31.05.2016, 17:31 Uhr

Kooperation zwischen Kardiologie und Herzchirurgie für optimale Patientenversorgung

Verschlossene Herzkranzgefäße etwa werden von der interventionellen Kardiologie mit einem Stent behandelt, der mittels Herzkatheter über die Blutgefäße an seinen Bestimmungsort gebracht und in das zuvor aufgedehnte Herzkranzgefäß geschoben wird.
Wiener Neustadt: Landesklinikum Wiener Neustadt | "Die Zusammenarbeit zwischen Kardiologen und Herzchirurgen soll im Interesse einer bestmöglichen Versorgung gefördert und intensiviert werden, sagt ÖKG-Präsident Prim. Univ.-Doz. Dr. Franz Xaver Roithinger (Landesklinikum Wiener Neustadt) bei einem Pressegespräch heute in Wien anlässlich der anstehenden Jahrestagung der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft.

Die gemeinsam mit den Herzchirurgen veranstaltete ÖKG-Jahrestagung 2016 vom 1. bis 4. Juni in Salzburg steht unter dem Motto "Gemeinsam in die Zukunft". Prim. Roithinger: "Die Zukunft gehört dem Heart Team."

In solchen multiprofessionellen Teams treffen Kardiologen und Herzchirurgen - bei Bedarf gemeinsam mit anderen Spezialisten - relevante therapeutische Entscheidungen. Etwa, wenn es um die Frage geht, ob ein Patient herzchirurgisch, also bei geöffnetem Brustkorb und unter Einsatz der Herz-Lungen-Maschine operiert, oder interventionell-kardiologisch schonend mit dem Herzkatheter behandelt werden soll. Prim. Roithinger: "Wobei die Grenzen bereits ein wenig verschwimmen: In der Herzchirurgie finden immer öfter minimalinvasive Methoden Anwendung, andererseits gibt es Katheter-Interventionen, bei denen der Herzmuskel sozusagen angestochen werden muss."

Stent oder Bypass? Wer wovon profitiert

Bei zahlreichen Problemstellungen bieten beide Fächer unterschiedliche Lösungsansätze. Verschlossene Herzkranzgefäße etwa werden von der interventionellen Kardiologie mit einem Stent behandelt, der mittels Herzkatheter über die Blutgefäße an seinen Bestimmungsort gebracht und in das zuvor aufgedehnte Herzkranzgefäß geschoben wird. Die Herzchirurgie löst das Problem mittels Bypass-Operation. Dabei wird das verschlossene Gefäß mit einem zuvor aus dem Bein entnommenen Stück einer Vene überbrückt (Venen-Craft). Prim. Roithinger: "Beide Methoden haben ihre Besonderheiten, Vor- und Nachteile. Im Heart Team werden solche Fälle besprochen und jene Lösung gewählt, die für den individuellen Patienten die beste ist."

Typische Kandidaten für eine Bypass-Operation sind etwa Patienten mit mehreren Gefäßverschlüssen (Mehrgefäßerkrankung), bei denen alternativ mehrere Stents gesetzt werden müssten, um eine adäquate Blutversorgung des Herzmuskels sicherzustellen. "Studien haben auch gezeigt, dass herzkranke Diabetiker von einem Bypass mehr profitieren als von einer Stent-Versorgung", so Prim. Roithinger. "Im Gegensatz dazu ist der Stent bei allen unkomplizierten Patienten vorzuziehen, weil seine Implantation deutlich weniger belastend ist als eine Herzoperation."

Chirurgische Klappe oder Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI)?

Ein weiterer Berührungspunkt zwischen interventioneller Kardiologie und Herzchirurgie ist die Implantation künstlicher Herzklappen, insbesondere der Aortenklappe. Hier bietet seit einigen Jahren die Transkatheter-Aortenklappen-Implantation (TAVI) eine immer häufiger angewandte Alternative zum chirurgischen Klappenersatz. "TAVI ist inzwischen ein etabliertes Verfahren zur Behandlung der Aortenklappen-Stenose bei inoperablen Patienten und bei Patienten mit sehr hohem Operationsrisiko", sagt Prim. Roithinger.

