19.05.2016, 00:00 Uhr

Telfer erforscht Schweizer Käse

Dr. Thomas Reitmaier bei einer teilweise freigelegten Grundmauer einer prähistorischen Alphütte im Fimbertal - 2011 (Foto: Privat)

Forscherteam mit Telfer Archäologen zeigt auf: Käseproduktion in der Schweiz reicht in prähistorische Zeit zurück.

TELFS. Ein internationales Team unter der Leitung der Universität York und der Universität Newcastle hat auf Initiative von Kantonsarchäologe und gebürtigem Telfer Dr. Thomas Reitmaier vom Archäologischen Dienst Graubünden die chemische Zusammensetzung von Rückständen an urgeschichtlichen Gefäßfragmenten aus sechs alpinen Fundstellen aus dem Kanton Graubünden untersucht. Diese Keramikscherben datieren vom 5. bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. Die Wissenschaftler haben dabei vor wenigen Wochen herausgefunden, dass die Rückstände an den Töpfen des 1. Jahrtausends v. Chr. – d.h. aus der Eisenzeit- jene chemischen Spuren aufweisen, die mit dem Erhitzen von Milch (Kühe, Schafe, Ziegen) des Käseherstellungsprozesses verbunden sind. Bisher hatte dieser schlüssige methodische Beweis gefehlt.
Diese Gefäßfragmente wurden in archäologisch detailliert untersuchten Gebäuderuinen oder Fundstellen im Engadin bzw. Silvrettagebirge entdeckt, wo Dr. Thomas Reitmaier seit zehn Jahren wissenschaftlich zu den Ursprüngen der heimischen Alpwirtschaft forscht. Diese Bauten hätten durchaus Ähnlichkeiten mit modernen Alp-und Sennerei-Anlagen, heißt es in der Veröffentlichung auf der wissenschaftlichen Online-Plattform Plos One.
„Noch heute“, so meint Dr. Reitmaier in einer Aussendung des Archäologischen Dienstes, „erfordert die saisonale Herstellung von Käse und anderen Milchprodukten in den Bergen außergewöhnliche Anstrengungen. Die prähistorischen Hirten müssen daher eine sehr genaue Kenntnis über Haustiere, Herden und Weideflächen gehabt haben; sie konnten auch mit dem unberechenbaren Wetter und weiteren Gefahren im Hochgebirge umgehen und hatten das technologische Wissen, frische Milch in ein nahrhaftes und lagerfähiges Produkt zu verwandeln. Mit diesem Ergebnis sind wir in der alpinen Archäologie auch methodisch einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Aber es ist sicherlich noch weitere Forschungsarbeit notwendig, etwa, welche Tiere bzw. welche Milch verwendet wurde und welche Produkte genau hergestellt wurden.“
Erstmals ist also der direkte Nachweis auch auf Initiative des Telfer Archäologen erbracht, dass die für die Schweiz so wichtige Käseherstellung bis in vorgeschichtliche Zeit zurückreicht, um dann den heute bekannten Spezialitäten wie Gruyere oder Emmentaler den Weg zu ebnen. Zu diesem auch medial (sogar in Russland, USA und Indien) weltweit gewürdigten wissenschaftlichen Erfolg gibt es viele Glückwünsche aus der Heimat!

Zur Person Mag. Dr. Thomas Reitmaier

Schon im Studium der Archäologie, Ur – und Frühgeschichte an der Uni Innsbruck spezialisierte sich der Telfer Thomas Reitmaier auf Unterwasserarchäologie (Uni Rostock), arbeitete nach seinem Studienabschluss fünf Jahre als archäologischer Taucher bei der Stadt Zürich, um prähistorische Pfahlbauten in Schweizer Seen zu erforschen. Dabei verbrachte er 1500 Stunden unter Wasser. Daneben schloss er seine Dissertation über “Vorindustrielle Lastsegelschiffe in der Schweiz“ ab. Gleichzeitig war ihm die Erforschung der prähistorischen Alpwirtschaft ein besonderes Anliegen (Silvrettagebirge). Und das Ergebnis von 10 Jahren Forschungsarbeit kann sich mit dem besagten großartigen Erfolg sehen lassen! Während dieser Zeit war er fünf Jahre als Dozent an der Uni Zürich tätig, bis er im Jahre 2012 die Leitung des Archäologischen Dienstes des Kantons Graubünden übernahm. Das ist die höchste Stufe, die man als Archäologe in der Schweiz erreichen kann.

Mit 20 Mitarbeitern ist Thomas Reitmaier nun für den größten, archäologisch vielseitigsten und einzigen dreisprachigen Kanton der Schweiz zuständig.
Dr. Thomas Reitmaier ist mit der Schweizerin Mag. Leandra Naef verheiratet; sie ist ebenfalls Archäologin und arbeitet als Angestellte der Universität Zürich zur Gletscherarchäologie und zum urgeschichtlichen Kupferbergbau in Graubünden.

Einige seiner vielfältigen archäologischen Arbeiten auch in der Heimat:
Bergung des Einbaumes vom Obersee am Staller Sattel (2000), Telfs –Weinberg - Urnenfeld;
Burg Hörtenberg: Ausstellung im Noaflhaus (2005),
weitere verschiedene archäologische Grabungen in Seefeld, Inzing, Lienz …
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