20.04.2016, 14:14 Uhr

Primar Hermann Kathrein im Interview

Primar Hermann Kathrein war Chef der Inneren Medizin im BKH Schwaz. Vor Kurzem wurde er in die Pension verabschiedet. Der Mediziner hat viel zu erzählen.

SCHWAZ. Ein Mann, der 40 Jahre lang Arzt war (davon 21 im Bezirkskrankenhaus Schwaz), hat einiges im Leben gesehen – darüber herrscht kein Zweifel. Wer sich mit dem langjährigen Primar der Inneren Medizin des BKH Schwaz unterhält, bekommt aber keine Belehrungen oder Gesten mit erhobenem Zeigefinger präsentiert. Vielmehr ist es so, dass dieser Mann ein äußerst angenehmer Gesprächspartner ist, der sein Wissen und seine Erfahrung geschickt in Worte verpackt und einen, so ganz nebenbei, auch zum Nachdenken anregt. Im Gespräch mit der BEZIRKSBLÄTTER-Redaktion lässt Hermann Kathrein seine berufliche Laufbahn Revue passieren und erinnert sich gerne an die Zeit in Schwaz zurück.

BB: Herr Primar, warum sind Sie eigentlich Arzt geworden?
KATHREIN: „Das habe ich mich selbst schon öfter gefragt. Etwas zu tun, um den Leuten zu helfen, hat mich immer schon interessiert. Ich habe eine Erziehung bekommen, welche das Füreinander und Miteinander in den Vordergrund gestellt hat. Naturwissenschaft zum Wohl der Menschen und das Kommunikative an diesem Beruf haben mich gefesselt. Es war allerdings so, dass ich erst etwa im dritten Jahr meines Studiums richtig Feuer gefangen habe. Von da ab wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

BB: Sie waren ja zuvor in der Klinik Innsbruck. Wie sind Sie eigentlich nach Schwaz gekommen?
KATHREIN: „Ich habe meinen Turnus in Schwaz begonnen. Meine guten Innsbrucker Freunde waren damals hier entweder Assistenten oder Turnusärzte. Sie haben mir gesagt, dass es hier in Schwaz zwar viel Arbeit gibt, aber dass man auch sehr viel lernt. Es war tatsächlich so, dass man als Turnusarzt früher Tätigkeiten in einem Umfang tun musste, wie man es sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die Facharztausbildung für Innere Medizin erhielt ich an der Klinik in Innsbruck, wo ich bis zu meinem Wechsel nach Schwaz in verschiedenen Bereichen tätig war.“

BB: Haben Sie den strengen Primar Dengg noch kennengelernt?
KATHREIN: „Er war mein erster Chef und bei ihm habe ich gelernt, für etwas einzustehen, es zu vertreten, und vor allem auch zu begründen. Als Arzt ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, eine klare Linie zu haben, und das hat Dengg verkörpert. Er hatte zwar eine (ziemlich?) raue Schale und war als strenger Chef ‚berüchtigt‘, aber eigentlich hatte er ein weiches Herz und hat die Menschen sehr gerne gemocht.“

BB: War es für Sie ein schwieriger Lernprozess, für etwas gerade zu stehen bzw. auch mal einen kräftigen Gegenwind zu spüren?
KATHREIN: „In der Geborgenheit der Familie war nicht immer alles so streng, es gab aber trotzdem eine klare Linie. Einer meiner Brüder hat immer gesagt, bei uns zu Hause war die ‚Diktatur der Güte‘. In der medizinischen Arbeitswelt bin ich dann das erste Mal damit konfrontiert worden, dass mir jemand genau auf die Finger schaut und hinterfragt, warum und wie ich etwas mache.“

