26.04.2016, 19:45 Uhr

Temporäre Projekte

11.04.2016

Bananen und Papaya aus Graz

Mit einem "Abwärmegewächshaus" macht der Künstler Markus Jeschaunig die alltägliche Energieverschwendung anschaulich. Dieses Projekt und zwei akustische Arbeiten haben beim Grazer Kunstwettbewerb zum Klimawandel die ersten Preise gewonnen

Es ist ein echter Blickfang: In einer Häusernische am Jakominiplatz mitten in Graz klebt seit vergangenem Herbst eine große, transparente Kunststoffblase. Nachts ist sie von innen erleuchtet, und es stehen tropische Obstpflanzen darin. Eine Ananas und eine Handvoll Papaya wurden kürzlich geerntet - am Ende eines österreichischen Winters.

Das Projekt mit dem Titel "Oase No 8" in der Hauptstadt der Steiermark ist - natürlich - Kunst. Es stammt von dem 34-jährigen Grazer Markus Jeschaunig. Das kleine Gewächshaus wird mit Abwärme aus einer örtlichen Pizzeria beheizt und macht dadurch an einem konkreten Beispiel anschaulich, wieviel Energie im Alltag einer ganz normalen mitteleuropäischen Stadt ungenutzt verpufft und wie die Menschheit mit ihren begrenzten Ressourcen umgeht. Beim Kunstwettbewerb KlimaARS 2016 hat das Projekt vergangene Woche einen der ersten Preise gewonnen.

Das Siegerprojekt "Oase No 8" in einer Hauslücke über einem ehemaligen Reformhaus im Zentrum von Graz - als "parasitäre architektonische Intervention" hat der Künstler Markus Jeschaunig sein komplett mit Abwärme beheiztes Gewächshaus bezeichnet; Foto: Universalmuseum Joanneum

Den Wettbewerb hatten die Karl-Franzens-Universität und die Kunstuniversität Graz im Herbst vergangenen Jahres ausgeschrieben. Die Aufgabe war, "den Klimawandel, seine Auswirkungen oder den Umgang mit ihm in eine neue Sprache zu übersetzen und dadurch die mit ihm verbundene Dynamik erfahrbar zu machen". 99 Einsendungen erreichten die Jury aus Vertretern von Klimaforschung, Kunst und Kultur sowie Medien. Zwanzig davon wählte die Jury aus und präsentierte sie im Rahmen des 17. Österreichischen Klimatages, der vergangene Woche in Graz stattfand. Die besten drei wurden schließlich zu Siegern gekürt und mit je 1.000 Euro prämiert.

Ebenfalls erste Preise erhielten neben Jeschaunigs "Abwärmegewächshaus" zwei akustische Arbeiten: In seiner quadrophonischen Klanginstallation "Aqua Alta" hat der Komponist und Produzent Michael Eisl die "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi übereinandergelegt. Die einzelnen Stücke sind nicht mehr zu unterscheiden, es bleibt lediglich eine Kakophonie - eine Parabel auf das chaotische Klima, das bei ungebremsten Treibhausgasemissionen droht. Dritte Preisträgerin ist die Komponistin und Forscherin Artemi-Maria Gioti, die in dem Werk "Temperatures" Klimadaten in Klänge umgewandelt hat. Der Wettbewerb soll "eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kunst schlagen und der Auseinandersetzung mit diesem brennenden Thema ein weiteres Forum geben", erklärte Peter Scherrer, Vizerektor der Uni Graz.

Das "Abwärmegewächshaus" soll noch bis Ende dieses Jahres im Grazer Stadtzentrum stehen. Für den Spätsommer ist die Ernte von Bananen geplant.

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Markus Jeschaunig

Oase No 8


Eröffnung: des Abwärmegewächshauses, Donnerstag, 24.09.2015, 18 Uhr
In Kooperation mit Botanischen Garten Graz und HDA.

Ort: Radetzkystraße 4, 8010 Graz

Eröffnung:
Begrüßung und Einleitung : Elisabeth Fiedler, Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark


Gespräch Conversation: Markus Jeschaunig Künstler, Elisabeth Fiedler, Markus Bogensberger Haus der Architektur

Bananen aus Graz – Ein tropisches Abwärmegewächshaus

Dauer der Installation: September 2015 – Ende 2016

Ernten der Früchte: Spätsommer 2016

Unterstützt durch das Forum der Kunstuniversität Linz & KEBA AG, Linz.

Danke an die PflanzenpflegerInnen der „Banana Hood"
Info:

Das Abwärmegewächshaus "Oase No 8” thematisiert ungenutzte Energiepotentiale in der Stadt und leitet die Abwärme zweier Kühlhäuser mitten in der Grazer Altstadt (Ecke Schmiedgasse/Jakominiplatz) in eine temporäre Gewächshaushülle aus ETFE-Folie um, in der ein tropisches Klima zum Anbau von Bananen, Ananas und Papayas entsteht. Im Zeitraum von einem Jahr sollen darin erntefähige Früchte wachsen sowie Fragen zum Umgang mit Ressourcen aufgeworfen werden.

