22.07.2016, 13:08 Uhr

Massiver Gletscherschwund im Ruwenzori-Gebirge bedroht Ökosystem

Symbolfoto
Kasese (Westuganda) (pte020/19.07.2016/13:30) - Als hätten Land und Leute keine anderen Probleme. Nun soll auch noch Afrikas letzte Eis- und Wasserreserve dahinschmelzen. Nur noch 15 Jahre gibt der britische Geologe Richard Taylor dem Gletscher im Ruwenzori-Gebirge in Westuganda. Der Eispanzer auf rund 5000 m Seehöhe speist immerhin Nil und Kongo, die zwei größten Flüsse Afrikas, und auch den größten See des Kontinents, den Lake Viktoria. Nicht auszudenken, wenn diese hochwertige Wasserressource bis 2030 versiegt, wie Taylor vermutet. Eine pressetext-Expedition hat die Gletscherreste Anfang Juli 2016 unter die Lupe genommen.

Das von dichten Regenwäldern bedeckte Ruwenzori-Massiv liegt nur wenige Kilometer nördlich des Äquators und wurde bereits vor 2000 Jahren auf den Landkarten des griechischen Geographen Ptolemäus als "Mondgebirge" erwähnt.

1906, als die Ruwenzori-Gletscher erstmals vom italienischen Aristokraten Luigi Amadeo von Savoyen erforscht wurden, bedeckten noch etwa 6,5 Quadratkilometer Eis das Massiv. Heute ist davon nur noch knapp ein Quadratkilometer übrig, so das Ergebnis von Feldstudien und Satellitendaten. Allein zwischen 1987 und 2003 hat sich die Eisfläche halbiert.

Intensivierung der Niederschlagszeiten

Dass mit dem Temperaturanstieg auch eine Veränderung der Niederschlagsmengen und der Niederschlagszeiten einhergeht, sei ziemlich sicher, so Experten. Lokale Bergführer berichten davon, dass die Trocken- und Regenzeiten immer fließender werden und das Wetter generell nicht mehr sicher vorhergesagt werden kann.

Hier wirkt sich der Klimawandel dann direkt auf Tourismus, Landwirtschaft und Ökosystem aus - mit längeren Dürrezeiten und dann wieder Überflutungen und Schlammlawinen. Auch eine Ausbreitung der Malaria in bisher nicht betroffene Regionen und das Verschwinden seltener endemischer Pflanzen seien denkbar.

Kommunen im Ruwenzori-Gebiet erleben bereits heute eine Zunahme von Hochwasserereignissen, die Häuser, Ernten, Gehwege, Transport- und Verkehrsverbindungen sowie Wasserkleinkraftwerke zerstören. Längere mit der Intensivierung der Niederschläge im Zusammenhang stehende Dürren beeinträchtigen ebenso die Agrarproduktion, sodass die Nachfrage für aufwändige Bewässerungssysteme steigt.

Da die Klimaerwärmung die Gefahr von Überschwemmungen und Dürren weiter verstärken wird, ist die Entwicklung von Anpassungsstrategien wichtig. Doch diese stehen noch am Anfang.

Eine endgültige Beurteilung der Ursachen für die rapide Gletscherschmelze ist durch das Fehlen laufender meteorologischer Beobachtungen in dem Gebiet schwierig, doch scheinen steigende Lufttemperaturen und die immer öfter aufbrechende Wolkendecke die größten "Eiskiller" zu sein. Die Eisfelder belegen derzeit nur noch einen schmalen Höhenbereich zwischen 4800 und 5100 Metern. Vor einhundert Jahren reichte der Tropengletscher noch bis auf 4100 m herunter, in den 1960er Jahren lag die Elena Schutzhütte (4.541 m) noch direkt an den Ausläufern des Gletschers, bis 1991 zog er sich schon bis auf 4.633 m zurück.

