05.07.2016, 13:21 Uhr

Stöbern in Omas Lade: Nachlass-Hopping in Wien

Retro-Chic in Wieden: Im begehbaren Schrank der Wohnung wird nach brauchbaren Kleidungsstücken gesucht.

Sie sind urwienerisch, ein bisschen skurril und sicherlich auch ein wenig morbid: Die von der Firma Lichterloh organisierten Nachlass-Hoppings stellen eine beliebte Alternative zu herkömmlichen Flohmärkten dar. Dahinter stehen jedoch durchwegs idealistische Grundgedanken.

WIEN. Der Tod muss ja bekanntlich ein Wiener sein. Überrascht es, dass das Nachlass-Hopping in Wien erfunden wurde? In der Verlassenschaft von Verstorbenen zu wühlen, passt irgendwie zum sonntäglichen Familienausflug auf den Zentralfriedhof.

Nachlass-Hopping nennt sich die kollektive Entrümpelung einer Wohnung – natürlich nur mit Einverständnis der Eigentümer. Das Prinzip ist einfach: Für 15 Euro Eintritt darf man sich nehmen, was man will. Sagt einem in der Wohnung nichts zu, gibt es das Geld zurück. Sichere Sache.

Im 4. Bezirk wird heute eine 400 Quadratmeter große Wohnung "behoppt". 100 Einlassscheine hätte es gegeben, 95 Interessierte sind gekommen, um sich in der herrschaftlichen Wohnung noch alles zu nehmen, was nicht niet- und nagelfest ist.
Blümchentapeten, Möbel, Geschirr, jede Menge alte Bücher, aber auch Kleidung sind zu sehen. Beim Waschbecken steckt eine grüne Zahnbürste in einem Glas, daneben verschiedene Kosmetika und Medikamente. Es wirkt, als wären die Bewohner nur schnell zum Einkaufen außer Haus, doch das Ablaufdatum der Aspirinpackung verrät, dass die Pillen schon länger keiner mehr genommen hat.

Hinter dem Event steht Christof Stein, Chef der Firma Lichterloh, ehemaliger Waldorfschüler und Idealist. Wohnungsentrümpelungen sind sein Kerngeschäft, Stein kauft den Inhalt der Liegenschaften – im aktuellen Fall für 6.100 Euro. Gegenstände mit Wert werden dann beispielsweise in seine Ottakringer Glasfabrik, eine Wiener Antiquitäten- und Trödelmarktinstitution, verfrachtet. Der große Rest – durchwegs brauchbare Dinge wie Staubsauger, Waschmaschinen, das Geschirr, verschlossene Putzmittel, aber auch ein ganzer Haufen Krempel – bleibt zur freien Entnahme in der Wohnung. "Als Firma habe ich gar nichts von den Nachlass-Hoppings, außer, dass ich mir die Entrümpelung erspare", sagt der Organisator. "Das Geld, das durch den Wohnungsflohmarkt lukriert wird, bekommen zur Gänze die Mitarbeiter vor Ort." Für 1.425 Euro wurden Einlassscheine verkauft, 19 Tickets jedoch auch wieder zurückgegeben.

Diese Mitarbeiter sind für den geregelten Ablauf und für die endgültige, besenreine Übergabe an die Eigentümer verantwortlich – auch für kleine Details wie die stimmige Klaviermusik im Wohnzimmer. "Musik ist mir wichtig. Das beruhigt die Menschen und nimmt Stress und Gier", so Stein. Tatsächlich schlendern die Hoppingbegeisterten heute in aller Ruhe durch die verwinkelte Wohnung in der Wohllebengasse. Es wird in Büchern geschmökert, Geschirr verpackt und der Zustand der noch zahlreich vohandenen Pflanzen inspiziert. Einzig das Rascheln der Ikea-Sackerl übertönt hier und da die Musik.



