08.07.2016, 17:55 Uhr

GLÜHWÜRMCHEN. Märchen und Geschichten für Kinder, Kindsköpfe und Kind gebliebene - Teil 79

(Foto: Heinrich Moser)
"Du Mama, gibt's eigentlich Zwerge?" hat mich mein kleiner Sohn neulich gefragt, als ich Lavendel und Gerstenähren für einen Sommerkranz geschnitten habe. "Und wie ist das mit den Glühwürmchen? Wie sehen die aus? Hast du schon einmal eines gesehen? Ich nämlich noch nie!" "Ich schon!" entgegnete ich schmunzelnd. Man sieht sie oft an lauen Sommerabenden in der Dämmerung. Ihr Leuchten bedeutet, dass sie auf Partnersuche sind... Und... angeblich sollen sich an Orten, wo viele Glühwürmchen sind, auch Elfen, Feen, Zwerge, Gnome und andere Naturgeister tummeln... Gefundenes Fressen für einen Sechsjährigen mit blühender Fantasie. Daher haben wir uns die folgende Geschichte diesmal gemeinsam ausgedacht : - )

An einem geheimen Ort, dort wo die Welt der Menschen an die Anderswelt grenzt, lag einst ein geheimer Garten von noch nie dagewesener Schönheit und Vollkommenheit. Die Tage waren lau und voller Sonnenschein. Durch die Kronen der knorrigen alten Bäume rauschte stets eine Kühle spendende Brise. Durch Wiese und Wald schlängelte sich ein zartes Bächlein, dessen kristallklares Wasser lustig über moosbewachsene Steine hüpfte. Im goldenen Sonnenlicht tanzten Mücken, Libellen und Schmetterlinge mit Samen und Löwenzahnschirmchen um die Wette und im Weiher steckten die Fischlein neugierig die Köpfchen zwischen den Seerosenblüten hervor, während die Frösche zur Nachmittagsmatinee luden. Es war ein Ort voll Zauberkraft, der Ewigkeit, der Wunder schafft...

Im grünen Wiesengrunde gab es aber auch noch andere Wesen, die den verborgenen Garten ihr Heim nennen durften: Elfen, Gnome und Naturgeister wiegten sich zum ewigen Lied der Schöpfung. Zur späten Stunde aber, im lauen Wiesengrunde, unter des Mondes hellen Schein, stellten sich gar die Feen ein. Ihr Haar glitzerte wunderbar und Blütenduft lag in der Luft.

Ja, dieser geheime Garten war fürwahr ein kleines Wunder. Nicht einmal die weißen Einhörner fehlten. Jeden Tag zur Mittagsstunde labten sie sich an dem schimmernden Wasser des Bächleins. Ihr Horn glitzerte im Sonnenlicht.

Freilich musste es bei so grenzenloser Vollkommenheit auch ein Makel geben. Sobald nachts der fahle Mond voll das Firmament erklommen hatte, und die Waldgeister im Sternenstaub der Mondfee zu tanzen begannen, zogen sich Düsternis und Dunkelheit wie eine dunkle triste Wolke über den Mondenschein, verschluckten jeden Laut und jedes Lachen. Selbst das Rauschen der Bäume war wie aufgesogen. Mit der tiefschwarzen Nacht aber, kam auch die Angst, die sich den Bewohnern des geheimen Gartens wie eine Klammer um die Brust legte, ihnen Schlaf und Atem raubte.

Ängstlich suchten die Zwerge in dumpfen Erdlöchern Zuflucht vor der tiefschwarzen Nacht. Elfen und Naturgeister suchten verstört Deckung unter dicken behaarten Blättern. Eines Tages, verirrte sich ein fremder Schuster-Kobold in den geheimen Garten. Er hatte bis dato im Menschenreich gewohnt. "Wie könnt ihr den Schrecken der tiefschwarzen Nacht einfach so hinnehmen, ohne auch nur das Geringste dagegen zu unternehmen!" ereiferte sich der Fremdling. "Was können wir schon tun?" tuschelten die Gartenbewohner betreten. "Gegen eine Naturgewalt wie die alles verschlingende, tiefschwarze Nacht können wir nichts ausrichten!" Da trat die Mondfee vor. "Man müsste die Einhörner fragen" begann sie stockend. "Ich erinnere mich wage, dass sie als einzige alle großen Geheimnisse des geheimen Garten kennen. Doch sind sie so scheu, dass es noch nie jemand geschafft hat, sich mit einem von ihnen zu unterhalten!"