"Laut aktuellen deutschen Registerdaten (AQUA) hat TAVI auch bei Patienten mit mittlerem Risiko ein niedrigeres Mortalitätsrisiko als die konventionelle Operation. Ob eine TAVI bei Patienten mit mittlerem Risiko generell empfohlen werden kann, muss allerdings noch durch große, randomisierte Studien bestätigt werden."

Auch hier sollte kein Konkurrenzverhältnis zwischen den Fachrichtungen gesehen werden, sagt der ÖKG-Präsident. Vielmehr muss im Heart Team für den individuellen Patienten die richtige Lösung gefunden werden: "Als Faustregel gilt: Ältere und kränkere Patienten erhalten eher eine TAVI, weil man ihnen den Eingriff am offenen Herzen ersparen möchte. Jüngere, gesündere Patienten bekommen eher die chirurgische Klappe, weil bei ihnen mit einer hohen Lebenserwartung gerechnet werden kann und zur TAVI noch die Langzeitdaten fehlen.

Schwerpunktthema österreichische Forschung

Auch heuer wird im Rahmen der ÖKG-Jahrestagung der kardiologischen Forschung aus Österreich breiter Raum gegeben. Prof. Roithinger: "Diese ist mir ein besonderes Anliegen. Die ÖKG-Fördermittel für junge Forscherinnen und Forscher wurden unter meiner Präsidentschaft deutlich erhöht. Auf dem Kongress werden herausragende Arbeiten vorgestellt werden, dabei wird ein weiter Bogen von theoretischen, präklinischen Arbeiten hin zu sehr praxisrelevanten Studien gespannt."

Österreichisches "Schockweste"-Register: Bei jedem zweiten muss kein Defi implantiert werden

Von großer Bedeutung für den klinischen Alltag sind die Daten aus einem österreichischen Register zur "Schockweste" (Wearable cardioverter defibrillator - WCD), die auf dem ÖKG-Kongress vorgestellt werden. Dabei handelt es sich um einen Defibrillator, der in einer Weste getragen wird und im Falle lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen mittels Stromstoß den physiologischen Herzrhythmus wiederherstellt. Dieses Gerät bietet sich für Patienten an, bei denen nicht sicher ist, ob sie langfristig einen implantierbaren Defibrillator (ICD) benötigen werden.

"Die Registerdaten zeigen nun, dass der WCD sicher ist und dass bei rund der Hälfte der Patienten keine ICD-Implantation erforderlich wurde", so Prim. Roithinger. "Besonders bei Patienten mit Herzmuskelentzündung erholte sich das Herz in der großen Mehrzahl der Fälle." (Quelle: Odeneg T et al. Indications for and outcome in patients with the wearable cardioverter defibrillator (WCD) - Results of the Austrian WCD Registry)

Acute PCI Registry: Blutgerinnungs-Hemmer vor Herzinfarkt-Eingriff möglichst früh geben

Ebenfalls bedeutsam für die klinische Praxis sind neue Ergebnisse aus dem Austrian Acute PCI Registry, in dem Patienten erfasst werden, die wegen eines Herzinfarktes mit dem Herzkatheter behandelt wurden. Ein Forscherteam stellte die Frage, ob es sich auch in Zeiten der neuen, wirksameren Blutgerinnungs-Hemmer P2Y12 Rezeptor-Inhibitoren bezahlt macht, diese vor dem Eingriff möglichst früh zu geben. Die Antwort lautet: ja. Ebenso wie mit dem älteren Clopidogrel reduzierte der frühe Einsatz der neuen Substanzen die Sterblichkeit im Krankenhaus.

"Weitere herausragende, zum Teil bereits prominent publizierte Arbeiten, beschäftigten sich unter anderem mit der Prognose von Patienten mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion sowie Lungenhochdruck, der verbesserten Abheilung von Verletzungen des Herzmuskels infolge eines Infarkts oder der interventionellen Therapie von Vorhofflimmern", sagt der ÖKG-Präsident."

Quelle: Dörler J et al. Pre-treatment with potent P2Y12 receptor inhibitors is associated with reduced in-hospital mortality in a real world setting of primary percutaneous coronary intervention

ExpertInnen-Statements unter: http://www.bkkommunikation.com/de/journalistenserv...

Aussender: B&K - Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung
3
Diesen Mitgliedern gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.