10.06.2016, 00:51 Uhr

Laufbericht Ötscher Ultra Marathon 2016, 1. Tag

Komisch, warum schauern wir kurz vor dem Start so böse?
Lackenhof: Ötscher - Treff | Liebe LauffreundInnen, der Ötscher Ultra Marathon besteht aus zwei Teilen: Am Samstag geht es auf 50Km und über 1850 Höhenmeter von Lackenhof aus um den Ötscher herum, unter anderem durch die wunderschönen Ötschergräben. Am 2. Tag geht es wieder von Lackenhof aus 20Km und 1150Hm über den spektakulären Rauhen Kamm auf den Ötschergipfel und weiter über das Ötscher-Schutzhaus wieder hinunter nach Lackenhof. Nun, der Ötscher ist mein zweiter Ultralauf heuer und etwas übermütig denke ich mir: "Vor 5 Wochen hast in Innsbruck 65Km und 2100Hm an einem Tag recht gut bewältigt, da wirst mit dem Ötscher sicher keine Schwierigkeiten haben!". Naja.

Der Wetterbericht ist durchwachsen - von Sonne über Wolken, Regen, Gewitter und Hagel ist alles möglich. Hmmm ... Gewitter und Hagel brauch ich nicht wirklich, für den Rest bin ich gerüstet, hab im Rucksack alles Nötige mit. Um 8:15 treffe ich mit Patrick, der wieder mein Chauffeur und Fotograf ist, in Lackenhof ein, hole meine Startnummer ab und begrüße einige Freunde und Bekannte: Der Gerhard Schiemer ist da, Top-Läufer aus Bad Vöslau, der Arnold Auer mit dem ich vor 2 Wochen über´s Hocheck gelaufen bin, der Martin Schwarz, der Thomas Hösel, die Evelyne Lachner undundund ... die Stimmung ist ausgezeichnet und mit Plaudern und den letzten Informationen für´s Rennen vergeht die Zeit bis zum Start recht schnell.

Dann ist es so weit - 3 - 2 - 1 - LOS! Die Strecke führt auf einer kleinen Asphaltstraße leicht bergauf, ich halte mich im Mittelfeld. Thomas ist auch da und wir plaudern ein wenig bis wir die erste Kuppe hinter uns haben und ein gut 7Km langes Bergabstück in die Vorderen Tormäuer beginnt. Hier verabschiede ich mich von Thomas, bergab laufe ich gerne ein wenig schneller und da hinunter möchte ich schon Tempo machen - also Gas auf! Herrlich ist das, da mit den Anderen so hinunterzufliegen - waaahhhh! Die Tatsache, daß knapp vor mir Evelyne läuft (und die ist immer schneller ist als ich) und daß Km-Zeiten unter 4:00 zu Beginn eines 50Km-Bergmarathons - selbst wenn es bergab geht - für mich nicht gut sind ignoriere ich.

Schon bald sind wir bei der Labestelle am tiefsten Punkt der Strecke, ich stopfe was geht in mich rein, schütte noch etwas Iso nach und weiter geht´s! Toll diese Gegend hier, die rauschende Erlauf unten in der Schlucht, die Wasserfälle die immer wieder von den Bergen runterstürzen, der Weg der inzwischen zu einem schönen, von Wurzeln und Steinen durchsetzten Trail geworden ist ... etwas langsamer geht es nun dahin und wir kommen zum Trefflingfall - Wahnsinn, was für ein Anblick! Über zahllose Stufen windet sich der Pfad da hinauf, in Serpentinen eine steile Wand hoch an der die lockere Kolonne der Läufer hinaufzieht, unten rauscht das Wasser - unglaublich toll!

Oben geht es flach und idyllisch den Trefflingbach und Wiesen entlang zur nächsten Labestelle in Sulzbichl. Wieder stopfe ich einiges in mich hinein, schütte Iso nach - durch die tolle Strecke hab ich garnicht auf meinen Zustand geachtet. Hmmmm ... Ganz frisch bin ich nicht mehr und ich hab erst 15Km ...!? Egal, weiter geht es über kleine Straßen und Forstwege leicht bergauf, den Planetenweg entlang Richtung Puchenstuben. Uranus - Saturn - Jupiter - Asteroiden - Mars - Erde - Venus - Merkur - Sonne ziehen immer schneller an mir vorbei, den Neptun muß ich übersehen haben ;-) Bei der Labe in Puchenstuben sollte Patrick auf mich warten - tut er aber nicht!? Ich tanke wieder auf, schau auf die Uhr - etwa 2 Stunden unterwegs und knapp 20Km - aber noch viele Höhenmeter vor mir. Hm. Während ich durch Puchenstuben weiterlaufe ruft Patrick an, meint er hatte Probleme und er sei in 2 Minuten da - zu spät, ich warte sicher nicht, sag ihm er soll nach Erlaufboden weiterfahren.

