15.06.2016, 15:26 Uhr

Mitten drin im Klimawandel

Ist die Situation nicht nur eindeutig, sondern sogar dramatisch?

PIK 9.6.2016
Überflutungen und Schlammlawinen, Deutschland ist mitten drin im Klimawandel. Gespräch mit Prof. Ottmar Edenhofer, Chefökonom und stellvertretender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Prof. Ottmar Edenhofer: Die Situation ist ziemlich eindeutig. Wir beobachten einen Anstieg der globalen Mitteltemperatur, und wir sehen natürlich auch, dass wir eine Zunahme von Extremniederschlägen haben - weltweit! Für Deutschland ist die Datenlage statistisch gesehen noch nicht so klar. Aber auch der Deutsche Wetterdienst sieht, dass wir eine solche Zunahme in den letzten 15 Jahren haben. Ich glaube, das Grundproblem ist, dass das zunächst einmal nur ein statistischer Zusammenhang ist und deswegen gibt es da immer wieder Debatten in der Wissenschaft: Kann man ein einzelnes Extremereignis dem Klimawandel zuordnen? Das kann man natürlich nicht. Ganz ähnlich ist es, wenn man sich die Frage stellt: Wie ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs? Natürlich gibt es einzelne Leute, die viel rauchen und keinen Lungenkrebs haben. Aber im Mittel ist es dann eben doch so, dass Rauchen Lungenkrebs erzeugt. Und so ist es auch hier: Der Anstieg der globalen Mitteltemperatur führt zu vermehrten Extremereignissen. Und diese Extremereignisse sind auch wesentlich intensiver.

Prof. Dr. Ottmar Edenhofer ist stellvertretender Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Lehrstuhlinhaber für die "Ökonomie des Klimawandels" an der Technischen Universität Berlin, ist Klimaforscher und Wirtschaftswissenschaftler und beschäftigt sich nicht nur mit dem Klimawandel selbst, sondern auch mit den Menschen und wie sie dazu bewegt werden könnten, ihr klimaschädliches Verhalten zu ändern. Zusätzlich zu seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit ist er aktiv an der politischen und öffentlichen Debatte in Deutschland und der EU beteiligt. Bis 2009 beriet er Bundesaußenminister und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier in Fragen der Klimapolitik. Er gehört dem Beirat des Vereins IZ Klima, Informationszentrum für CO2-Technologien an.

Weltklimakonferenz war kein klimapolitischer Durchbruch

2-Grad-Ziel - Ist die Welt noch zu retten?

Paris war schon ein diplomatischer Erfolg. Man kann sagen, politisch gesehen hat die Weltgemeinschaft gesagt: Wir wollen eigentlich keine Wette darauf abschließen, dass wir, wenn wir nichts tun, gut davon kommen. Sondern die Weltgemeinschaft hat gesagt: Wir sehen, dass ungebremster Klimawandel Risiken hat, die für uns nicht handhabbar sind; und deswegen wollen wir die globale Mitteltemperatur begrenzen. Das war sicherlich ein diplomatischer Durchbruch. Aber wenn man sich die Zahlen anschaut, dann ist es kein klimapolitischer Durchbruch gewesen. Denn: Was sehen wir denn? Wir sehen, dass die Staaten lediglich Verpflichtungen eingegangen sind, dass sie bis zum Jahr 2030 nahezu das gesamte Kohlenstoff-Budget schon aufbrauchen, das mit einem 2-Grad-Ziel vereinbar wäre. Wenn man dann noch dazu nimmt, dass weltweit 1.400 Gigawatt-Kohlekraftwerke gebaut werden, die allein schon die bestehenden Kohlekraftwerke und die neu Dazugebauten mehr als 500 Giga-Tonnen verursachen würden und damit mindestens die Hälfte des verfügbaren Budgets schon aufbrauchen würden, dann sieht man doch ziemlich deutlich, dass wir jetzt in den nächsten Jahren gewaltig nachbessern müssen. Und es geht jetzt eigentlich um die Frage, ob die Bereitschaft, gegen den Klimawandel etwas zu tun, die Ankündigungen, dass denen jetzt auch konkrete Taten folgen.

