist – so unbekannt ist die Geschichte von Maria Augusta Kutschera, wie die spätere Ehefrau von Georg von Trapp mit Mädchennamen hieß.

Warum wissen wir so wenig über Maria Kutschera?
PETER HUSTY:
Ich glaube, das wurde bewusst so von ihr gesteuert, dass wir über ihre Jugend nur ganz wenig wissen. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen – und als sie dann einen Baron geheiratet hat, war das Problem, dass sie nicht standesgemäß war. Man darf nicht vergessen: Er war ja in erster Ehe mit Agathe Whitehead, der Enkelin des Torpedo-Erfinders Johan Whitehead, bestens verheiratet.

Maria Kutschera wurde am 26. Jänner 1905 geboren – in Wien oder in Tirol. Wie kann es sein, dass man nicht weiß, wo sie geboren ist?
PETER HUSTY:
In ihrer zweiten Autobiographie aus dem Jahr 1972 schreibt sie, dass sie in Tirol geboren ist. Das ist möglicherweise geschönt, denn was wir wissen, ist: Ihre Mutter Maria Rainer Kutschera ist einige Tage nach der Geburt gestorben, ihr Vater Karl Kutschera, ein Ingenieur, starb 1908. Ihre Familie könnte aus Tirol stammen, sie selbst kam zu Pflegeeltern nach Wien. Dort wuchs sie möglicherweise eher ungeliebt auf.

Gibt es keine Aufzeichnungen über sie, über ihren Wohnort, ihre Ausbildung?
PETER HUSTY:
Sie dürfte in Wien im achten Bezirk gewohnt haben – aber sämtliche Unterlagen aus dem Bezirksarchiv über sie sind verschwunden. 1923 hat sie eine Lehrerausbildung in der Hebbelgasse in Wien abgeschlossen – und danach taucht sie ab 18. September 1924 plötzlich in Salzburg auf.

Als Novizin im Kloster Nonnberg?
PETER HUSTY:
Nein, dort ist sie nicht als Novizin im Verzeichnis eingetragen, sondern als Erzieherin. Möglicherweise war sie eine Art von Nachmittagsbetreuerin an der Volks- und Hauptschule Nonntal.

Wie kam der Kontakt zu Baron von Trapp zustande?
PETER HUSTY:
Über den Pfarrer von Nonntal – er vermittelte Maria Kutschera als Pflegerin für die erkrankte Maria von Trapp, die älteste Tochter von Georg Trapp. Er war übrigens nie ein Baron, sondern trug den Titel "Ritter". Er hatte die Unterlagen über seine Verdienste bei der Marine noch vor 1918 eingereicht, um den Titel "Baron" zu erlangen – dafür hatte es aber offenbar nicht gereicht. Als er es später – 1923 – nochmals versucht hat, erhielt er zwar den "Maria-Theresien-Orden", weil es dann aber keine Adelstitel mehr gab, wurde er nie ein "Baron". Das hat die spätere Maria von Trapp aber nicht daran gehindert, sich als "Baronin" anreden zu lassen.

Was wissen Sie über die Ehe der beiden?
PETER HUSTY:
Maria Kutschera ist laut Aufzeichnungen des Klosters Nonnberg am 23. August 1926 ausgetreten und zwar wegen "Eheschließung mit Ritter von Trapp", wie dort verzeichnet wurde. Sie war 25 Jahre jünger als er und ich glaube nicht, dass das eine Liebesheirat war. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gab es keine Monarchie mehr, Österreich hatte keinen Hafen und keine Marine mehr. Georg von Trapp, der im Ersten Weltkrieg in Pula in Istrien in einer großen Villa gelebt hatte und als Kommandant des U-Boots SMU5 – "Seiner Majestät U-Boot Nummer fünf" – mit dem Abschuss eines französischen Panzerkreuzers einen unglaublichen militärischen Erfolg eingefahren hatte, war plötzlich in Zwangspension. Er übersiedelte zunächst nach Zell am See, dann ins Martinsschlössl nach Klosterneuburg – beides waren Anwesen aus dem Besitz seiner verstorbenen Frau Agathe Whitehead – und dann 1925 nach Salzburg. Dort bezahlte er die Villa in Aigen – trotz hoher Inflation – übrigens in zwei Raten in bar. Mit den Kindern war er überfordert und Maria Kutschera war nicht nur musikalisch, sondern auch ein Organisationstalent.

Wie wurde aus dem ehemaligen U-Boot-Kommandanten der vater eines Familienchors?
PETER HUSTY:
1934 hat die Familie Trapp ihr ganzes Vermögen bei einer Privatbank verspekuliert, die Bediensteten wurden entlassen – und dann hat Maria Kutschera das Ruder in die Hand genommen. Sie war sehr praktisch veranlagt, die Familie ist in das Obergeschoß der Villa gezogen und hat die unteren Räume vermietet. Sie hat sich gedacht: Wir sind musikalisch, daher fangen wir eine Karriere als Chor an. Der Chor und die Tourneen waren eine absolute Überlebensstrategie – und zwar bis in die 50er-Jahre hinein. Aus der Notwendigkeit ist vor allem für die Kinder, die ja dann schon erwachsen waren, eine Belastung geworden. Sie mussten immer noch im Trachtenlook und mit Zöpfen auftreten – und haben damit ein Klischee aufgebaut, dessen sich der Filmklassiker aus dem Jahr 1965 bedient.
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