Ich arbeite mich zunächst über Waldstraßen zum höchsten Punkt der ersten Hälfte des Marathons hinauf - ca. 1100m bei Km 25. Halbzeit. Und etwa 2:40 unterwegs ... prinzipiell ganz gut aber ich fühl mich nicht besonders. Das Essen will nicht so recht runter, mir ist heiß, das gefällt mir nicht. Aber jetzt geht es erstmal 6 oder 7Km bergab nach Erlaufboden, das bringt mich sicher wieder auf andere Gedanken. Das Bergablaufen tut mir zweifellos gut, mit einem geschätzten 5er Schnitt bin ich in etwa 35 Minuten unten, also los! Und wirklich, es läuft ganz gut bergab, erst eine Asphaltstraße entlang dann über Forststraßen in Serpentinen runter, ich lauf locker mit 4:30 - 4:45 dahin, schalte die Gedanken fast ab, Serpentine, weiter, noch eine Serpentine, ob Patrick rechtzeitig in Erlaufboden ist? An einem Läufer vorbei, Serpentine ... eine lange Strecke bergab, Gras wächst am Mittelstreifen ... am Rande meiner Wahrnehmung taucht ein Gedanke auf: Wie geht es denn dort vorne weiter? Es
sollte doch immerzu bergab gehen ... das schaut aber nicht danach aus!?! Stimmt, da ist nur ein Umkehrplatz aber es geht nicht mehr weiter .... WIE BITTE??? WO IST DER WEG? Das darf nicht wahr sein, ich muß irgendwo eine Abzweigung übersehen haben, so ein Mist! Aus meiner lockeren Euphorie wird Ärger - wie lange war ich falsch unterwegs? Ich dreh um und lauf zurück - bergauf :-( Der Läufer den ich überholt habe kommt mir entgegen - und ist ebenfalls baff. "Jetzt lauf ich zum 15. Mal hier und dann passiert mir sowas - das hätt ich eigentlich merken müssen" ärgert er sich fast noch mehr als ich. Aber es hilft nichts, wir müssen zurück und es zieht sich bis wir die verpasste Abzweigung finden. Wir sind rechts rum die Serpentine runtergedüst, der Weg wäre aber links weitergegangen - das Markierungsband sehen wir erst jetzt :-( Der Frust ist gewaltig, die Motivation dahin, lustlos trabe ich weiter bergab nach Erlaufboden.

Na zumindest ist Patrick bei der Labestation und erzählt mir wie er sich trotz GPS verfahren hat - echt toll, wie der Vater so der Sohn, das scheint nicht unser Tag zu sein :-( Ich mache eine etwas länger Pause, versuche den Ärger abzuschütteln und erfrische mich ein wenig in der Erlauf. Aber ich kriege wieder fast nichts hinunter und das beunruhigt mich - es liegen noch 20Km, die Ötschergräben und der Riffelsattel vor mir, das ist nicht ohne ... Doch die Strecke die Erlauf entlang durch die Hinteren Tormäuer vertreibt meine düsteren Gedanken bald - ist das schön! Das klare grüne Wasser des Flusses, Holztreppen, Stege, Brücken, vorbei an Geröllhalden, der schmale Pfad der sich rauf und runter dahinschlängelt ... da locker durchzutraben ist ein Traum der alle Anstrengungen und Sorgen überdeckt. Und es geht so weiter - vorbei an einem kleinen Stausee komme ich zur Labestelle "Stierwaschboden" am Eingang zu den Ötschergräben. Eine ganze Menge Leute stehen da rum, da herrscht großes Hollodrio, es wird gelacht und gescherzt - was ist da los? Eine Frau mit Hochzeitsschleier, bunten Ringelsocken und einer Art Bauchladen fragt mich ob ich ein Flascherl "Klopfer" will - "Nein danke", sag ich "Aber ein Foto wär lustig!" "Klar - weißt du daß ich fast dieselben Haare hab wie du? Aber wegen dem Schleier und dem Hut hab ich´s hochgesteckt!". Also eine Diskussion über Frisuren am Eingang zu den Ötschergräben hätt ich nicht erwartet :-)

