10.10.2016, 09:03 Uhr

Wenn Integration nicht gewollt wird

Gemeinsamer Besuch beim Open-Air der Schürzenjäger

In ganz Österreich warten Menschen zum Teil seit Jahren auf eine erste Befragung zu ihrem Asylverfahren. Im Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) stapeln sich ihre unbearbeiteten Anträge.



Während sie alle mit der Ungewissheit über ihre weitere Zukunft leben müssen, versuchen Tag für Tag Freiwillige diesen Menschen ein Gefühl von Heimat zu geben. Dafür gibts einerseits große Dankbarkeit durch die Betroffenen, aber andererseits kaum Unterstützung durch das offizielle Österreich, obwohl diese Arbeit eigentlich Aufgabe des Staates wäre. Diese Bemühungen werden etwa mit dem Androhen von Abschiebungen vielmehr ad absurdum geführt.

Österreichrundfahrt trotz möglicher Rückweisung



In Kirkuk (Irak) am 9. Februar aufgebrochen, gings für eine achtköpfige Familie in rund zwei Monaten über Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn bis in die "Erstaufnahmestelle Ost" (Lager Traiskirchen/NÖ) – zu Fuß, im Schlauchboot und mit dem Bus. Am 6. April 2016 stellte Familienvater Adnan Adday-Salman dann für sich, seine Frau Nahlan und die sechs Kinder einen Antrag auf internationalen Schutz in Österreich.

„Leon freut sich immer, wenn ihn Karam und Elaf sowie ihre Brüder zum Fußballspielen abholen. Zwischen allen Kindern ist eine wunderbare Freundschaft entstanden“, berichtet die vierfache Mutter Britta Pertl, die seit Ankunft der Familie in Tux am 17. Mai fast täglich mit ihnen zu tun hat. Bereits am 18. Mai 2016, also einen (!) Tag nach ihrer Ankunft in Tux, informiert das BFA die Familie schriftlich über eine mögliche Rückführung nach Ungarn und die verpflichtende Rückführungsinformation beim Verein Menschenrechte innerhalb einer Woche. Den Transport der Familie von Niederösterreich nach Tirol hätte man sich so gesehen eigentlich sparen können.

Schulbesuch, Deutschkurs und Hilfe bei der Heuarbeit


Seit die irakische Familie in Tux lebt, ist für sie ein halbwegs normales Leben möglich, beispielsweise mit dem täglichen Schulbesuch von Tochter Elaf und Sohn Karam seit 24. Mai. „Wir fühlen uns hier sehr wohl“, sagen Saif, Mohammad, Jamal und Ali stellvertretend für die eifrig Deutsch lernende Familie. „Ich war froh, dass mir die jungen Iraker bei der Heuarbeit geholfen haben, denn mein Vater war lange Zeit im Krankenhaus. Sie waren mit Freude und Eifer bei der Sache“, berichtet Jasmin, eine junge Bäuerin. „Mutter Nahlan hat sich sogar für die Mitarbeit ihrer Jungs mit gefüllten Weinblättern, einem typisch irakischen Essen bedankt“. Im Krankenhaus war übrigens auch Adnan Salman nach einer Herzattacke am Weg zur Befragung am BFA Innsbruck. Zwei Tage später erkundigte sich das Amt, ob Adnan schon wieder vernehmungsfähig sei. Dieser konnte das Krankenhaus allerdings erst am 10. August wieder verlassen.

Ist der Staat an Integration überhaupt interessiert?


Obwohl in sämtlichen Ladungen zur Befragung am BFA auch die Mitnahme von Bildern ausdrücklich gewünscht wird, zeigte sich die leitende Beamtin in Innsbruck (angesichts der Bilder und Schilderungen) über die Zustände im ungarischen Aufnahmelager völlig unbeeindruckt: „Das interessiert mich nicht“. Für das Fortführen der Befragung beharrte jedoch einer der Söhne auf das Ansehen der Bilder. Danach meinte sie nur, dass diese Bilder „auch aus Serbien oder Mazedonien“ stammen könnten (obwohl Datum und offizielle Dokumente eine andere Sprache sprechen).

Nach mehrfachen Befragungen steht nun eine Ausweisung der Familie nach Ungarn im Raum. „Dort wurden wir schlecht behandelt und daher sind wir weiter nach Österreich. Wir hatten gehört, dass die Menschen dort nett sind“, erzählt der Familienvater. Trotz fehlendem Antrag im Ordner der Familie, habe sie in Ungarn anscheinend den Erstantrag gestellt und falle unter die „Dublin-Regelung“.

„Emotional ist das für mich ein zweites Mal nicht mehr machbar", so Britta Pertl. "Für meine Familie, meinen Mann und meine vier Kinder ist es nicht zu ertragen, sich von echt gewonnen Freunden in dieser unmenschlichen Form verabschieden zu müssen“.

Warum wird Menschen wie dieser Familie ihr Weg in ein geregeltes Leben unnötig erschwert? Wieso werden zugleich jahrelang wartende Menschen weiter im Unklaren gelassen? Welche Strategie steckt hinter diesem Vorgehen und dem offensichtlich bewussten Zunichtemachen aller integrativen Bemühungen? In welcher Form werden der Innenminister oder seine Mitarbeiter Aufgaben wie Hausaufgabenbetreuung oder Unterstützung bei Behördengängen übernehmen, falls freiwillig tätige Menschen eines Tages entnervt kapitulieren und sich sagen „le..t mich“?

Der Fall der Familie Adday-Salman wirft viele Fragen auf. Ob oder welche Antworten es darauf jemals geben wird, ist fraglich.
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Roswitha Stetschnig aus Völkermarkt | 10.10.2016 | 14:13   Melden
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Roswitha Stetschnig aus Völkermarkt | 11.10.2016 | 09:34   Melden
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Heidemarie Rottermanner aus Scheibbs | 03.11.2016 | 15:48   Melden
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Sabine Knienieder aus Innsbruck | 24.11.2016 | 09:22   Melden
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