04.06.2016, 12:47 Uhr

Wie mit Zwängen das Leben meistern?

Berta Lackner hat erkannt, Selbsthilfe ist die wirksamste Hilfe

Die betroffene Radentheinerin Berta Lackner rief Selbsthilfegruppe ins Leben

RADENTHEIN. Es gibt Krankheiten, von denen oft die Betroffenen selbst nicht wissen, dass sie darunter leiden und von denen die Öffentlichkeit erst recht nicht weiß, dass es sie überhaupt gibt. Dazu zählt die Zwangserkrankung- eine psychische Störung, deren wesentliche Kennzeichen wiederkehrende unerwünschte Gedanken (Obsessionen) und zwanghafte Handlungen sind. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens an einer Zwangsstörung zu erkranken, beträgt etwa zwei Prozent.

Zu ihnen gehört die Radentheinerin Berta Lackner, die die Selbsthilfegruppe Zwänge Kärnten ins Leben gerufen - doch dazu später mehr. Als die gebürtige Steirerin vor 20 Jahren mit ihrem damaligen Freund und jetzigen Ehemann von einem Urlaub in die Wohnung zurückgekehrt war, geschah es: "Plötzlich drängte sich das Gefühl auf, ich muss sofort alles abwaschen", berichtet die jetzt 39-Jährige. "Ich stand unter einem bis dahin nicht gekannten Zwang, verkrampfte, litt unter seelischem Schmerz."

Der Zustand der damals angehenden Optikerin verschlimmerte sich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde - nicht zuletzt auch wegen der Reaktionen im unmittelbaren Umfeld. Sie reichten von "Reiß Dich doch zusammen!" bis zum hämischen "So eine Abwaschhilfe könnten wir gut gebrauchen!" Am Schlimmsten aber war für Berta Lackner damals, dass sie sich ihren Zustand nicht erklären, ihre "Gefühlskrankheit", wie sie es nennt, nicht definieren konnte. "Warum kehre ich um, um mich zu vergewissern, dass die Haustür tatsächlich zugesperrt ist?" Allein ihr Partner stand ihr zur Seite und vermittelte ihr ärztlichen Beistand.

Fortan bestimmten Therapiestunden, Arztbesuche und freiwillige Klinikaufenthalte auch in Deutschland sowie die Lektüre unzähliger Bücher das Leben der Mutter von inzwischen zwei 15 und elf Jahre alten Töchtern. "Immerhin war ich froh, dass meine Krankheit einen Namen hatte", erzählt die Radentheinerin weiter, die auch mit Medikamenten und bei Schamanen Hilfe suchte. Wirklich geholfen habe ihr die Chinesische Quantum Methode (CQM), mit der unbewusste Entscheidungen und deren Ursachen ins Bewusstsein rücken und sich auflösen sollen. "Damit habe ich gelernt, meine Energie nur für wichtige Dinge im Leben aufzubringen und nicht in solche zu verschwenden, die ich eh nicht ändern kann."

Einmal erkannt, dass die beste Hilfe die Sellbsthilfe ist, stellte die von Zwängen Betroffene ihre Ernährung um, lebte ein knappes Jahr ausschließlich vegan. Die Folge war, die gewonnene Antriebskraft wollte Berta Lackner anderen weiter geben. Und so gründete sie vor zweieinhalb Jahren die Selbsthilfegruppe Zwänge Kärnten - eine von 1.700 Selbsthilfegruppen in ganz Österreich. Allen gemein ist der Ansatz AEIOU - Auffangen (von Betroffenen und Angehörigen), Emutigen, Information, Orientierung und Unterhaltung, schließlich soll bei der gegenseitigen Stärkung der Spaß nicht zu kurz kommen. Weil Klagenfurt zentraler liegt, wurde das Büro in der Landeshauptstadt eingerichtet.

Als nächstes steht der zweite österreichischer Infotag zum Thema "Zwang von Betroffenen für Betroffene - Informieren, miteinander reden und Kontakte knüpfen" am Samstag, 18. Juni, von 10 bis 17 Uhr im Jugend– und Familiengästehaus Cap Wörth, Seecorso 37-39 in Velden an. Zu den Referenten gehört der Klagenfurter Gesundheitspsychologe Wolfgang Pipam, der "erste Arzt, der mich verstanden hat" (Lackner).

Anmeldung bis zum 10. Juni bei Berta Lackner, Telefon 06 50/48 98 333, E-Mail: berta.lackner@gmx.at
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