02.06.2016, 20:41 Uhr

Auf eigenen Beinen stehen gelernt

Renate Schlögl (re.) lebt mit Begleitung der Lebenshilfe in einer eigenen Wohnung und bekommt dort oft Besuch. (Foto: Lebenshilfe)

Lange hat man Renate Schlögl, die in Behinderteneinrichtungen betreut wurde, nicht zugetraut, allein zu wohnen. Seit 2013 beweist sie es allen.

TELFS/OBERPERFUSS. Lange Jahre verbrachte Renate S. aus Oberperferin in Behinderteneinrichtungen, wo ihr viel abgenommen wurde. Noch im Alter von 40 Jahren wurde sie wie ein Kind behandelt und man warnte sie, Herd und Messer zu verwenden. Das Angebot, eine Gemeindewohnung in Telfs zu beziehen, wurde daher sehr zögerlich behandelt.

Positive Entwicklung

„Wir haben es ihr zugetraut“, erinnert sich Andrea Gerhold von der Lebenshilfe Tirol, die Renate Schlögl seit 2012 begleitet hat. Sie verfolgt die außergewöhnlich positive Entwicklung mit Freude: „Früher war jede Veränderung purer Stress. Heute traut sie sich schon mehr zu und übernimmt vieles im Haushalt selbst.".
„I bin gern in meiner Wohnung. Da kann ich tun was ich will“, erklärt Renate Schlögl. Hier hat sie die Ruhe um zu häckeln, Gitarre zu spielen, Tagebuch zu schreiben oder zu beten. „Meine Mama ist heuer gestorben. I denk no oft an sie.“ Mit ihrer Assistentin hat sie ein Erinnerungsbuch angelegt, in dem sie Bilder und tröstliche Gedanken sammelt.
Untertags arbeitet Renate Schlögl als Verkäuferin im „Willkommen-Second-Hand für Kinder“. Dort gefällt es ihr so gut, dass sie nicht einmal auf Urlaub fahren will: „Meine Heimat ist jetzt Telfs.“

Renate Schlögl beim Einkaufen
Renate Schlögl kennt die wichtigsten Wege – und die Leute kennen sie. (Foto: Lebenshilfe)

"Wir waren alle erstaunt!"

Wenn sie Gesellschaft braucht, lädt sie Freundinnen aus der Lebenshilfe ein. Oder sie besucht ihren Bruder in Oberperfuss. Diese Wochenendbesuche werden aber seltener. „Weil Renate lieber selber was mit ihren Freundinnen macht“, erklärt ihre Schwägerin. "Sie besorgt sich verschriebene Medikamente in der Apotheke oder besucht ganz allein die Fußpflege. Wir waren alle ganz erstaunt!“

Unterstützung im Alltag

Bei größeren Anschaffungen oder Reparaturen in der Wohnung wendet sich Renate Schlögl an ihren Bruder. Beim Wocheneinkauf, bei der Kontrolle alter Lebensmittel oder beim Ansuchen um Wohnbeihilfe steht ihr eine Assistentin zur Seite. Gemeinsam kochen sie Renates Lieblingsgerichte oder organisieren eine Fahrt ins Grüne. „Ich helfe Renate, Dinge selber anzugehen und lass ihr das nötige Tempo“, erklärt Christine Posch von der Lebenshilfe.
So wohnt Renate Schlögl mit mobiler Begleitung selbständig – und braucht immer weniger Unterstützung: „Einmal im Monat will ich am Freitag alleine sein und selber was unternehmen. Ich habe auf eigenen Beinen stehen gelernt!“
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