Einmalige Pflanzen- und Tierwelt bedroht

"Wir haben den Klimawandel nicht verursacht, aber er schadet uns massiv", sagt der ugandische Bergführer Jostus vom wichtigsten Trekking-Unternehmen der Region, dem Rwenzori Mountain Service (RMS): "Natürlich wird sich der Gletscherschwund auf den Tourismus auswirken", gibt er sich keinen Illusionen hin. Aber der Ranger Guide und weitere 100 Bergführer, 50 Köche und 1600 Träger aus dem kleinen Ort Mihunga unterhalb des Nationalparks haben trotzdem Hoffnung, die jährlichen Besucherzahlen zu steigern. "Wir haben Kapazitäten für bis zu 10.000 Wanderer pro Saison", erläutert Jostus. "Und wir können auch sonst einiges mehr bieten als vergleichbare andere Gebiete in Afrika."

Da ist der Ruwenzori Nationalpark als UNESCO Weltkulturerbe mit 996 km2 Fläche wirklich unverwechselbar. Spektakuläre Regen- und Bergwälder mit stürzenden Wasserfällen und phantastischer Vegetation wie in einem verwunschenem Land - bizarre Baumformationen mit leuchtend grünen Flechten, Schlammfelder, ächzende Moore und bemooste Felsblöcke, Bambuswälder, Riesenlobelien und übermannshohe Senezien bieten ein außergewöhnliches Trekking-Erlebnis, auch wenn einmal das Eis verschwunden ist. Siehe Fotodienst: https://fotodienst.pressetext.com/album/3562

Im dichten Regenwald verstecken sich zudem seltene und zum Teil endemische Tiere, Panther und Leoparden, Meerkatzen und Felsschliefer, Buschböcke und Riesenwaldschweine, manchmal auch Elefanten und Büffel, ganz häufig auch verschiedene Chamäleonarten. Auch eine eigene Schimpansenkolonie soll in Kürze wieder angesiedelt werden. Die Baumgrenze reicht weit über 4000 m hinauf. Auch in höheren Lagen bevölkern vielzählige bunte Vogelarten die weitläufigen Sümpfe und Täler, z.B. Nektarvögel, Turakos, Schwarzenten, Alpensegler. Bis in die Gipfelregionen kommen Geierraben und Bergbussarde.

Was vom Gletscher blieb

Da sich die wenigen Gletscherreste rund um das Stanley-Plateau immer weiter zurückziehen, müssen auf dem Weg nach oben - zum Peak Margherita auf 5.109 Meter - alljährlich neue Kletterrouten und Pfade gefunden werden. Und auch wenn das Eis von Flugstaub, schwarzem Ruß, vielfältigen Emissionen und Vulkangeröll dunkelgrau gefärbt ist und man nach dem Eisklettern wie ein Rauchfangkehrer aussieht - das Eispanorama ist dennoch beeindruckend. Braun gezuckerte Firnfelder, türkis fließende Eishänge, gefrorene Wasserspiele, mächtige Gletscherspalten in vielen Farbtönen. Nur rund 300 der jährlich 3000 Besucher des Nationalparks schaffen allerdings den Gipfelanstieg, um sie auch zu sehen.

"Schicken Sie uns viele Besucher, solange der Gletscher noch liegt", fordert Joseph Muhndo, ein anderer RMS-Guide. Englischsprachige Medien schreiben schon vom "Last chance to see" - Afrikas Alpen schmelzen weg. In 15 bis 20 Jahren könnte das tropische Süßwasserreservoir am Ruwenzori Geschichte sein. Es könnte das Aus vieler Pflanzen- und Tierbestände sein und den Wasserhaushalt des ganzen schwarzen Kontinents durcheinander bringen. Vielleicht ist das aber auch nur eine unbegründete Sorge, die sich ein paar Klimaforscher machen. Denn: Die Entwicklung ist sowieso nicht mehr umkehrbar.

Fotodienst-Alben zur pressetext Ruwenzori-Expedition:

Afrikas Mondberge: Was vom Gletscher blieb
https://fotodienst.pressetext.com/album/3565

Rund um den Ruwenzori - Ugandas Nationalstolz
https://fotodienst.pressetext.com/album/3562

Weitere empfehlenswerte Beiträge

Es ist ein Dschungel da draußen
http://www.zeit.de/2014/11/uganda-ruwenzori-nation...