Ein junger Mann im Anzug inspiziert einen Kasten. Eher der Business- als der Second-Hand-Typ eigentlich. Er ist Jurist. Vor Kurzem nach Wien gezogen. Neue Wohnung, neues Glück, neuer Bedarf an Hausrat. Mit nur 15 Euro Investition könne man hier echte Schnäppchen finden, sagt er. "Schnäppchen" will natürlich erst definiert werden. Das meiste in dieser Wohnung ist Krempel – ein paar edel aussehende Möbel ausgenommen. Um die zu ergattern, muss man aber selbst hier richtig schnell sein. Der Rest ist, wie auf Flohmärkten üblich, altes Zeug, das keiner mehr braucht. Und dennoch findet sich für vieles eben doch jemand, der es haben will.

Grenzen und Pietät

Eine etwa 50-jährige Journalistin sucht nichts Besonderes. "Ich schaue mir gerne diese schönen alten Wohnungen an. Es interessiert mich, wie die Menschen hier gelebt haben", sagt sie. 15 Euro sei das schon wert. Ein Andenken finde sich immer. Auf einem Luster und einigen anderen Gegenständen hängt ein Zettel mit der Aufschrift "Nicht zu haben". Wo gestöbert wird, müssen auch Grenzen aufgezeigt werden. Die werden in der Regel auch akzeptiert. Man will ja nicht pietätlos erscheinen. Und mit der Pietät ist es so eine Sache, wenn man in den Kleiderschränken von Verstorbenen wühlt.



"Pietätlos wäre es, das Leben eines Menschen einfach auf den Müll zu kippen", sagt Christof Stein. Hier werde das Leben jedoch wertgeschätzt, die Dinge würden schließlich weiterverwendet. Es gäbe auch genug ältere Menschen, die an Stein herantreten und sich ein Nachlass-Hopping wünschen, eben damit vieles nicht im Müllcontainer landet. Stein hat zwei Grundgedanken zu den Wohnungsflohmärkten: Umverteilung und Umweltschutz. "Ich denke, dass wir bei beiden Gedanken die Schraube ein bisschen nach rechts, oder halt nach links, gedreht haben. Dieses Stückchen Welt zu verbessern, ist mir ein persönliches Anliegen", sagt der 52-Jährige.

Zwei Tonnen Müll pro Wohnung

Mit Respekt und Rücksichtnahme im Rahmen dieser Events beschäftigt sich auch eine 25-jährige Studentin der Europäischen Ethnologie. Sie schreibt ihre Bachelorarbeit darüber und ist heute gekommen, um Hopper zu interviewen. "Meine Forschungsfrage ist, wie die Leute in diesem speziellen Szenario mit dem Thema Tod umgehen", sagt sie. Persönlich ist sie jedoch auch ein Fan. Wegen dem Nachhaltigkeitsgedanken. "Man soll hierher kommen, um das mitzunehmen, was man braucht. Dadurch wird Sperrmüll vermieden", ist der Bachelor in spe überzeugt. Christoph Stein hat sich das Sperrmüllproblem bereits durchgerechnet. Im Schnitt spare man zwei Tonnen Müll pro Wohnung. Eine beachtliche Summe bei rund 50 Verlassenschaften im Jahr. Die Idee des Nachlass-Hoppings findet laut Stein europaweit Anklang. Damit unter diesem Label alles nach Steins Regelen abläuft, hat er das Konzept patentieren lassen. Man kauft ihm seinen Idealismus durchaus ab.

Einige Tage später ist die Wohnung tatsächlich feinsäuberlich geputzt und zur Übergabe bereit. Der Tresor wird noch aus der Wohnung abtransportiert. Ein 600 Kilo schweres Ungetüm aus grünem Stahl. Die Eigentümer wollen ihn behalten. Er wird nach Graz gebracht. Vier bärenstarke Arbeiter diskutieren auf der Stiege, wie das Ding möglichst ungefährlich vom dritten Stock auf die Straße transportiert werden kann. Man will sich wegen einem Tresor schließlich nicht den Tod holen. Nicht in Wien.

Über das nächste Nachlass-Hopping informiert die Facebookseite Ramsch und Rosen. Dort gibt es alle Infos zu Tickets, Hopping-Regeln und Verkauf.
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