St. Thomas: Geheimnis um die Mumie ist gelüftet

Gesichtsrekonstruktion: So oder so ähnlich soll der "Luftg'selchte Pfarrer" ausgesehen haben.
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  • Gesichtsrekonstruktion: So oder so ähnlich soll der "Luftg'selchte Pfarrer" ausgesehen haben.
  • Foto: Lukas Fischer/3D-Construct
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ST. THOMAS AM BLASENSTEIN. Der Nebel lichtete sich am Sonntag-Nachmittag nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes über der kleinen Marktgemeinde. Fachleute klärten an diesem 4. November auch über das Geheimnis der Mumie von St. Thomas, des sogenannten "Luftg'selchten Pfarrer", auf. Die Experten fesselten die wohl mehr als 100 Besucher in der örtlichen Volksschule mit neuen spannenden Erkenntnissen.

Wer war er?

Beim Leichnam handelt es sich wie bisher angenommen wohl tatsächlich um den Pfarrer Franz Xaver Sydler von Rosenegg (*1709 in Bad Kreuzen, +1747). Dieser trat 1727 in das Augustiner Stift Waldhausen ein und wirkte von 1744 bis zu seinem Tod als Pfarrvikar in St. Thomas. "Wir können sagen, dass es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit diese Person ist", sagte Mumien-Spezialist Andreas Nerlich vom Institut für Pathologie am Städtischen Klinikum München. So belegen die Untersuchungen: Der Mann war cirka zwischen 30 und 40 Jahren alt und starb zwischen 1734 und 1780. Er nahm hochwertige Nahrung zu sich, das war in der damaligen Zeit nur bei Adel und Klerus der Fall. Außerdem verrichtete er keine wesentliche körperliche Arbeit.

Franz Xaver Sydler von Rosenegg war der einzige Pfarrer, der zu dieser Zeit hier verstorben ist; das Begräbnis ist am 3. September 1747 verzeichnet. Der Erhaltungszustand weist außerdem mehrere Ähnlichkeiten zu drei Teilmumien in der Gruft des ehamligen Stifts Waldhausen auf, wo Rosenegg als Ordensmann wirkte.


Wie starb er?

Der Pfarrer starb an den Folgen eines Blutsturzes (starke Blutung) in Folge einer Tuberkulose. "Diese Ursache ist sehr wahrscheinlich und passt sehr gut zu den gemessenen Kohlenstoffwerten", sagte Peter Hofer vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München. "Die letzten Wochen oder Monaten seines Lebens waren ein zehrender Prozess, der sehr viel Energie kostete." Tuberkulose war zu dieser Zeit als Todesursache sehr häufig.


Warum hatte er "Füllmaterial" im Körper?

Im Körper befinden sich Stoff-Fetzen, Holz-Späne, kleinere Äste und Fasern. Diese wurden ihm nach dem Tod rektal eingeführt. Sein Leichnam sollte offenbar kurzzeitig erhalten bleiben - etwa für die Zeit eines Transports oder der Aufbahrung. Außerdem befindet sich im Unterbauch eine knapp 1 Zentimeter große "Kugel" mit kleinen Öffnungen. Diese zeugt nicht - wie bisher spekuliert - vom einem Giftanschlag, sondern ist mit dem Füllmaterial "mitgerutscht". Solche verspiegelten Glasperlen wurden unter anderem für Rosenkränze verwendet. Die Haltbarmachung wurde auch mit Chemikalien (Arsen-, Kupfer- und Zinksalze) unterstützt.

Wie konnte der Leichnam so gut erhalten bleiben?

Die Konservierung durch "Füllmaterial" - siehe vorherige Frage - war offenbar damals Praxis. Auch bei einer Teilmumie in Waldhausen finden sich dieselben Materialien. Über die ersten 100 Jahre der Aufbewahrung des "Luftg'selchten" ist kaum etwas bekannt. Der Tote muss längere Zeit unter Luftabschluss gelegen sein. Darauf deutet die starke Fettausbildung hin. Eine Erdbestattung ist auszuschließen. "So ganz ohne den höheren Zufall würde es wohl doch nicht gehen, dass er so gut erhalten ist, wie wir ihn heute sehen", sagte Oliver Peschel, Institut für Rechtsmedizin an der Universität München, und erntete großen Beifall aus dem Publikum.

Wie sah er aus?

Eine Gesichtsrekonstruktion, wie der Pfarrer zu Lebzeiten ausgesehen haben soll, wurde erstellt - siehe Bild. Bei Augen und Haarfarbe handelt es sich um Mutmaßungen, hinsichtlich der Haarpracht orientierten sich die Experten am Aussehen von Geistlichen zu dieser Zeit.

Untersuchung mit Hightech-Methoden

Das Rätsel um die Mumie wurde mit modernsten Methoden gelöst: Sie wurde sogar in das CT zur Computertomopraphie gelegt, mittels Radiokarbon konnte der Sterbezeitraum näherungsweise bestimmt werden. Auch eine Endoskopie sowie eine Autopsie wurden durchgeführt. "Mumie meets Hightech", brachte es Peschel auf den Punkt. Um Einblick in die Ernährung des Leichnams zu bekommen, führten die Experten eine Isotopenuntersuchung durch.
Eine ganze Reihe an Forschern war an der Aufklärung am Geheimnis der Mumie beteiligt. Federführend waren der Münchner Pathologe Andreas Nerlich und der Rechtsmediziner Oliver Peschel.  Sogar das bayrische Landeskriminalamt unterstützte das Projekt. Fast ein Jahr hatte die Mumie zu Untersuchungen in München verbracht: Im Oktober 2017 holten ihn die Fachleute ab. Seit 8. August ist der "Luft'gselchte" wieder in einer Gruft. In der Zeit des Aufenthalts in München wurde ein zweiter Gruftraum geöffnet und saniert. Durch eine stetige Umluft herrscht ein besseres Raumklima.
Die kostenlose Unterstützung der Münchner Wissenschaftler bei Befundung sowie den konservatorischen Maßnahmen an der Mumie war ein großes Geschenk an die Pfarre. Begleitet wurden die Maßnahmen durch das Kunstreferat der Diözese Linz.

Myhthen und Spekulationen ausgeräumt

Seit vielen Jahren ranken sich viele Mythen und Spekulationen um die Herkunft und den Tod. Der natürlich mumifizierte Leichnam ist als "luftg'selchter Pfarrer" bekannt, er wird aber auch als"heiliger Leib" und "lederner Franzl" bezeichnet. "Die Spitznamen sind alle sehr alt und wurden über die Zeit tradiert", weiß Judith Wimmer vom Kunstreferat der Diözese Linz. Viele unbewiesenen Theorien über rund 150 Jahre konnten nun also durch wissenschaftliche Methoden widerlegt werden.

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