21.06.2016, 13:12 Uhr

Botschafterin für frei lebende Tiere

Zoo-Direktorin Sabine Grebner füttert Liszt-Affen mit Mehlwürmern. Die Affen tragen übrigens wegen ihrer unverkennbaren Frisur den Namen von Komponist Franz Liszt.

Zoo-Direktorin Sabine Grebner im Chefinnen-Gespräch über das Miteinander von Artenschutz und Tiergarten

Mit dem Erlös aus dem Zoolauf werden Artenschutzprojekte, speziell Nashörner unterstützt. Wie genau?
SABINE GREBNER:
Das große Problem vor Ort ist die illegale Jagd auf das Horn der Nashörner. Sinnloserweise glauben immer noch viele Menschen, dass zerriebenes Horn potenzsteigernd wirkt. Das ist aber genauso "wirksam" wie Fingernägel-Kauen. Wir unterstützen "Save the Rhino" bei der Finanzierung von Ausrüstung im Kampf gegen die Wilderei.

Wieviel Ihrer Arbeit ist Artenschutz, wieviel "Tiergarten"?
SABINE GREBNER: Man kann das nicht voneinander trennen. Mit unserer täglichen Arbeit tragen wir zum Artenschutz bei. Bleiben wir bei den Nashörnern: Mit unseren zwei Jungtieren tragen wir zur Nashorn-Population bei – genauso wie wir helfen, andere vom Aussterben bedrohte Tierarten weiter zu erhalten. Mit unserem Streichelzoo fördern wir die Wertschätzung und das Verständnis gegenüber Haustieren. Immer wieder werden uns auch klatschnasse Raubvögel gebracht. Wir päppeln sie auf und entlassen sie wieder in die freie Wildbahn.

Wie zeitgemäß ist Tierhaltung in Käfigen?
SABINE GREBNER: Wir sprechen lieber von Anlagen. Man kann Wildtiere im Zoo nicht frei herumlaufen lassen. Wildtiere im Tiergarten sind Botschafter für frei lebende Artgenossen. Wir vermitteln Wissen, schaffen Bewusstsein, besonders wenn es um das Aussterben von Tierarten geht. Und: Viele unserer Tiere sind Teil einer Reservepopulation. Das bedeutet, ein eigener Koordinator bestimmt, welches Tier mit welchem gepaart wird, um eine Tierart vor dem Aussterben zu bewahren.

Welche Tiere im Zoo Salzburg zählen zur Reservepopulation?

SABINE GREBNER: Konkret haben wir 28 Tierarten im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm und in Zuchtbüchern, darunter Geparden, Lisztaffen – die übrigens wegen ihrer Frisur nach dem Komponisten Franz Liszt benannt sind –, Zebras, Nashörner, den Roten Panda, Schneeleoparden oder den Fischotter, der in freier Wildbahn jetzt wieder im Kommen ist.

Wie wirksam sind solche Programme?

SABINE GREBNER: Vor mehr als 100 Jahren galt der Steinbock bei uns als ausgestorben – er ist bejagt und gerne gegessen worden. Außerdem gab es sogenannte Steinbock-Apotheken, in denen vom Horn bis zum Kot alles vom Steinbock angeboten wurde. Dem Horn des Steinbocks wurde übrigens dieselbe Wirkung nachgesagt wie leider immer noch dem Nashorn. Dank Artenschutzprogrammen ist er jetzt wieder heimisch in den Alpen – auch ein Verdienst der Tiergärten.

Was ist für Sie falsch verstandene Tierliebe?
SABINE GREBNER: Was wir eher bemerken, ist ein mangelndes Verständnis für die Natur: Wenn zum Beispiel die Frösche im Garten des Nachbarn zu laut quaken. Mein Nachbar hat einen Gockelhahn, der jeden Tag um vier Uhr früh kräht. Ich kann mich darüber aufregen oder mich freuen, dass ich noch zwei Stunden schlafen kann, bevor ich aufstehen muss. Wir finden es schön, dass der Wolf und der Biber wieder da sind, aber so manche haben zu wenig Verständnis dafür. Wir verstehen den Ärger von Landwirten, wenn Biber ihnen Schaden zufügen. Das Land hat jedoch eine Informationsstelle eingerichtet, die bei Problemen weiter hilft. Mensch und Tier müssen lernen, sich den Raum wieder zu teilen. Ein anderes Problem ist, dass wir Tiere zu Waisen machen, indem wir sie der Natur entnehmen. Ein Beispiel: Ein Rehkitz wird abgelegt – aber die Mutter kommt wieder und kümmert sich. Manche Spaziergänger glauben, diese Tiere brauchen unsere Hilfe und bringen sie zu uns. Wir müssen sie dann aufziehen, weil die Mutter das Rehkitz nicht mehr annehmen würde. Hier ist das Verständnis aus der Balance geraten.