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http://glacierhub.org/2014/10/09/glaciers-recede-i...

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http://edition.cnn.com/2014/04/03/world/africa/las...

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http://www.newvision.co.ug/new_vision/news/1338724...

Video: Snows of the Nile
https://www.youtube.com/watch?v=szZ15fFdilw

Anmerkung der Redaktion: Die Ruwenzori-Expedition erfolgte auf eigene Initiative und eigene Kosten und mit Genehmigung der ugandischen Nationalpark-Behörden. Trekking-Touren bzw. Gipfelbesteigungen sind ausschließlich mit dem Rwenzori Mountain Service (RMS) möglich - pro Gruppe bzw. Seilschaft sind mindestens 2 Führer, 6 Träger und 1 Koch im Einsatz, bei einer 6er Gruppe also bis zu 30 Personen. Dr. Wilfried Seywald war Teilnehmer einer siebentägigen Ruwenzori-Rundwanderung samt Gipfeltour. Eine große Auswahl von Fotos zu diesem Beitrag steht auf Fotodienst zum Download bereit. http://www.fotodienst.at

Es gibt eine Reihe von Reiseveranstaltern mit dem Ruwenzori Nationalpark im Programm, in Deutschland etwa Summitclimb http://www.summitclimb.de/de/climb/ruwenzori-beste... , AT Reisen GmbH http://www.at-reisen.de/afrika/uganda/uganda-bergt... und Trekk Afrika http://www.trekk-afrika.de/ruwenzori.html, Top-Mountaintours http://top-mountain-tours.de/Trekking/Uganda oder Amical Alpin http://www.amical-alpin.com/trekking/afrika/ruwenz... Die meisten beschränken sich auf ein Trekking-Programm ohne Gipfel und dauern knapp zwei Wochen. Gipfeltouren kosten rund 4000 Euro, hinzu kommen 10 Prozent Trinkgelder.

Buchempfehlung

Afrika-Thriller Mondberge: http://www.tipp4.de/e288/e600/index_ger.html?previ...
und http://www.mondberge.de

Die Stop Global Warming Tour von pressetext

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der "Stop Global Warming" Tour der Nachrichtenagentur pressetext. 2007 hatte eine pressetext-Expedition die Folgen des Klimawandels auf dem höchsten Berg Afrikas, dem Kilimandscharo, untersucht. http://pressetext.com/news/070806006/ . Im Jahr darauf stand die globale Erwärmung am höchsten Berg Europas, dem Elbrus im Kaukasus im Brennpunkt http://pressetext.com/news/080728010/ und http://pressetext.com/news/080728009/ . 2009 berichtete pressetext über die Verschiebung der Regenzeiten auf dem Ararat in der Türkei http://pressetext.com/news/090707012/ und das Paradies der Schildkröten am Van-See http://pressetext.com/news/090709031/ . 2010 informierte pressetext über das Land des Schweigens (Iran) http://www.pressetext.com/news/20100814009 und über den Damavand im Schatten des Klimawandels http://www.pressetext.com/news/20100814002 . 2011 stand der Kasbek im "politischen Klimawandel" http://www.pressetext.com/news/20110730005 und die Kaukasusrepublik Georgien im Mittelpunkt http://www.pressetext.com/news/20110731001 . Im Jahr 2013 gab pressetext eine Premiere am höchsten Berg Aserbaidschans, dem Bazardüzü http://www.pressetext.com/news/20130722004 und lieferte die Reisereportage "Reisen wie ein Khan - in Aserbaidschan" http://www.pressetext.com/news/20130723006 . 2014 stand im Zeichen der 100 Jahre Belucha-Erstbesteigung in Sibirien. http://www.pressetext.com/news/20140707004

Aussender: pressetext.redaktion
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Ferdinand Reindl aus Braunau | 22.07.2016 | 14:29   Melden
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Harald Schober aus Weiz | 23.07.2016 | 21:06   Melden
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