14.04.2016, 15:40 Uhr

30 Jahre nach Tschernobyl: Die Gefahr vor unserer Haustür

Panorama des Kraftwerksgeländes vom Juni 2013. Die bogenförmige Struktur links ist das sich im Bau befindliche New Safe Confinement. 25.000 Quadratkilometer sind bis heute verstrahlt. (Foto: Ingmar Runge)

Am 26. April jährt sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal. Trotz der dramatischen Auswirkungen halten die Nachbarländer an der Atomkraft fest. Experten warnen vor der Gefahr für Niederösterreich.

WALDVIERTEL. Eine radioaktiv belastete Fläche 11-mal so groß wie Niederösterreich und 600.000 Menschen, die einer starken Strahlenbelastung ausgesetzt wurden. Und noch immer leiden die Menschen unter den Nachwehen des Supergaus in Tschernobyl vom 26. April 1986. Die Gefahr einer neuerlichen Katastrophe liegt direkt vor der Haustür. Die Waldviertler Bezirkshauptstädte Gmünd, Waidhofen, Horn und Zwettl sind alle weniger als 100 Kilometer von Dukovany entfernt. Waidhofen, Gmünd und Zwettl liegen zudem im 100-Kilometer-Radius von Temelin. Die Nachbarstaaten Tschechien, Slowakei und Ungarn verfolgen Ausbaupläne, obwohl Atomkraft nicht rentabel ist.

Bereits 1978 hat Österreich in einer Volksabstimmung den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. In Zwentendorf steht weltweit das einzige Atomkraftwerk, das nie in Betrieb ging. Dennoch ist die Gefahr für Niederösterreich nicht gebannt.

„Trotz der ,Jubiläen‘ der schweren Reaktorunfälle in Tschernobyl und Fukushima haben manche Länder noch immer nicht die Notwendigkeit erkannt, der Atomenergie den Rücken zu kehren. Wir haben mit dem ,Nein zum AKW-Zwentendorf‘ genau das gemacht und bewiesen, wie die Energiewende gelingen kann“, betont Umwelt-Landesrat Stephan Pernkopf das klare Nein Niederösterreichs zu Atomkraftwerken. Seit wenigen Monaten deckt Niederösterreich seinen Strombedarf zu 100 Prozent aus Erneuerbaren Energien. „Jedes Prozent Ökostrom sichert zudem 15 Millionen Euro Wertschöpfung in Niederösterreich“, so Pernkopf.

In 30 Ländern weltweit sind 444 Atomkraftwerke in Betrieb, davon liegen 185 in Europa und wiederum 129 in 13 der 28 EU-Staaten. Insgesamt trägt die Atomenergie zu zirka 11 Prozent zur weltweiten Stromerzeugung bei. In der Europäischen Union liegt der Anteil bei 27 Prozent. Zum Beispiel decken in Frankreich 58 Reaktoren zu drei Viertel den Strombedarf.

Atomkraftwerksausbau in Tschechien, Ungarn und der Slowakei

„In der Slowakei sind drei neue Atommeiler geplant, Tschechiens neues Energiekonzept sieht einen Ausbau der Atomenergie von 33 auf 50 Prozent vor und Ungarn will zwei neue Kraftwerksblöcke bauen. Das ist nicht zu akzeptieren. Wir fordern die Schließung der Schrottreaktoren. Atomkraftwerke sind ökologisch und ökonomisch ein unkalkulierbares Risiko“, so Pernkopf.

Mit Stichtag Ende 2017 sind neun der 14 in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke in Temelin, Dukovany, Bohunice, Mochovce und Paks 30 Jahre oder länger in Betrieb. „Nach 30 Jahren ist der weitere Betrieb eines Kernkraftwerks kritisch zu prüfen. AKW‘s haben je nach technischer Ausstattung und Design eine Auslegungsdauer von rund 30 bis 40 Jahren“, weiß Christoph Urbanek, Anti-Atom-Koordinator des Landes NÖ.

Die Bezirkshauptstädte sowie Statutarstädte in Niederösterreich befinden sich alle in Umkreis von 150 Kilometer zum nächstgelegen Atomkraftwerk, neun davon in einer Distanz von weniger als 100 Kilometer Entfernung. „Die Luftlinie zwischen St. Pölten und Tschernobyl beträgt gut 1.000 Kilometer. 1986 wurde nach dem Supergau auch in Niederösterreich eine erhöhte Strahlenbelastung gemessen. St. Pölten liegt 100 Kilometer von Dukovany entfernt“, untermauert Pernkopf die Gefahr „vor der Haustür“.

Atomkraft ist wirtschaftlich nicht vertretbar

Neben den verheerenden Folgen eines Supergaus sind Atomkraftwerke unrentabel, wie Herbert Greisberger, Geschäftsführer der Energie- und Umweltagentur NÖ, weiß: „Sämtliche geplanten Projekte können nur durch massive staatliche Unterstützung und Subventionen realisiert werden, die den Wettbewerb zulasten Erneuerbarer Energien verzerren.“

Greisberger führt das aktuelle Projekt Hinkleypoint Point C in Großbritannien als Paradebeispiel an: „Jede Kilowattstunde Atomstrom kostet vier Mal so viel als eine aus Solarenergie: Bei geschätzten Investitionskosten von 33,8 Milliarden Euro, das entspricht 10.577 Euro pro Kilowatt installierte Leistung, wird eine Preisgarantie von 12,4 Cent pro Kilowattstunde Strom für 35 Jahre gewährt. Ein Kilowatt installierte Photovoltaik kostet rund 2.500 Euro und pro eingespeister Kilowattstunde bekommen die Betreiberinnen und Betreiber 8,24 Cent pro Kilowattstunde.“ Mit Thomas Piquemal ist der Finanzchef des Hinkley-Point-Betreibers EdF Anfang März 2016 zurückgetreten.

Österreich brachte Ende 2015 eine Nichtigkeitsklage gegen die Errichtung von Hinkley Point C ein. Ein endgültiges Urteil wird nicht vor 2017 erwartet.

Zur Sache - die Katastrophe von Tschernobyl

Am 26. April 1986 ereignete sich die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat in der Ukraine. Bei der Simulation eines Stromausfalls kam es infolge eines Leistungsanstiegs zur Explosion des Reaktors Nummer 4.

600.000 Menschen wurden starker Strahlenbelastung ausgesetzt. 170.000 Einwohner wurden evakuiert, davon können mehr als 100.000 nach wie vor nicht zurück.
Eine Fläche von 218.000 km2 wurde radioaktiv belastet, das entspricht 11 Mal der Fläche von Niederösterreich. 25.000 km2 sind verstrahlt und rund 1.300 km2 sind dauerhaft unbewohnbar. Noch heute sind 6.500 km2 landwirtschaftliche Fläche und Wald nicht zu bewirtschaften.
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