"Ha! Das kann doch nicht so schwer sein!" prahlte der Schuster-Kobold und machte sich auf, die scheuen Fabelwesen zu suchen. Seine Wanderung führte ihn über Berge und Täler, er durchschwamm reißende Flüsse und querte sengend heiße Wüsten. Alle Grenzen zur Anderswelt schritt er ab. Doch nirgends war auch nur ein einziges Einhorn zu sehen. "Ich kann nicht mehr!" gestand er sich endlich zu und ließ traurig den Kopf hängen. "Wahrscheinlich gibt es Einhörner ja doch nur im Märchen!" Da wurde er von wildem Hufgetrampel brutal aus der Verzagtheit gerissen. Vor lauter schreck überschlug er sich und landete mit der Nase in einer stinkenden grün-braunen Pfütze.

Prustend und spuckend richtete er sich langsam auf. "Was war denn das??" Ungläubig rieb sich Gocko die Augen. Das was so kühn an ihm vorbeigeprescht war, war tatsächlich ein Einhorn gewesen! Doch irgendetwas musste es erschreckt haben, denn nun hing es mit seinem Zauberhorn felsenfest in einem Ahornbaum fest und konnte weder vor, noch zurück.

"So so! Ein Einhorn, das in einem Baum feststeckt! Wo hat man sowas schon gesehen!?" feixte der Schuster-Kobold, merkte aber gleich, dass das edle Fabeltier nur noch wilder um sich schlug. "Na na! Sei nicht gleich beleidigt! Ich hab's ja nicht so gemeint, Fabelwesen. Ich bin Gocko, der Schuster-Kobold. Gerne will ich dir helfen. Allerdings wäre ich dir sehr dankbar, wenn du mir davor noch ein paar Fragen beantwortest! Und warum steckst du hier im Baum fest?"

Das Einhorn schnaubte, und beäugte ihn noch immer skeptisch. "Menschen und Trolle der Finsternis wollen mein Horn, denn das Horn der Einhörner ist der Schlüssel zu den letzten Geheimnissen der Erde! Ich hatte großes Glück! Die Häscher, die mich verfolgt haben, verfingen sich in den Schleiern, die die Menschenwelt von der Anderswelt trennen und mussten aufgeben! Aber ich muss auf der Hut sein, denn sie werden es wieder versuchen!"

Vorsichtig näherte sich Schuster-Kobold Gocko dem unirdisch schönen Fabeltier und machte sich daran, das Wunderhorn mit seinem Schusterhammer aus dem Baumstamm zu arbeiten. "Liebes Einhorn! Meine Freunde drüben im geheimen Garten leiden jede Nacht große Qualen, denn das alles erstickende Dunkel der tiefschwarzen Nacht umschließt ihre Brust wie eine eiserne Klammer. So sag mir doch, Einhorn, wie kann ich ihnen helfen!" "Das Geheimnis kenne ich wohl!" erwiderte das Einhorn, das nun schon fast freigekommen war. "Der Schlüssel dazu ist der kleine Käfer, der auf dem Ast dort drüben sitzt!" "Ein Käfer?" wiederholte Gocko ungläubig. "Die tiefschwarze Nacht wurde vom Schöpfer gemacht, um die Menschen davon abzuhalten, in den geheimen Garten einzudringen und ihn durch ihre Gier nach Reichtum und Macht zu zerstören. Kein Mensch könnte das Vakuum der tiefschwarzen Nacht aushalten. Mittlerweile fällt es auch den Gartenbewohnern schwer, denn sie haben ein wichtiges Geheimnis vergessen: Sorglos und verwöhnt wie sie sind, vergaßen sie vor lauter Tanzen Lachen und Fröhlich sein auf ihre Aufgaben, ihre Bestimmung. Als die Naturwesen vergaßen, jeden Abend das Licht der Glühwürmchen anzuzünden, hat die Finsternis überhand bekommen und die tiefschwarze Nacht alles verschlungen.

