14.05.2016, 08:50 Uhr

Wenn bei einem Spaziergang durch Wiener Neustadt die jüdische Vergangenheit "lebendig" wird, . . .

Synagoge - Baumkirchnerring
Wiener Neustadt: Stadtgebiet | Die Kaiserstadt Wiener Neustadt stand im 15. Jahrhundert im Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, aber die Geschichte des jüdischen Wiener Neustadt begann schon mit der Stadtgründung 1192!

So ist es dem Historiker Prof. Mag. Dr. Werner Sulzgruber zu verdanken, der seit über 20 Jahren zur Stadtgeschichte forscht und publiziert, dass beispielsweise in unserem Stadtmuseum mit Ausstellungen, die den Titel "Schicksalswege. Die jüdische Gemeinde in Wiener Neustadt" (2010/11) und "Familienalbum. Jüdische Familien aus Wiener Neustadt" (2013/14) trugen, viel in Vergessenheit geratenes Wissen über immerhin rund 900 jüdische Bewohner unserer Stadt wieder gegenwärtig und lebendig geworden ist.

Nach einer Führung auf dem jüdischen Friedhof von Wiener Neustadt folgte nunmehr am 30. April ein „Spaziergang durch das jüdische Wiener Neustadt“. Beim Reckturm beginnend, mit dem Hinweis, dass sich hier ein Grabsteinfragment mit hebräischen Schriftzeichen eingemauert findet, ging der Weg zum Standort der ehemaligen Synagoge am Baumkirchnerring bei St. Peter an der Sperr, weiter vor das Stadtmuseum, in den Liebfrauendom unserer Stadt und dann in die Wiener Straße.

Beim Halt in den Fußgängerzonen und am Hauptplatz erfuhr man vieles vom einstigen blühenden jüdischen Leben und von unterschiedlichen Persönlichkeiten, die beispielsweise zur Jahrhundertwende, in den 1920er und 1930er Jahren hier lebten und wirkten. Es wurde ein anschauliches Bild von der jüdischen Vergangenheit gezeichnet: von Ärzten (wie Dr. Karpfen), von Advokaten (wie Dr. Stern) bis zu Ratenhändlern (wie Moses Rosenberger).
Ein versteckter Hinweis erinnert uns beispielsweise am Hauptplatz an der Kronen-Apotheke an das äußerst tragische Schicksal des Zahntechnikers Gustav Braunberg, der in Folge einer Scheidung nach Auschwitz kam, und sogenannte "Stolpersteine" in der Herzog-Leopold-Straße vor der heutigen Volksbank an das Leben und den Tod von Mitgliedern der Familie Lemberger.

Am heutigen Allerheiligenplatz eröffnet sich dem Teilnehmer die hochinteressante Geschichte des jüdischen Viertels. Auch hier wird einem bewusst, dass unsere Stadt kulturelle Schätze birgt. Außerdem wird mit so manchen Fehlannahmen und Mythen aufgeräumt. Auf der seit 2014 aufgestellten Informations-Stele lässt sich einiges zur jüdischen Geschichte nachlesen: ein wirklich wichtiger Punkt für Touristen!

An weiteren Stationen in der Fußgängerzone Neunkirchner Straße und in der Bahngasse wurden den Teilnehmern Episoden aus der Vergangenheit erzählt, etwa von der jüdischen Künstlerin Camilla Frydan, den Ereignissen um den "Anschluss" 1938 und anderes gänzlich Unbekanntes.

Interessant war auch der Hinweis im Bereich der Bahngasse (zwischen der Leiner-Brücke und der Kapuzinerkirche), nämlich auf den Platz, auf dem sich einst das "Konzert-Café" Bank befunden hatte: mit der aus dieser Zeit noch erhaltenen Statue der römischen Göttin Ceres und den Kanonenkugeln aus der Zeit der Türkenbelagerung 1683.

Zu den wohl faszinierendsten Ausstellungsstücken zählen zweifellos die Grabsteine mit den jüdischen Inschriften im Stadtpark. Unter den sechs an der der alten Stadtmauer fixierten Steinen stößt man sogar auf den ältesten Österreichs und damit einen der ältesten Europas!

Prof. Mag. Dr. Werner Sulzgruber hat sein Wissen über das "jüdische Wiener Neustadt" nach weltweiten Recherchen und zahlreichen persönlichen Interviews mit Zeitzeugen/innen und deren Nachfahren in mehreren Büchern ausführlich beschrieben und bietet seit Jahren Führungen auf dem jüdischen Friedhof und Stadtspaziergänge für Interessierte an.

Besonders eindrucksvoll wird man bei diesen Führungen durch das "jüdische Wiener Neustadt" mit Originalfotos an die einstigen jüdischen Einrichtungen, wie z. B. dem Standort der ehemaligen Synagoge am Baumkirchnerring bei St. Peter an der Sperr, dem Post- und Telegraphenamt in der Wiener Straße an der Straßenecke des Schuhhauses Grabner, dem "Konzert-Café" Bank an der Stelle des heutigen Kaufhauses Leiner in der Bahngasse, an die Familie Lemberger und deren Geschäftslokal am Platz der Volksbank in der Herzog-Leopold-Straße, u. v. a. in unserer Stadt sehr anschaulich und zugleich berührend erinnert!

Hans Machowetz,
Gemeinderat in Wiener Neustadt

Fotos:
- Johann Machowetz


Die nächsten Termine:

Spaziergang durch das jüdische Wiener Neustadt:
Sa 21. Mai 2016, 15.00 Uhr
Treffpunkt: Reckturm, Reyergasse
Dauer: zirka 2 ½ Stunden

Führung auf dem jüdischen Friedhof in Wiener Neustadt:
So 22. Mai 2016, 15.00 Uhr
Treffpunkt: Lern- und Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Wiener Neustadt, Wiener Straße 95
Dauer: zirka 1 ½ Stunden

Guide: Mag. Dr. Werner Sulzgruber, Historiker und Autor
Kosten: 10,- Euro pro Person
Anmeldung: erforderlich bis 3 Tage vor dem jeweiligen Termin
Tel.: 0676/7366121
E-Mail: werner_sulzgruber@hotmail.com


Bücher zum Thema:

Werner Sulzgruber, Lebenslinien. Jüdische Familien und ihre Schicksale. Eine biografische Reise in die Vergangenheit von Wiener Neustadt. Wien/Horn: Berger 2013.

Werner Sulzgruber, Novemberpogrom 1938. Die "Reichskristallnacht" in Wiener Neustadt und der Region. Hintergründe - Entwicklungen - Folgen. Wr. Neustadt: TOWN 2013. [erhältlich in den Buchhandlungen Hikade, Thalia und Thiel]

vergriffen:
Werner Sulzgruber, Die jüdische Gemeinde Wiener Neustadt. Von ihren Anfängen bis zu ihrer Zerstörung. Wien: Mandelbaum 2005. [Restexemplare sind im Stadtmuseum erhältlich.]

Werner Sulzgruber, Das jüdische Wiener Neustadt. Geschichte und Zeugnisse jüdischen Lebens vom 13. bis ins 20. Jahrhundert. Wien: Mandelbaum 2010.


Webseiten:
http://www.juedische-gemeinde-wn.at/
http://www.zeitgeschichte-wn.at/
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