Lachend verabschiede ich mich, hab aber wieder fast nichts gegessen und nur wenig getrunken. Aber darum kann ich mich nicht kümmern denn einerseits bin ich jetzt in den Ötschergräben, dem landschaftlichen Höhepunkt der Strecke und es taucht ein ganz anderes Problem auf: Wandergruppen! Erst noch vereinzelt - da komme ich mit einem "Entschuldigung, darf ich vorbei?" noch gut vorwärts - auch wenn das dauernde Abbremsen und Vorbeischlängeln Zeit und Kraft kostet. Aber es werden immer mehr, ganze Kolonnen spazieren dahin, über die schmalen Stege, und ebensolche Kolonnen kommen entgegen - überholen fast unmöglich! Mit halsbrecherischen Manövern nahe am Abgrund und unter dauernden Rufen "T´schuldigung, das ist ein Rennen, darf ich vorbei - Danke!" arbeite ich mich vorwärts - auch eine Art von Nervenkitzel ;-) Ab der Jausenstation Ötscher-Hias wird es zum Glück wieder etwas ruhiger und ich kann die Landschaft und das Laufen hier richtig genießen - traumhaft! Beim Mirafall lagern ein paar Leute - die Zeit für ein Foto muß sein ... und weiter. Doch dann kommt die Abzweigung rechts rauf, der steile Anstieg zum "Jäger Herz" ... noch einmal erfrische ich mich mit dem kühlen Wasser des Baches und dann geht's bergauf - und wie! Schritt um Schritt kämpf ich mich hoch und merke sehr schnell - ich hab keine Kraft mehr! Der Rausch der Ötschergräben ist vorbei, jetzt kommt meine Erschöpfung raus - da geht nicht mehr viel ... aber denen vor mir geht´s anscheinend auch nicht besser, müde schleppt sich eine lockere Läuferkolonne bergauf, auch auf flacheren Stücken denkt niemand an´s Laufen. Dann rollt auch noch Donnergrollen von irgendwo daher - na super, ein Gewitter wäre das Letzte was ich jetzt brauche! Endlos dauert es bis die Steigung vorbei ist und wir zur Labestelle "Beim Jäger Herz" kommen.

Und mir reicht es. Der Magen flau, die Beine schwer und da steht: Noch 11Km bis in´s Ziel. Eigentlich nur ein Hupfer - aber erstens liegt dazwischen noch der Riffelsattel und zweitens hupf ich sicher nicht mehr :-( Ein wenig Wasser, ein bissl Salzgebäck und weiter ... aber wie! Obwohl die Forststraße flach dahinführt verweigern meine Beine den Befehl "Laufen!" Und mein Magen meldet: "Wennst versuchst zu laufen dann speib ich mich sofort an"! Also bleibt nur Gehen - was für eine Blamage! Bei diesem lächerlichen Tempo zieht sich die Straße ewig dahin, der Donner grollt noch immer und leichter Regen setzt ein - kann´s noch beschissener werden? Aber sicher ... doch erstmal schlurfe ich bei der nächsten Labestelle ein. 6Km nur mehr, sagen die dort. 2Km rauf auf den Sattel und dann noch 4Km bergab in´s Ziel ... jaja. Runter bringe ich außer ein paar Schluck Wasser nichts, mir ist schon alles
wurscht, ich will nur noch über den Sattel und in´s Ziel. Aber soweit ist es noch nicht ... eine Läuferin schließt zu mir auf - wir kennen uns von einigen Läufen, plaudern ein wenig, überholen - immerhin! - eine Gruppe von Wanderern und folgen der Waldstraße. Zum Weiterplaudern fehlt mir bald die Luft, ich fall ein wenig zurück, trotte einfach hinterher ... bis meine Begleitung irgendwann stehen bleibt, sich umschaut und fragt: Wo geht´s denn da weiter? Links eine Forststraße, rechts eine Forststraße - und nirgendwo eine Markierung ... !?! Mist - wo gehts weiter? Die Suche nach Fußspuren bringt nichts, wir gehen in beide Richtungen ein Stück weiter - keine Markierung! Die Schlußfolgerung daß wir schon früher eine Abzweigung übersehen haben macht mich fertig - NEIIIIINNNNNN! Ich kann eh schon nicht mehr und jetzt auch noch verlaufen, das gibt´s ja nicht! Aber es hilft nichts, wir müssen zurück und die richtige Abzweigung finden. Und tatsächlich, ein paar hundert Meter retour, da geht es rechts rauf in den Wald ... mit der Herumsucherei waren das schon wieder einige Extrameter :-(