Wir werden die Tiere im Zoo verköstigt?
SABINE GREBNER: Wir haben eine eigene Futtermeisterei und da könnte einen der Neid packen: Unsere Affen etwa bekommen täglich einen schönen Obstsalat aus Trauben, Kiwi, Papaya und Ananas. Unser Futtermeister schneidet Laubäste zum Knabbern, daneben gibt es Heu und Gras sowie jede Menge gekochter Kartoffeln. Im Jahr verfüttern wir knapp 80 Tonnen Heu, rund 70 Tonnen Obst und Gemüse, 38 Tonnen Fleisch, sieben Tonnen Fisch und 20 Tonnen Spezialfutter. Und im Sommer gibt es etwa für die Braunbären auch mal eine Eisbombe mit Erdnüssen und Fischstückchen.

Der Zoo wurde gerade als erster Tiergarten Europas nach dem Arbeitsschutzmanagementsystem ISO OHSAS zertifiziert. Welche Vorteile bringt das?
SABINE GREBNER: Wir sind vermutlich weltweit der erste Zoo mit dieser Zertifizierung. Das war viel Arbeit, der Zoo wurde in Sachen Arbeitsabläufe, Sicherheit und Dokumentation auf den Kopf gestellt. In dem eineinhalbjährigen Prozess haben wir auch gesehen, wo wir noch etwas verbessern können – etwa bei Sicherheitsschulungen für Tierpfleger oder beim Besucherservice, das wir mehr in den Fokus gestellt haben.

Wie wird sich der Zoo Salzburg weiter entwickeln?
SABINE GREBNER: Wir werden verstärkt auf Zoopädagogik setzen, noch mehr Wissen vermitteln. Kinder haben immer weniger die Möglichkeit, in direktem Kontakt mit Haustieren aufzuwachsen. Diese Lücke wollen wir mit dem Streichelzoo noch stärker füllen. Und wir wollen darauf hinweisen, dass die Lebensräume für Wildtiere weniger werden und was es für die Tiere für Folgen hat, wenn wir Produkte mit Palmöl kaufen oder eine Haifischflossensuppe bestellen.

Der Kulturpass gilt im Zoo Salzburg nicht. Warum nicht?

Wir sehen uns nicht als Kultureinrichtung. Und wir bieten mit der Jahreskarte und dem Familienpass günstige Tickets an. Natürlich unterstützen wir auch immer gerne, wo es uns möglich ist.

Wie leicht oder schwierig ist es für Sie, Tierpfleger zu finden?
SABINE GREBNER: Tierpfleger zu sein, ist ein knochenharter Job, der seine schönen Seiten hat, aber auch viel abverlangt: Man ist bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit draußen. Neben allem fachlichen Wissen muss man auch genau und viel beobachten, denn nur dann kann man feststellen, ob es dem Tier gut geht oder ob es vielleicht krank ist. Tierpfleger zu sein bedeutet nicht, den ganzen Tag Tiere zu streicheln, sondern da muss man schon hart anpacken können. Und man trägt auch den Duft der Tiere mit sich. Im Herbst werden wir zum ersten Mal seit längerem wieder einen Lehrling aufnehmen.

Sie sind seit mehr als elf Jahren Zoo-Direktorin: Was waren besonders schöne Momente, was weniger schöne?
SABINE GREBNER: Das Highlight war sicherlich die Geburt unserer beiden Nashorn-babys, das ist nicht zu toppen. Weniger schön war der Gepardenausbruch, das war für uns alle eine schwere Zeit. Aber wir haben das beste daraus gemacht, die Anlage neu gebaut und sind da als Team durchgegangen.

Interessiert an mehr Chefinnen-Gesprächen? Hier geht es zur Interview-Reihe "Chefinnen-Gespräch".

ZAHLEN, DATEN FAKTEN ZUM ZOO SALZBURG
Rund 350.000 Menschen besuchen jährlich den Zoo Salzburg. Die Zahl der Jahreskarten ist in den vergangenen Jahren auf mittlerweile 8.000 angestiegen. Im Zoo arbeiten 52 Mitarbeiter, die sich um 1.200 Tiere ("Wir haben nicht alle Fische einzeln gezählt", so Sabine Grebner) und 140 Tierarten kümmern. Das Jahresbudget beträgt drei Millionen Euro, 70 Prozent werden über eigene Einnahmen lukriert.
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