"Der Mann, der keine Kohle mag …"


Es geht mir überhaupt nicht darum, dass ich keine Kohle mag. Ich habe gegen Kohle überhaupt nichts. Aber zunächst einmal ist es so, dass Kohle eigentlich das zentrale Problem ist. Und wir würden eben, wenn wir weiterhin auf Kohle setzen - also wie in China, in Indien, aber auch in der Türkei, in Vietnam und in Indonesien - dann schlagen wir einfach die Tür zum 2-Grad-Ziel krachend zu. Denn, warum sollte denn in Südafrika nach dem Jahr 2030 der Wirtschaftsminister damit einverstanden sein, aus der Kohle auszusteigen, wenn er gerade wenige Jahre vorher neue Kohlekraftwerke gebaut hat.

Kohle ist rentabel, weil CO2 zu billig ist


EEG-Reform - geht an der Herausforderung des Klimawandels vorbei
Aus meiner Sicht ist das ungefähr so, wenn man sagen würde, ob das Anbringen von Fahrradbremsen etwas damit zu tun hat, dass die Flugsicherheit sich erhöht. Das EEG ist zunächst einmal ein Instrument gewesen, um die erneuerbaren Energien zu fördern. Und bei dieser EEG-Reform geht es darum, dass die Politik von einer Preissteuerung hingeht zu einer Mengensteuerung. Sie gibt bestimmte Mengen vor und die sollen dann versteigert werden, um die Erneuerbaren dann entsprechend billiger bereitzustellen. Das ist sicherlich ein Schritt, den man akzeptieren kann. Aber aus meiner Sicht geht es an der Herausforderung des Klimawandels deswegen vorbei, weil auch in Deutschland das große Problem darin besteht, dass die Kohlekraftwerke - vor allem gegenüber den Gaskraftwerken und auch gegenüber den Erneuerbaren - nach wie vor sehr rentabel sind. Wir haben vom Jahr 2002 bis heute etwa elf Kohlekraftwerke gebaut, und es gehen auch noch neue Kohlekraftwerke ans Netz. Und wir sehen auch in ganz Europa, vor allem auch in Polen, dass man wieder auf Kohlekraft setzt. Polen zum Beispiel importiert Kohle aus den Vereinigten Staaten. Und deswegen ist auch meiner Sicht hier ein Perspektivwechsel notwendig, weil es jetzt nicht nur um die Frage geht, wie man das EEG reformiert und damit die erneuerbaren Energien stärker den Marktkräften aussetzt. Sondern es geht vor allem darum, dass wir anerkennen müssen, dass wir CO2 einfach nicht hinreichend gut bepreisen. Der Preis für CO2 liegt im europäischen Emissionshandel unter vier Euro pro Tonne CO2; da ist es natürlich klar, dass die Kohle unter solchen Bedingungen rentabel wird. Und deswegen ist es aus meiner Sicht für eine europäische Energiepolitik alles entscheidend, dass wir diesen europäischen Emissionshandel reformieren. Denn wir dürfen nicht vergessen, im Jahr 2017/2018 möchte China einen Emissionshandel einführen. Es gibt andere Länder, die sich damit beschäftigen, und wenn Europa nicht endlich zeigt, dass dieses Instrument wirklich funktionieren kann, dann geben wir der Welt ein schlechtes Vorbild.

