12.03.2016, 14:35 Uhr

EU-Kommissar Hahn: "Europa ist Schönwetterkonstruktion"

Am Podium: Landesrätin Barbara Schwarz, Bürgermeister Rudolf Friewald (Michelhausen), Asylkoordinator Christian Konrad, EU-Kommissar Johannes Hahn, Theres Friewald-Hofbauer (Netzwerk Michelhausen), Bürgermeister Peter Eisenschenk (Tulln), Richard Hemmer (Bruck an der Leitha) und Josef Meisl, Direktor der Landwirtschaftlichen Fachschule. (Foto: Zeiler)

Bildungs- und Heimatwerk und Marktgemeinde Michelhausen luden zur Veranstaltung "Flucht und Integration".

MICHELHAUSEN / BEZIRK TULLN / BRUCK / NÖ. Jeder Einzelne hätte die Verantwortung, Menschen, die in Not sind, zu helfen, so Landesrätin Barbara Schwarz.
Das Bildungs- und Heimatwerk und die Marktgemeinde Michelhausen luden heute Vormittag (12. März 2016) zur Veranstaltung "Flucht und Integration". Am Podium: Landesrätin Barbara Schwarz, EU-Kommissar Johannes Hahn, Asylkoordinator Christian Konrad, Michelhausens Bürgermeister Rudolf Friewald, Theres Friewald-Hofbauer (Netzwerk Michelhausen), Tullns Bürgermeister Peter Eisenschenk, Richard Hemmer, Bürgermeister von Bruck an der Leitha und Josef Meisl, Direktor der Landwirtschaftlichen Fachschule in Tulln.

Hahn: "Außengrenzen wirksam sichern"

EU-Kommissar Hahn spricht den ehrenamtlichen Personen, die ihre Freizeit für das Abhalten von Deutsch-Kursen oder auch der Wertevermittlung widmen, Dank aus, betont jedoch zugleich, dass "die EU die Außengrenzen wirksam sichern muss". Es gehe nicht darum, eine Festung Europa zu bauen – es müsse nur wettertauglich gemacht werden: "Europa ist eine Schönwetterkonstruktion". Eine Differenzierung zwischen jenen Flüchtlingen, die legitimen Schutz benötigen und Wirtschaftsflüchtlingen müsse man herbeiführen, denn bei letzterem "haben wir unsere Limitierung". In Sachen europäischer Migrationspolitik fordert Hahn für alle 28 EU-Staaten gleiche Maßstäbe.

Konrad: Kleine Einheiten von Vorteil

"Niemand hatte einen Plan und man wusste auch nicht, was uns erwartet", spricht er über die Asylwelle, als er per 1. Oktober den Job des Koordinators annahm. Heute jedoch pocht er darauf, dass die Siedlungspolitik in kleinen Einheiten umgesetzt werden müsse, denn "ansonsten kommt es zu Spannungen". Ängste der Bevölkerung werden durchaus ernst genommen, steigende Kriminalität gebe es nicht.

Schwarz: Frauen sind kein "Freiwild"

Die Ethik und die Rolle der Frau spricht Landesrätin Schwarz an: "Wir haben hier Regeln und die adäquate Behandlung der Frauen ist uns wichtig. Hier gibt es kein 'Freiwild' und Frauen werden auch nicht diskriminiert", so ihre Botschaft, dass sich jeder, der hier in Österreich lebt, an die Regeln halten muss.

Hemmer: 25 Millionen Euro für neuen Wohnraum

Die Gemeinde Bruck an der Leitha hat 7.700 Einwohner, 130 davon sind Asylwerber. "Bald erfüllen wir die Quote mit 2,7 Prozent", rechnet Bürgermeister Hemmer vor und kritisiert, dass die "Last auf den Schultern weniger liegt". Die Frage "Wie bringen wir Asylberechtigte in der Stadt unter?", will er gerne beantwortet wissen, denn "in drei bis vier Jahren haben wir 700 neue Bewohner. Das kostete uns 25 Millionen Euro für neuen Wohnraum", so Hemmer, der betont, dass es zudem in der Region fast keine Arbeitsplätze gebe. "Das ist die Herausforderung, der wir uns täglich stellen müssen", so Hemmer, der seinen eingeschlagenen Weg weitergeht, obwohl er bereits mehrmals bedroht worden ist.

Eisenschenk: Bessere Integration durch Kleinquartiere

150 Asylwerber leben derzeit in der Stadt Tulln, zwei Drittel – also 100 Personen – sind in Containern an fünf Standorten untergebracht. "Und das war eine gute Entscheidung", so der Stadt-Chef. Die Betreuung wird vom Roten Kreuz übernommen, die Nachbarschaft ist eingebunden. "Durch die Kleinquartiere gibt es auch bessere Integrationsmöglichkeiten", so Eisenschenk, der aufzeigt, dass es wichtig ist, dass die Menschen auch Beschäftigung finden. "Etwa der Basketballclub, die Fußballer und auch der Taekwondo-Club trägt dazu etwas bei", so Eisenschenk. Weil immer wieder die Kriminalität angesprochen wird, erzählt Eisenschenk von einem Vorfall einer Misshandlung: "Der Mann, der sich an seiner Frau vergangen hat, wurde weggewiesen".

Meisl: Win-win-Situation für Schüler

Da in Tulln viele Familien aufgenommen wurden, werden die Kinder in den Schulen und Kindergärten integriert. Dass dies funktioniert, bestätigt auch Direktor Josef Meisl, Landwirtschaftliche Fachschule, der das Motto "Wenn es jemandem schlecht geht, steckt es in unseren Herzen, dass wir helfen wollen" verfolgt. So blickt er heute auf eine Win-win-Situation: "Die Asylwerver lernen Deutsch, unsere Schüler Englisch", und freut sich, dass jegliche Vorurteile ad acta gelegt werden konnten.

Friewald-Hofbauer: "Methoden der Konfliktbewältigung anwenden

"Wir sollten uns alle mit den Menschen auseinander- und zusammensetzen", so Theres Friewald-Hofbauer vom Netzwerk Michelhausen, die bewusst machen will, wie schwierig es ist, wenn fünfzig unterschiedliche Personen in einem Asylheim miteinander auskommen müssen. (Anm. der Redaktion: In Mitterndorf wurde ein privates Heim eingerichtet). Und sie spart nicht an Kritik: Kaum komme es zu einem Streit würden Asylwerber weggeschickt. "Warum werden hier nicht die Methoden der Konfliktbewältigung angewendet?"

Friewald: "Das hätten wir nicht geschafft"

Michelhausens Bürgermeister Rudolf Friewald informiert, dass es gemeindeseitig keine geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten gegeben hat, um Asylwerber aufzunehmen. "Wohnungen für Asylwerber zu bauen, damit ist die Gemeinde überfordert", betont er, dass ohne Personen, die sich dem Netzwerk Michelhausen angeschlossen haben, "wir das alles nicht geschafft hätten".

Karin Zeiler, karin.zeiler@bezirksblaetter.at; 0664 80 666 5640
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