04.04.2016, 05:30 Uhr

Die großen Scheine brauchen wir nicht

Salzburger Wissenschaftler im Bezirksblätter-Gespräch über die Abschaffung des Bargeldes

Ist die Abschaffung des Bargeldes nicht etwas, das uns längst schleichend begleitet?
CHRISTOPH MOSER:
Ja, das Bargeld hat natürlich schon mit der Einführung von Bankomatkarten an Bedeutung verloren. Aber: Einer Studie der Europäischen Nationalbank zufolge werden in Österreich immer noch 82 Prozent aller Transaktionen mit Bargeld abgewickelt. Das sind 63 Prozent des gesamten Volumens. Das ist ein Aspekt in der Diskussion: Wie wichtig ist uns das Bargeld im Alltag?

Können Sie sich vorstellen, dass wir künftig mit Bankomatkarte am Würstelstand bezahlen?
CHRISTOPH MOSER: Das ist der zweite Aspekt der Diskussion: Der hängt mit kulturellen Faktoren zusammen. In Schweden ist das bargeldlose Zahlen viel verbreiteter und auch akzeptierter. Die Schweden haben aber auch ein anderes Verhältnis zum Staat und zum Thema Datensicherheit und Transparenz als wir Österreicher. Alleine das, was die Ökonomen dort an Daten auswerten und verknüpfen dürfen, wäre bei uns undenkbar. Von solcher Freizügigkeit können wir – wissenschaftlich betrachtet – nur träumen. Unterm Strich geht es aber um die Frage des gläsernen Menschen.

Welche Folgen hätte eine Abschaffung des Bargeldes für den einzelnen?

CHRISTOPH MOSER: Das ist genau die kritische Frage. Letztlich könnte man es dann dem Finanzamt auch gleich gestatten, direkt auf die Konten des einzelnen schauen zu können – etwa wenn es um die Steuererklärung geht. Damit könnte man illegale Einkünfte nachverfolgen, allerdings zu einem hohen Preis – nämlich der Privatsphäre. Rein theoretisch bliebe dann auf ewig gespeichert, welches – möglicherweise nicht ganz jugendfreie – Magazin sich jemand als Jugendlicher gekauft hat.

Wer treibt die Abschaffung voran und warum?

CHRISTOPH MOSER: Die Diskussion geht auf ein Arbeitspapier des US-Ökonomen Kenneth Rogoff, des früheren Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds und nunmehrigen Harvard-Professors, zurück. Er nennt im Wesentlichen zwei Gründe für eine Abschaffung des Bargeldes: Zum einen könnte man dann, um die Wirtschaft zu stimulieren, auch Negativzinsen aktivieren. Das wäre ein Anreiz für die Banken, mehr Kredite zu vergeben und eine Möglichkeit, aus der Liquiditätsfalle herauszukommen.

Man bekäme nicht nur keine Zinsen mehr für das Geld auf der Bank, sondern würde dabei sogar Geld verlieren?
CHRISTOPH MOSER: Ja. Das ist das, was die Europäische Zentralbank ja jetzt schon in einigen Bereichen tut: Sie verlangt von den Banken Negativzinsen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Banken dürfen das nicht an ihre Kunden weitergeben. Freilich wäre dann auch irgendwo eine moralische Grenze erreicht.

Und der zweite Grund, der dafür spricht?
CHRISTOPH MOSER: Das Bezahlen mit Bargeld ist im Kern ein anonymes Bezahlen und öffnet so der Illegalität Tür und Tor. Mit der Abschaffung des Bargeldes wird die Hoffnung verbunden, der Schattenwirtschaft zu Leibe zu rücken, das An-der-Steuer-vorbei-Agieren zu verhindern. Damit sollen natürlich auch Phänomene wie die Terrorfinanzierung bekämpft werden.

Was hieße es für die Notenbanken?
CHRISTOPH MOSER: Die Notenbanken würden wahrscheinlich den Seigniorage-Gewinn, auch Münz-Gewinn genannt, verlieren. Darunter kann man die Differenz zwischen den Produktionskosten und dem Buchwert von Münzen und Banknoten verstehen. Mit Ausnahme von sehr kleinen Münzen sind die Produktionskosten in der Regel kleiner als der Buchwert. Daraus resultiert der Gewinn, der in vielen Staaten zum Teil ausgeschüttet wird und somit ins Bundesbudget fließt. Ein Vorteil in der Abschaffung des Bargeldes läge darin, dass die Notenbank die Geldmenge und somit die Inflation besser steuern könnte.

Die Staaten würden mit der Bargeld-Abschaffung diese Einkommensquelle verlieren.

CHRISTOPH MOSER: Ja, aber dafür auf der anderen Seite von der Bekämpfung der Schattenwirtschaft profitieren. Diesen Effekt hätten wir aber schon, wenn man einfach nur die großen Banknoten abschafft. Wenn Sie eine Million Dollar transportieren wollen – ein Problem, mit dem ich in der Praxis übrigens noch nie konfrontiert war – und Sie verwenden 20-Dollar-Scheine, dann haben Sie 50 Kilogramm Gepäck. Bei 100-Dollar-Scheinen sind es nur mehr 10 Kilo und bei 500-Euro-Scheinen sogar nur mehr 2,2 Kilo. Das kann man schon relativ leicht wo durchschmuggeln.

Ihre Einschätzung?
CHRISTOPH MOSER: Ich denke, eine totale Abschaffung des Bargelds geht zu weit, das wäre weder politisch durchsetzbar noch sinnvoll. Man könnte aber darüber diskutieren, ob man die großen Scheine wie den 500-Euro-Schein abschafft. Den benötigt man im Alltag kaum. Damit man die Illegalität aber wirksam bekämpft, müssen natürlich alle G7- oder noch besser G20-Staaten gemeinsam handeln, denn ansonsten würden die Schwarzgelder eben einfach nur in andere Währungen – mit großen Scheinen – flüchten.

ZUR PERSON
Christoph Moser ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Salzburg. Seine Professur wird teils dem Fachbereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, teils dem Salzburg Centre of European Union Studies (SCEUS) zugerechnet.

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