09.06.2016, 04:00 Uhr

"Leseschwäche ist ein Damoklesschwert"

Kinder sind von Natur aus wissbegierig. Bei schlechten Noten sollte Ursachenforschung betrieben werden. (Foto: olly18/panthermedia.net)

Schneidet ein Kind schulisch schlecht ab, muss es nicht an Faulheit oder mangelndem Interesse liegen.

BEZIRK. In Welser Schulen ist das letzte Rennen um gute Noten vor dem Ferienbeginn bereits voll im Gange. Immer öfter müssen dabei allerdings die Eltern ihren Sprösslingen unter die Arme greifen und als unfreiwillige Nachhilfelehrer agieren. Denn eine aktuelle Umfrage der Arbeiterkammer zeigt, dass 68 Prozent der Schüler am Nachmittag mit ihren Eltern lernen. Am häufigsten kommen die Eltern von Volksschulkindern zum Einsatz. 88 Prozent gaben an, ihren Nachwuchs generell beim Lernen zu unterstützen. In jedem zweiten Haushalt wird täglich gemeinsam gepaukt. Gefolgt von der AHS-Unterstufe (83 Prozent) und der Neuen Mittelschule (81 Prozent). Darüber hinaus nimmt zudem ein Viertel der Schüler private Nachhilfe in Anspruch. Dafür geben die Familien im Schnitt 790 Euro pro Jahr aus. Die möglichen Ursachen für ein schlechtes Abschneiden in der Schule sind vielfältig.

Engagement wichtiger als Leistung

"Wenn sich Kinder gar nicht zum Lernen aufraffen können, liegt es oft daran, dass sie gar nicht wissen, wie sie das am besten machen sollen", weiß die Welser Kinderpsychologin Sandra Charwat-Pessler. Es sei daher sowohl für Pädagogen als auch Eltern besonders wichtig, geeignete Lernstrategien zu vermitteln. "Es gibt verschiedene Lerntypen, wie auditiv, visuell oder motorisch. Da ist es hilfreich, den Kindern zu helfen, herauszufinden, wie sie am besten lernen", erklärt die Psychologin. Den Lernstoff zu strukturieren und einen Bezug zum Alltag aufzubauen, seien ebenfalls Punkte, die für Motivation sorgen. Verweigert ein Kind die Schule völlig, ist es oft notwendig, professionellen Rat einzuholen. Soziale Ängste, wie Mobbing oder Prüfungsangst, können die Ursache sein. Aber auch Leistungsdruck spielt eine Rolle. Hat man trotz verstärkter Vorbereitung ein schlechteres Ergebnis, als die Klassenkameraden, kann sich das negativ auf das Selbstvertrauen auswirken. "Eltern und Lehrer sollten daher als Vorbilder vorangehen und den Schülern vorleben, das persönliche Engagement unabhängig von der erbrachten Leistung zu honorieren", so Charwat-Pessler.

Defizite beim Basiswissen

Auch Michaela Plank, Leiterin des Lehrinstituts für Orthographie und Sprachkompetenz (LOS) ist oft mit Leistungsdruck konfrontiert: "Heute legt man mehr Wert darauf, dass aus dem eigenen Kind etwas wird. Eltern sind sehr bestrebt, ihren Nachwuchs beim Ergreifen des Wunschberufes zu unterstützen." Im LOS gibt es keine klassische Nachhilfe. Hier wird Basiswissen im Lesen und Schreiben vermittelt. Kinder von der Volksschule bis hin zu Maturanten, aber auch Erwachsene werden von Plank und ihrem Team betreut. "Defizite in Rechtschreibung und Grammatik hängen wie ein Damoklesschwert über der betroffenen Person. Versteht man den Inhalt nicht, kann man beispielsweise auch keine mathematischen Textaufgaben lösen, sich als Erwachsener nur schwer weiterbilden", gibt die Institutsleiterin zu bedenken. Werden die Grundkenntnisse nicht in der Volksschule erlernt, wird die Kluft mit fortschreitendem Alter immer größer. Auch die beste Mathematik-Nachhilfe kann keine Besserung herbeiführen, wenn es am Textverständnis hapert. Mit einem standardisierten Test werden Lese- und Rechtschreibfähigkeiten im LOS erfasst. Dann wird je nach Defizit individuell angesetzt und wöchentlich konsequent trainiert.
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