19.07.2016, 08:57 Uhr

Integration und Skepsis: ein gespaltenes Land

Gerlinde Oberbauer und Murtaza Farzan. Der 23-Jährige möchte gerne in Waidhofen bleiben. "Hier habe ich Freunde und ich möchte ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein".

Vor einem Jahr begann der Höhepunkt der Flüchtlingswelle. Die Bezirksblätter haben sich im Bezirk Waidhofen umgesehen, wie die Lage in den Gemeinden ist und wie die Fortschritte bei der Integration sind.

WAIDHOFEN. Vor einem Jahr begann der Höhepunkt der Flüchtlingswelle. Die Bezirksblätter haben sich im Bezirk Waidhofen umgesehen, wie die Lage in den Gemeinden ist und wie die Fortschritte bei der Integration sind.

Gerlinde Oberbauer von der Volkshilfe aus Waidhofen beschäftigt sich hauptberuflich und freiwillige mit Flüchtlingen. Sie koordiniert Hilfsaktionen und organisiert Begegnungscafés. "Ich habe bei uns noch keinen einzigen getroffen, der nicht Deutsch lernen wollte", berichtet die Waidhofnerin.

Einer von ihnen ist Murtaza Farzan. Der 23-jährige Afghane ist seit neun Monaten in Waidhofen und hat sich gut eingelebt und mehrere Deutschkurse besucht. Er ist überzeugt, dass die Integration der Flüchtlinge gelingen kann: "Anfangs war es schwierig, aber die Menschen hatten viel Zeit zu lernen. Bei den Begegnungscafés haben können sich die Leute miteinander unterhalten. Ich glaube, das ist das Wichtigste", sagt Farzan in sehr gutem Deutsch.

Wie er in so kurzer Zeit so gut Deutsch gelernt hat, wollen wir im Gespräch von ihm wissen. "Wenn ich spazieren gehe, dann mache ich auf dem Handy einen Online-Kurs. Das geht ganz einfach". Außerdem hat Farzan gemeinsam mit 17 anderen jungen Flüchtlingen einen Deutschkurs in der Handelsakademie absolviert, den er mit einem "Sehr gut" im Zeugnis abgeschlossen hat. "Ich bin den Professoren und dem Direktor wirklich dankbar, dass Sie sich so viel Arbeit gemacht haben".



Farzan floh vor zwei Jahren aus Afghanistan, weil er zwischen die Fronten der Polizei und der Taliban geriet. "Man darf sich die Polizei nicht so vorstellen wie in Österreich. Hier fühle ich mich sicher, wenn ich einen Polizisten sehe. In Afghanistan sind das Banditen". In seiner Heimat wollte Farzan eigentlich Ingenieur werden, musste aber bei einer Spedition als Lkw-Beifahrer arbeiten, weil Terroristen die Straße kontrollierten und er nicht in die Hauptstadt konnte um sich zu inskribieren.

Eines Tages wurden er und sein Kollege von Taliban überfallen und entführt - sie hatten es auf den Lkw und den Fahrer abgesehen. Für Farzan hatten sie keine Verwendung und ließen ihn nach vier Tagen laufen. Nicht ohne den jungen Mann zu misshandeln - an den Verletzungen laboriert er bis heute. Als Farzan zur Polizei ging um ihnen von der Entführung zu berichten und die Rettungsaktion für seinen Kollegen scheiterte, verdächtigte ihn die Polizei mit den Taliban zu kooperieren. Die Terroristen hatten es jedoch auf ihn abgesehen, weil er die Polizei informiert hatte. Also beschloss er - über Umwege - nach Europa zu fliehen.

Mittlerweile hat er in Waidhofen Freundschaften geschlossen und ist vor allem eines: dankbar in Sicherheit zu sein. Doch vor zwei Wochen kam ein herber Dämpfer: sein Asylantrag wurde abgelehnt. Mit Unterstützung von Freiwilligen Helfern aus Waidhofen hat Farzan Einspruch eingelegt. "Ich möchte gerne hier bleiben und ich möchte ein hilfreiches Mitglied der Gesellschaft sein." Farzan möchte eine Ausbildung zum Mechaniker machen.

Ob ihm bewusst ist, dass viele Menschen Angst vor den Fremden haben? "Das kann ich verstehen. Natürlich ist die Kultur unterschiedlich, aber so groß sind die Unterschiede auch wieder nicht."

"Angst wird als Hass ausgegeben"

Die Stimmung im Bezirk gegenüber Flüchtlingen ist gespalten, wie Koordinator Gilbert Brodar berichtet. Seiner Beobachtung nach hat sich die Stimmung seit gut einem halben Jahr gewandelt: "Anfangs war das Thema weit weg. Als Flüchtlingssituation näher zu uns kam, wurde auch die ablehnende Haltung öffentlich. Meine Beobachtung ist, dass viele ihr Angst nicht als solche deklarieren, sondern als Hass ausgeben. Ich würde mir wünschen, dass die Flüchtlings-Gegner das ganz normal sagen wovor sie Angst haben und nicht auf einzelne losgehen."

Einen Wunsch hat der scheidende Waidhofner Flüchtlingskoordinator für eine gelungene Integration: "Wer die Hälfte der Zeit, die man für Hasspostings oder die Entgegnung dazu aufwendet, aktiv etwas für Flüchtlinge tut, dann hätten wir keine Probleme in der Betreuung mehr."

Flüchtlingskoordinator gesucht

In Waidhofen wird noch nach einem Nachfolger von Gilbert Brodar, der aus beruflichen Gründen seine Tätigkeit als Flüchtlingskoordinator aufgibt. Bewerbungen an Gerlinde Oberbauer.
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