Das folgende steile Waldstück falle ich hoffnungslos zurück und daß ich nach einiger Zeit die Wandergruppe, die ich vor gut einer halben Stunde überholt habe, bei einer Pause wieder treffe baut mich nicht gerade auf. Auch den spaßigen Hinweis daß ich wohl einen kleinen Umweg gemacht habe find ich nur mäßig lustig. Jaja, wer den Schaden hat ... der Aufstieg nimmt einfach kein Ende und ich werd immer langsamer ... wieder schließt eine Läuferin zu mir auf. Auch sie hat sich schon verlaufen und muß sehr kämpfen, wir plaudern kurz aber dann kann ich auch ihr Tempo nicht mehr halten,
mein Magen rebelliert immer mehr, jeder Schritt wird zur Qual. Der Wald endet, wir queren eine Forststraße und gut 150m über mir sehe ich den Riffelsattel, auch Leute die oben stehen kann ich erkennen. Oh Gott, so hoch rauf noch! Das schaff ich nicht ... Schritt, Schritt .. Schritt ... mir ist so schlecht ... ich pfeif drauf ... aus ... Ende ... das war´s! Ich knie mich hin, fang an zu würgen aber es kommt nichts. Immer wieder regt´s mich aber - kein Material, keine Flüssigkeit, nichts, nur diese Würgerei. Schwankend rapple ich mich wieder auf, schnappe nach Luft ... täusch ich mich oder ist mir jetzt nicht mehr ganz so schlecht? Tatsächlich, das Gefühl speiben zu müssen ist viel schwächer!

Oben am Sattel hat in der Zwischenzeit jemand meine Probleme bemerkt, kommt herunter, fragt wie´s geht und bietet mir eine Flasche Wasser an. "Danke" ... ich nehm ein paar kleine Schlucke - ja, das tut gut, die Übelkeit lässt weiter nach. Vorsichtig versuche ich weiterzugehen - Schritt ... Schritt .. Schritt - tatsächlich, langsam aber doch komm ich vorwärts! Ich fühl mich zwar schwach aber die verdammte Übelkeit ist weg, was für eine Wohltat - und kurze Zeit später steh ich oben am Riffelsattel, geschafft! Ich hab zwar für den letzten Kilometer unglaubliche 25 Minuten gebraucht aber aufgeben? Kommt nicht in Frage - wie konnte ich nur überhaupt an sowas denken? Noch ein paar Schluck Wasser und etwas Salzgebäck, dann bedanke ich mich bei der Mannschaft der Labestation und mach mich an den Abstieg. Ich probiere vorsichtig zu Laufen und siehe da - es funktioniert! Langsam zwar, aber doch - was für ein tolles Gefühl nachdem ich die letzten 2 Stunden fast nur gegangen bin! Diese Schotterstraße kenne ich eh noch vom letzten Jahr, da warten keine Überraschungen mehr, ich muß nur noch in´s Ziel "rollen". Und das tu ich - zwar nur mit lächerlichen Kilometerzeiten um die 8:00 aber das ist mehr als ich vor einer Stunde noch für möglich gehalten hätte. Da kommt die Wiese die zum Zielhang hinunterführt, dort unten ist der Zielbogen, die letzten 100m, ein Hauch von einem Zielsprint und - durch!

Ein Bub überreicht mir die Finisher-Medaillie und macht ein ausführliches Interview mit mir, auch Patrick ist da und ein paar andere Freunde. Alle wollen wissen wo ich so lange war, was mir passiert ist. Also erzähl ich ein paarmal meine wichtigsten Erlebnisse und stelle fest daß mein GPS 57Km und 2260Hm statt 50Km und 1850Hm zeigt. Also bin ich 7Km und 400Hm zu viel gelaufen - nicht übel ;-) Gerhard Schiemer tröstet mich - auch er hat schon so manchen Lauf vermurkst, ich soll´s nicht so tragisch nehmen, morgen ist ein neuer Tag und ein neues Rennen. Stimmt - ich weiß zwar noch nicht, wie ich den Rauhen Kamm morgen halbwegs flott laufen soll aber irgendwie wird´s schon gehen. Doch so dumm wie heute werd ich mich sicher nicht mehr anstellen, die Watschn die mir der Ötscher für meine Überheblichkeit verpasst hat hat gesessen, ich werd daraus lernen!

Soviel vom ersten Tag des Ötscher-Ultramarathons,

LG Hans

P.S.: Info´s, Ergebnisse und Bilder gibt es auf http://www.oetschermarathon.at
P.P.S.: Kurz nachdem ich mich von Thomas getrennt habe ist er unglücklich gestürzt und hat sich das Knie verletzt, ist noch ein Stück weitergehumpelt und musste dann aufgeben. Alles Gute, Thomas, werd bald gesund und denk daran - der Ötscher steht nächstes Jahr auch noch ;-)
P.P.P.S: Mit 7:31 bin ich zwar weit über meinen erwarteten 6:00 Stunden geblieben aber immerhin in's Ziel gekommen. In der Gesamt-Marathonwertung liege ich damit auf Platz 153 von 168, in der reinen Ultra-Wertung in meiner Altersklasse auf Platz 13 von 19, nicht gerade mein üblicher Bereich.
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