16.03.2016, 07:00 Uhr

Leichte Kost? Kunst ist kein Kompromiss

Sie will die Besucher aus der "Gemütlichkeitsfalle" locken: Museum der Moderne-Direktorin Sabine Breitwieser.

Ginge es ihr nur um Besucherzahlen, würde sie einen Unterhaltungspark machen, sagt Sabine Breitwieser, Kulturmanagerin und Direktorin des Museum der Moderne Salzburg.

Wir haben je nur wenige wirklich wichtige Werke in unserer Sammlung. Da ist in der Vergangenheit von der Politik viel versäumt worden.

Sie sind vor zweieinhalb Jahren vom MoMA in New York nach Salzburg gekommen – ein Kulturschock?
SABINE BREITWIESER:
Ich wusste, worauf ich mich einlasse. Im MoMA war ich Chefkuratorin – und nach einer sehr erfolgreichen Zeit dort wollte ich wieder ein Haus leiten und gestalten.

In Ihrem ersten Jahr zählten Museum der Moderne Salzburg und Rupertinum 110.000 Besucher – 19.000 weniger als im Jahr davor. 2015 waren es rund 100.000 Besucher. Sind die Salzburger Kunstmuffel?
SABINE BREITWIESER: Wir haben die Besucherzahlen vielleicht nicht gesteigert – unter meinem Vorgänger Toni Stooss gab es auch Jahre mit nur 90.000 Besuchern –, dafür haben wir den Anteil der Jungen um 300 Prozent erhöht. Es geht ja darum, das Publikum der Zukunft anzusprechen. Ich möchte etwas Einzigartiges machen. Dabei kann ich nicht auf leichte Kost umsteigen. Kunst ist kein Kompromiss.

Ihnen geht es nicht darum, Besucherzahlen zu steigern?

SABINE BREITWIESER:Ginge es mir nur um Besucherzahlen, würde ich einen Unterhaltungspark machen. Mein Ziel ist viel umfassender. Wie wird die Sammlung weiter entwickelt, was für ein Standing hat das Museum in Österreich, aber auch international? Diese Fragen sind vor mir vernachlässigt worden. Wir haben nur wenige wichtige Werke in der Sammlung. Hätte die Politik hier in der Vergangenheit Mittel für systematische Ankäufe zur Verfügung gestellt, hätten wir stärkere Trümpfe in der Hand. Die Salzburger können aber trotzdem stolz sein: Unsere Ausstellungen und Bücher werden als wichtige wissenschaftliche Beiträge erachtet.

Soll eine Ausstellung über Plakatkunst von Magneten wie Toulouse-Lautrec Besucherzahlen gutmachen, die Ausstellungen wie "Staging the Derra de Moroda Dance Archives", die ja am Wochenende startet, vielleicht nicht schaffen?

SABINE BREITWIESER: Ich wäre nicht so sicher, ob Ihre Prognose halten wird. Eines ist klar: Über einige der Ausstellungen die hier stattfinden, und darunter ist vielleicht auch die Derra de Moroda Dance Archives Ausstellung, wird man in zehn Jahren noch sprechen, über die Plakatkunst-Ausstellung nicht. Neben der Aufbereitung des Archivs wurden zehn Künstler eingeladen, sich davon inspirieren zu lassen und neue Arbeiten zu entwickeln. Das ist schon ein Statement für das Museum. Wir sind ein Haus mit einem öffentlichen Kulturauftrag und das ist mehr als eine hohle Phrase. Wir erfüllen ihn mit Leben, indem wir neue Werke, neues Wissen liefern.

Das schlägt sich aber nicht in den Zahlen nieder.
SABINE BREITWIESER: Seit ich hier bin, haben wir den Anteil des Budgets, den wir selbst erwirtschaften, auf 25 Prozent bzw. 1,7 Millionen Euro verdoppelt. Und ich behaupte, dass mittlerweile Städtetouristen wegen des Museums der Moderne nach Salzburg kommen oder einen Tag länger bleiben – so wie viele wegen der Tate Gallery London oder wegen des MoMA New York besuchen. 70 Prozent unserer Besucher kommen aus dem Ausland.

Ist leicht verständliche Sprache ein Thema für Ihr Haus?

SABINE BREITWIESER: Unsere Kunstvermittler arbeiten exzellent. Ich bin aber ein großer Fan des Konzepts, wonach Kunst keine Vermittlung braucht, sondern emanzipierte Betrachter. Ich sehe das als Bringschuld des Publikums. Wovon wir mehr brauchen, ist Selbstvertrauen, hinzuschauen, sich zu fragen, was sehe ich? Am Bild? Auf dem Schild dazu? Und es gibt die Möglichkeit, eine Führung zu machen. Oder ich kann mir ein Buch besorgen. Nichts ist so gut wie Eigeninitiative.

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