Statistisch ist die Banane die beliebteste Tropenfrucht Österreichs (stets Warentaste Nr. 1) und ganzjährig in Supermärkten erhältlich. Der Genuss von Bananen und anderen Tropenfrüchten in Europa erfordert ein hohes Maß an Energie und globaler Logistik. Grün geerntet werden die Früchte aus Exportländern wie Ecuador, Costa Rica, Kolumbien, Honduras, Panama und anderen Ländern mit subtropischem Klima über mehrere Wochen nach Europa verschifft und vor Ort maschinell nachgereift, weswegen die Banane lange als Luxusgut galt.

Markus Jeschaunig untersucht in seiner länger angelegten künstlerischen Forschung C2City (Cradle to Cradle City) menschliche Verfahrenstechniken in Bezug auf Biosphäre und Umwelt.

Politische, wirtschaftliche oder wissenschaftliche, gewinnorientierte und gewinnmaximierende Interessen, sowie Neue Medien und technologischer Fortschritt haben dem Zeitalter mit relativ stabilen Klimaverhältnissen, dem Holozän, das Zeitalter des Anthropozäns folgen lassen. Der Mensch ist zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf biologische und atmosphärische Prozesse der Erde geworden. Urbanist_innen, Architekt_innen, Künstler_innen, die sich stets mit zeitgemäßen Problemen auseinandersetzen, widmen sich verstärkt diesen Themen. Klima, Ressourcen und deren Gebrauch, Ernährung, ökologische ebenso wie wirtschaftliche Entwicklungen werden für unser Fortleben, unsere Gesellschaftsstrukturen und politischen Ausrichtungen essentiell. Daher vernetzen sich auch Fragen von Kunst, Wissenschaft und Forschung immer mehr.

Markus Jeschaunig, selbst ausgebildeter Architekt, Künstler und Betreiber der Agency in Biosphere agiert genau an und zwischen diesen Schnittstellen. Das vorliegende Projekt ist der Versuch, Energiepotenziale offenzulegen, Kritik an etablierten Systemen zu üben und neue Handlungsweisen aufzuzeigen.

So verwendet er in einer temporären Gewächshaus-Installation, die er im Grazer Altstadtzentrum positioniert, ausschließlich ungenutzte Energie, nämlich Abwärme eines Kühlhauses. Darüber hinaus wirft er exemplarisch Fragen zum Umgang mit globalen Ressourcen und zu den daraus folgenden Konsequenzen auf.

Referierend auf die Gruppe Haus-Rucker-Co, die auf der documenta V in Kassel im Jahr 1972 das Projekt Oase No 7, eine transparente Kunststoffblase mit Plastikpalmen, realisierte, die direkt an eine klassische Architekturfassade angedockt war, erinnert Jeschaunig an die Aufbruchsstimmung jener Zeit, die ein Denken in Metabolismen und größeren ökologischen Zusammenhängen ebenso forderten, wie die Anpassung und Veränderung von Architektur an den menschlichen Körper und seine Bedürfnisse.

Jeschaunigs Oase No 8 befindet sich in einer Baulücke in jenem Stadtteil, in dem bis vor 135 Jahren jener des der Öffentlichkeit dienenden Joanneumgartens gelegen war. Als parasitärer architektonischer Eingriff nimmt Oase No 8 die Form der Blase auf und erweitert sie in ökologischer Weise, indem in einem tropischen Mikroklima tatsächlich exotische Pflanzen (Banane, Ananas und Papaya) gedeihen. Die Abwärme der Kühlaggregate, ca. 5,2 KW, kann das Innenklima der EFTE Blase während des Winters auf über 15° Celsius halten, das die tropischen Pflanzen mindestens brauchen. In-farming, Landwirtschaft, urban gardening spielen in dieser Arbeit eine ebenso große Rolle, wie Energierückgewinnung oder biologische Aspekte und deren Auswirkungen. Am Ende wird anhand aufgezeichneter Messwerte eine Energiebilanz erstellt.

So wird mit künstlerischen Mitteln nicht nur ein Impuls gegeben, es werden auch die Faktoren Zeit, Entwicklung, Agitation, Prekarium oder Verteilung für uns erlebbar gemacht, neue Möglichkeiten zukünftiger Ressourcennutzung gedacht und angestoßen, die auch in größerem Format existenzfähig wären.

Temporäre Projekte

Presseberichte

Tropische Früchte, gepflückt in Graz: Noch ist das keine Folge des Klimawandels. Aber eine Einladung, eben darüber nachzudenken.
Ananasernte auf dem Jakominiplatz
Kleine Zeitung, Ute Baumhackel, 11.03.2016
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