Da war es auch schon frei gekommen, das weiße Einhorn. Hätte Schuster-Kobold Gocko nicht immer noch das Glühwürmchen in der Hand gehalten, hätte er wohl gemeint, es wäre alles nur ein Traum gewesen.

"Na toll! Das Einhorn ist abgehauen, ohne mir nur mit einem piep zu verraten, wie man das Licht der Glühwürmchen wieder anmacht.

Trotzdem steckte Gocko den kleinen Käfer in seinen Beutel und machte sich auf den Weg zurück zu seinen Freunden. Alle warteten schon auf ihn, waren bereit, ihn als Held zu feiern. "Sie werden mich für einen Lügner halten, wenn ich das Licht nicht anknipsen kann! Dabei habe ich doch alles versucht! "Sorry, kleiner!" Offenbar hatte er das Glühwürmchen etwas zu fest gedrückt, denn ihm entfuhr ein seltsamer laut. "Ich werde in Zukunft besser auf dich aufpassen!" flüsterte Gocko seinem Käfer ins Ohr und streichelte ihm liebevoll über Haupt und Rücken!"

"Bling" "Potz Blitz!" staunte Gocko und begann auch den Käfer zu streicheln, der sich neben ihm zu bewegen begann. "Bling!" "Ich habs! Oh ja! Ich hab das Geheimnis entdeckt!" Bald kamen von überall her Glühwümchen gekrabbelt und Gocko wollte sie alle streicheln!

Seht doch alle her! Seht doch alle her! Schrie Gocko außer sich vor Glück. "Es sind die Glühwümchen! Wenn ihr sie am Abend streichelt und so ihr Licht entzündet, kann euch das alles verschlingende Vakuum der Tiefschwarzen Nacht nichts mehr anhaben!

Elfen, Zwerge, Feen, Gnome und Naturwesen - sie alle stimmten in Gockos Jubel ein und halfen ihm, noch mehr Glühwürmchen zum Leuchten zu bringen, bis es so aussah, als sei das alles verschlingende Nichts der Tiefschwarzen Nacht mit tausenden kleinen, golden leuchtenden Punkten durchwirkt die übermütig durch die Nacht tanzten und sie wieder freundlich und magisch wirken ließen. "Schööööööön..." hauchten die Bewohner des geheimen Gartens erleichtert und schworen sich, nie wieder auf ihre Aufgaben vergessen zu wollen.

Ja, und... seit damals, so erzählt man sich, sind dort wo sich die Glühwürmchen an lauen Sommerabenden tummeln, auch Elfen, Feen, Zwerge, Naturgeister und vielleicht auch unser Schuster-Kobold Gocko nicht fern...
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Anita Buchriegler aus Steyr | 08.07.2016 | 17:58   Melden
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Karl Hailer aus Donaustadt | 08.07.2016 | 18:16   Melden
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Erika Bauer aus Bruck an der Mur | 08.07.2016 | 19:51   Melden
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Heidemarie Rottermanner aus Scheibbs | 09.07.2016 | 14:30   Melden
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Birgit Winkler aus Krems | 09.07.2016 | 15:27   Melden
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Petra Maldet aus Neunkirchen | 09.07.2016 | 16:32   Melden
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Eva Unterweger aus Villach | 09.07.2016 | 18:54   Melden
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Anita Buchriegler aus Steyr | 10.07.2016 | 22:26   Melden
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Helga Tomasi aus Pinzgau | 11.07.2016 | 19:21   Melden
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Anita Buchriegler aus Steyr | 19.07.2016 | 08:30   Melden
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