BB: Wie kam es dazu, dass Sie die Innere Medizin gewählt haben?
KATHREIN: „Das war für mich ein klare Sache. Kranke mit allen ihren Problemen zu sehen hat mich immer am meisten interessiert. Im Zuge einer längeren Famulatur im vorletzten Studienjahr in den USA (Cleveland) hat man mir das gezeigt, es war aber ein Härtetest. Wir mussten arbeiten wie Turnus-ärzte, obwohl wir noch Studenten waren, mussten alles genauestens protokollieren und auch argumentieren; für mich war das eine sehr lehrreiche Zeit und auch ein entscheidender Schritt für meine Arztlaufbahn. Dann hat mich aber mein damaliger Chef an der Universitätsklinik für Innere Medizin, Prof. Dr. Herbert Braunsteiner, entscheidend geprägt. Ohne ihn und seine Unterstützung wäre ich in vielerlei Hinsicht nicht geworden, was ich heute bin. “

BB: Aus Ihrer Erfahrung – was hat sich im Laufe der Zeit in Sachen medizinische Versorgung am meisten verändert?
KATHREIN: „Da ist zuerst die Diagnostik, also wie man Krankheiten erkennt, welche sich sehr verbessert hat. Als ich studierte, sind die ersten Computertomographen gerade entwickelt worden. Es war damals fast unvorstellbar, dass man in jemanden dreidimensional hineinschauen kann, ohne ihn aufzuschneiden. Heute ist es so, dass man viele Krankheitsbilder besser, und vor allem auch schneller erkennt. Früher waren die Patienten länger im Krankenhaus, das hatte auch damit zu tun, dass man u.a. mehr Zeit brauchte, um eine zuverlässige Diagnose zu stellen. Heute sind die Liegezeiten deutlich verkürzt und da muss man die Zeit einfach nutzen, denn jeder Tag, wo nichts passiert, oder wo man nicht weiterkommt, kann sich negativ auswirken. Auch die Behandlungen haben sich wesentlich verbessert, z.B. die Therapie eines Herzinfarktes und die dafür nötigen Erstversorgungsstrategien. Auch Tumor-erkrankungen können heute besser erkannt und gezielter behandelt werden. Das hat u.a. auch mit neuen Medikamenten zu tun, die einfach besser sind. Man kann z.B. bestimmte Bluterkrankungen heute richtig heilen. So etwas hat es früher nicht gegeben. Aus meiner Zeit in Innsbruck erinnere ich mich traurig an Patienten, die damals verstorben sind, heute aber geheilt werden könnten. Bei vielen Behandlungen hat man also entscheidende Verbesserungen entwickelt, deshalb soll man auch bei schweren Erkrankungen die Hoffnung nicht aufgeben. Erwähnen möchte ich auch die positive Einstellung und das Verständnis der politischen Führung und der Verwaltung des Krankenhauses für teure Neubauten, Innovationen und Personalaufstockungen.“

BB: Wie hoch sind aus Ihrer Sicht die Heilungschancen bei Krebs?
KATHREIN: „Dazu muss man grundsätzlich sagen, dass Krebs nicht gleich Krebs ist. Die Tumorerkrankungen sind unterschiedlich, deshalb ist eine genaue Diagnostik wichtig, die ihrerseits gezielte und bessere Behandlungen ermöglicht. So sind dann auch die Heilungschancen, abhängig vom Tumor, zwar unterschiedlich, aber auf jeden Fall besser als früher. Für manche Tumor-erkrankungen gibt es heute sehr gute Früherkennungs-Programme (z. B. Brustvorsorge der Frau, Prostata-Tests bei Männern). Für manch andere Tumorerkrankungen (z.B. Krebs der Bauchspeicheldrüse) haben wir so effiziente Programme leider noch nicht.“