Es gibt einen "unvermeidbaren Klimawandel"

Wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, dass Klimawandel unvermeidbar ist. Wir werden auch bei einer Begrenzung der globalen Mitteltemperatur auf zwei Grad uns an den Klimawandel anpassen müssen. Denn die Extremereignisse, die wir heute schon sehen, die passieren ja schon bei einem Temperaturanstieg von 0,7 Grad. Wir werden nicht sämtlichen Klimawandel vermeiden können. Es gibt einen unvermeidbaren Klimawandel, und an diesen unvermeidbaren Klimawandel werden sich große Teile der Welt anpassen müssen. Noch viel dramatischer etwa auf den Philippinen, wo eben die Extremereignisse ebenfalls zunehmen und wo die Bedingungen, die ökonomischen Mittel, sich an den Klimawandel anzupassen, viel geringer sind. Aber ist es natürlich völlig klar, dass wir eben uns nicht nur anpassen können, weil die Anpassungsfähigkeit irgendwann erschöpft ist, sondern wir müssen auch den Klimawandel begrenzen und vermeiden. Und dafür ist in der Tat die CO2-Bepreisung aus meiner Sicht das entscheidende Instrument. Das kann man ja leicht sehen. Wenn in Paris beschlossen worden ist, dass wir noch etwa 800 Giga-Tonnen CO2 in die Atmosphäre entlassen dürfen, in der Atmosphäre ablagern dürfen, dann ist doch klar, dass die Atmosphäre nur noch ein begrenzter Deponieraum ist. Dort, wo ein Gut knapp ist, eben der Deponieraum der Atmosphäre, dann muss sich das irgendwo in den Preisen widerspiegeln. Und vor dem Hintergrund ist eine CO2-Bepreisung - sei es durch Emissionshandel, sei es durch eine CO2-Steuer - unvermeidbar. Und es ist nicht nur so, dass wir das in Europa machen müssen, sondern wir müssen jetzt einen Prozess in Gang setzen, nach Paris, indem wir in der breiten Fläche bei den großen Emittenten - China, Indien, USA - solche CO2-Bepreisungssysteme durchsetzen.

Individuelle Beiträge summieren sich nicht auf

Klimawandel im privaten Bereich


Das Einstellen auf den Klimawandel darf weh tun. Ich habe sicherlich privat einen relativ CO2-armen Lebensstil. Beruflich habe ich einen ziemlich CO2-intensiven Lebensstil. Ich muss in meiner Tätigkeit sehr oft Flugreisen machen; ich stelle das jetzt zunehmend um auf Videokonferenzen, was sehr viel billiger ist und sehr viel effizienter. Und es ist auch so, ich habe nicht das große Bedürfnis, privat sehr CO2-intensiv zu leben. Und ich glaube, privat ist meine CO2-Bilanz einigermaßen vernünftig. Aber um noch mal darauf zurückzukommen: Ich kenne viele Leute, die bereit sind, für den Klimawandel ihren Lebensstil zu verändern. Die entscheidende Frage ist: Führen denn die vielen kleinen Schritte, die Menschen bereit sind zu unternehmen, dazu, dass am Ende die Emissionen sinken? Und die bittere Tatsache ist, dass eben die verschiedenen, kleinen, individuellen Beiträge sich nicht aufsummieren zu einer nachhaltigen Emissionsreduktion. Und deswegen glaube ich, dass wir mit Lebensstilveränderung, mit individuellen Beiträgen nur dann weiterkommen, wenn wir die politischen Rahmenbedingungen so verändern, dass am Ende dann der individuelle Beitrag sich aufaddiert zu einer substanziellen Reduktion von Emissionen.
Das Gespräch führte Arthur Dittlmann.

Mehr Informationen mit Link zu Original-Beitrag Radio Bayern 2
Mitten drin im Klimawandel
2
Diesen Mitgliedern gefällt das:
4 Kommentareausblenden
3.890
Gerhard Heising aus Stubai-Wipptal | 16.06.2016 | 07:31   Melden
2.262
Eva Klingler aus Kufstein | 16.06.2016 | 17:52   Melden
35.638
Elisabeth Staudinger aus Vöcklabruck | 16.06.2016 | 21:03   Melden
3.890
Gerhard Heising aus Stubai-Wipptal | 17.06.2016 | 00:06   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.