25.03.2016, 13:55 Uhr

Zeitreise ins Scheibbs der "70er"

Rudolf Sollböck aus Scheibbs präsentiert voller Stolz sein erstes Automobil im Jahr 1970. (Foto: privat)

Zeitzeugen aus dem Bezirk Scheibbs erzählen über die 70er-Jahre und was sich seither alles verändert hat.

BEZIRK SCHEIBBS. Glockenhosen, Koteletten, Kernkraft und Eiserner Vorhang – würde man heute ins Niederösterreich der 70er-Jahre zurückkehren, man würde das Land nicht wiedererkennen. Eine Schau im NÖ-Ausstellungs-Mekka, der Schallaburg, widmet sich derzeit dieser Epoche unserer jüngeren Geschichte. Die Bezirksblätter wagten die Zeitreise in die Vergangenheit des Bezirks Scheibbs und fanden heraus, wie sich Orte, Menschen und die Gesellschaft in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert haben.

Überangebot hat zugenommen
Rudolf Sollböck aus Saffen kaufte sich im Jahr 1970 sein erstes Auto.
"Im Jahr 1970 konnte ich mir schon mein erstes Auto leisten. Es war ein gebrauchter Austin Cooper, auf den ich damals natürlich mächtig stolz war. Ich konnte mir das nur leisten, weil ich schon zwei Jahre lang als Schlosser gearbeitet hatte. In Saffen gab es damals auch noch einen Greißler, wo man alles kaufen konnte, was man so zum Leben brauchte. Man konnte dort auch anschreiben lassen, was heutzutage im Supermarkt undenkbar wäre. In der heutigen Zeit herrscht generell ein Überangebot in Lebensmittelhandlungen. Ich denke allerdings nicht, dass das wirklich notwendig ist", erzählt Rudolf Sollböck aus Saffen.
Anfang der 70er-Jahre hätte man im Haus noch kein warmes Wasser und keine Heizung gehabt. "Außerdem mussten sich sechs Personen ein WC und ein Bad teilen. Obwohl ich 45 Stunden pro Woche arbeiten mussten, hatte ich trotzdem noch genügend Zeit für meine Aktivitäten bei der Feuerwehr und bei der Bergrettung. In den 70er-Jahren war man erstaunt, wenn man einen Kondensstreifen am Himmel entdecken konnte. Heute hingegen wird einem ganz schwindlig, wenn man die Bewegungen der Flugzeuge am Himmel verfolgen möchte", führt Sollböck weiter aus.

Leute waren nicht so gestresst
Josef und Maria Faschingleitner zpgen im Jahr 1975 von Scheibbs nach Wieselburg, wo sie sofort von den Nachbarn freundlich aufgenommen wurden.
"Wir sind 1975 von Scheibbs nach Wieselburg übersiedelt und haben unser Eigenheim mit Unterstützung der Nachbarn aufgebaut. Man hatte früher mehr Zeit für direkte Kommunikation und saß gemütlich beisammen, weil die Leute weniger gestresst waren. Meine Frau kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder und verbrachte mit ihnen viel Zeit im Freien", so Josef Faschingleitner.
Außerdem sei eine Zeit laut Faschingleitner des Aufschwungs gewesen: "Ich hatte einen sicheren Job in der Brauerei mit guten Verdienstmöglichkeiten. Die Arbeitszeiten waren geregelter und trotzdem war man am Arbeitsplatz flexibler. Man konnte sich auf diese Weise ein umfassendes Wissen aneignen. Heute ist am Arbeitsmarkt alles sehr spezialisiert. Man hatte auch direkten Kontakt zu seinen Vorgesetzten, was heute fast gar nicht mehr der Fall zu sein scheint."

Bauern hatten mehr Freiheiten
"Heutzutage hat man als Landwirt sehr viel mit der Bürokratie zu kämpfen und muss alles bis ins kleinste Detail dokumentieren. In den 70ern waren die meisten Bauern noch Selbstversorger, jetzt sind fast alle im Nebenerwerb tätig. Die Freiheiten der Landwirte wurden spätestens seit dem EU-Beitritt 1995 sehr stark eingeschränkt. Man schlachtete seine Tiere früher noch selbst, heute ist auch das alles geregelt und man darf das gar nicht mehr. Die Betriebe und die Ackerflächen sind heutzutage um einiges größer geworden. In den 70ern reichte auch eine kleine Wagenhütte neben dem Bauernhof aus, um seinen Traktor unterzubringen. Die Maschinen sind größer geworden und man hat immer mehr davon, weshalb auch die Gebäude immer größer geworden sind", meint der pensionierte Landwirt Josef Stübler aus Purgstall.

70er-Austellung auf der Schallaburg

Ausstellung "Die 70er – Damals war Zukunft" auf der Schallaburg
Öffnungszeiten: 19. März bis 6. November
Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr
Samstag, Sonntag und Feiertage von 9 bis 18 Uhr
Kassaschluss jeweils eine Stunde vorher

Drei Fragen an

Kurt Farasin, Kind der 70er und Kurator der Schallaburg
Was war das Schönste für Sie an den 70er Jahren?
Die ungemeine Freiheit, Ideen umzusetzen, wie etwa ein Mini-Woodstock in der alten Schottergrube.
Welche schlechten Erinnerungen haben Sie an die 70er?
Das Gefühl der unglaublich verkorksten Ansichten der Welt.
Was würden Sie sich aus dieser Zeit zurückwünschen?
Die Unbekümmertheit etwas anzupacken, den großen Gemeinschaftssinn und zu wissen, dass alles möglich ist.
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