BB: Verkürzte Liegezeiten, schnellere Behandlungen, Kostendruck – ist immer alles zum Wohle des Patienten?
KATHREIN: „Es ist schon so, dass man manche Patienten noch gerne länger im Spital behalten hätte. Druck auf das Team entstand aber vor allem dadurch, dass man am Freitag so viele Patienten entlassen musste, wie am Wochenende wieder aufzunehmen waren. Gerade bei den älteren Patienten haben wir aber immer darauf geschaut, dass sie auswärts versorgt sind, und wenn es ein oder zwei Tage länger im Krankenhaus gebraucht hat, dann war es eben so. Es gibt von Seiten der Gesundheitspolitik aber sicher Druck, dass man mehr ambulant behandelt – soll heißen, dass nur der ins Spital soll, der wirklich schwer krank ist bzw. eine schwere Verletzung hat. Diese Diskussion dauert ja schon lange an, aber eine entsprechende Änderung ist auch nicht so einfach, denn dafür müssen vorhandene Strukturen ausgebaut werden, und das kostet. Im Haus besteht ein Budgetrahmen, in dem man arbeiten und gestalten muss.“

BB: Hat man in der heutigen Zeit eigentlich noch genügend Zeit für die Patienten?
KATHREIN: „Prinzipiell leider nicht immer und das ist schlecht. Bei einer Behandlung muss man, abgesehen von der Professionalität, auch Zeit für die Patienten haben. Versuchen, sich diese Zeit zu nehmen, war immer ein Credo von mir. Wenn ich mir für jemanden Zeit nehme, kann ich ihn besser verstehen, besser behandeln und habe einen besseren Draht zu ihm.“

BB: Sind die Menschen heute kränker als sie früher waren – Stichwort Zivilisationskrankheiten?
KATHREIN: „Zivilisationskrankheiten haben die Menschen schon länger, aber man schaut heute besser drauf. Zu hohen Blutdruck hat man auch vor 40 Jahren schon gekannt und behandelt, aber die Medikamente waren nicht so gut. Heute sieht das ganz anders aus.“

BB: Wie kann man sich die Beziehung zwischen einem Primar und der Pharmaindustrie vorstellen? Gibt es da massives Lobbying der Pharmavertreter?
KATHREIN: „Die Beziehung Ärzteschaft – Pharmaindustrie hat sich aus meiner Erfahrung drastisch geändert. Massives Lobbying habe ich hier nie erlebt. Ich denke, ich war bei den Pharmabetreuern wahrscheinlich nicht sonderlich beliebt, weil ich mir für sie meist wenig Zeit genommen habe, bei allem Respekt für ihre Arbeit. Aber das, was ich wissen musste, habe ich mir im Wesentlichen über Kongresse, Zeitschriften und das Internet besorgt. So hatte ich das Gefühl, alles rechtzeitig zu erfahren. Ich halte nichts davon, wenn die Aufklärung über Medikamente nur über die Pharma-Betreuerschiene läuft. Es ist aber ein Faktum, dass ohne Pharmaindustrie keine Innovationen passieren und wir müssen über neue Medikamente froh sein. In der Diskussion und im Umgang mit der Pharmaindustrie muss man fair bleiben.“

BB: Bleiben Sie dem BKH Schwaz in einer Funktion erhalten?
KATHREIN: „Ich werde weiterhin in der Gesundheits- und Krankenpflegeschule des Hauses lehren. Ich mache das seit Anfang meiner Tätigkeit hier, habe dann aber begonnen, gewisse Kurse zu delegieren. Derzeit lehre ich Geriatrie (Lehre von den alten Menschen – Anm. der Redaktion). Das mache ich gerne und werde der Schule erhalten bleiben. Außerdem leite ich die Dialysestation Schwaz weiter, die offiziell nicht zum Spital gehört, sondern 1997 von einer deutschen Gesellschaft gegründet wurde. Ich muss also nicht von 100% Medizin auf 0% heruntergehen und falle nicht in das gefürchtete Loch.“

BB: Abschließend noch eine Frage bzw. ein Tipp für die Leute – wie bleibt man gesund?
KATHREIN: „Für mich drücken es die drei Worte ‚Laufen, lernen, lieben‘ sehr gut aus. Laufen steht für Bewegung, Lernen für das Nicht-Stehenbleiben im Kopf und Lieben für alles, was Kontakt zu den Mitmenschen bedeutet und einem gut tut.“

Interview: Florian Haun
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.