Das Befreiungsmuseum im Erinnerungsbunker

Wilhelm Urbanek und Natalia Lagureva führen im Erinnerungsbunker durch die Schrecken des Krieges
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ALSERGRUND. Der Eingang liegt gut verborgen zwischen Kinderspielplatz und Volksschule: Mitten in einer mit Graffiti verzierten Betonmauer öffnet Wilhelm Urbanek auf einmal ein eisernes Tor. Auf einer schmalen und verwinkelten Stiege geht es hinunter in den Erinnerungsbunker. Unten angekommen, ereilt einen schnell ein beklemmendes Gefühl, wenn sich die dicke Gasschleusentür hinter den Besuchern geschlossen hat. „Zugelassen war der Bunker für 300 Menschen, bei Luftangriffen war er aber mit oft bis zu 700 Schutz Suchenden überbelegt, weil er ein sogenannter ‚sicherer Bunker‘ war“, erklärt der Direktor des Alsergrunder Bezirksmuseums.

Gebaut für den Bombenkrieg

Mitten im 2. Weltkrieg wurde der Tiefbau 1941 errichtet: 2 Meter dicke Stahlbetonwände, eine Schicht Schotter zur besseren Verteilung des Drucks bei Volltreffern, dann wieder Stahlbeton. „In allen Wohnungen stand schon das gepackte Luftschutzgepäck: Wichtige Dinge, die man im Bunker brauchte, standen in Koffern oder Rucksäcken bei der Tür“, erklärt Urbanek. „Wenn die Sirene losheulte, liefen die Menschen los und brachten sich hier in Sicherheit.“ In den Nachkriegsjahrzehnten war der Bunker ein Lager für das Stadtgartenamt, bis er im Gedenkjahr 2005 vom Bezirksmuseum Alsergrund, der Pädagogischen Akademie, Schülern des Erich-Fried-Gymnasiums und der "wiener kunst schule" als Erinnerungsbunker gestaltet wurde.

Seither kann man den Bunker im Rahmen von Führungen besichtigen. Die 760 m2 sind in 40 küchengroße Kammern unterteilt, um eine Massenpanik zu verhindern: Wenn bei einem Fliegerangriff der Strom ausgefallen ist, musste ein kleinwagengroßes Gebläse mit einer großen Kurbel händisch angetrieben werden - "Hörte man auf zu kurbeln, wurde schnell die Luft knapp“, erklärt Urbanek. Das im Erinnerungsbunker ansässige Befreiungsmuseum informiert mit der Dauer-Ausstellung „Durch die Dunkelheit und zurück“ mit zahlreichen Ausstellungsstücken und Fotos mehr als einprägsam über die Befreiung Wiens vom Schrecken der NS-Herrschaft.

Aus dem Dunkel in das Licht

Man erlebt die „dunklen Jahre“, die tief in den Bunker hineinführen: den Zusammenbruch der Demokratie, die Gräuel des Kriegs. Mit heruntergefallenen Ziegeln, Schutt und zerstörten Möbeln wird ein Bombentreffer nachgestellt: In der Mitte des Raumes kauert eine Figur, die Hände schützen den Kopf. Natalia Lagureva, Gründerin und Direktorin des Befreiungsmuseums, spielt auf ihrem Handy auf einmal den Ton einer originalgetreuen Luftschutz-Sirene ab: „Mit dem ungeheuerlichen Gefühl der Bedrohung und Angst, das einen hier überkommt, wollen wir dem Kriegsleiden, der Angst und dem Grauen der Wiener Bevölkerung einen Ort des Erinnerns geben“, bemerkt sie mit ernster Stimme und fügt hinzu, dass „die Arbeit im Befreiungsmuseum jetzt besonders wichtig ist, weil uns die Geschichte der 1930er Jahre zeigt, dass was mit Kleinigkeiten begann, mit der Unterscheidung zwischen "Guten" und "Bösen", schließlich in die Konzentrationslager mit Hunderttausenden Toten führte.

In der Nähe des Ausgangs folgen Befreiung und Besatzungszeit am Alsergrund, bis der Weg an Staatsvertrag und EU-Beitritt Österreichs vorbei wieder zurück ans Licht führt. „Wir suchen dringend Zeitzeugen, die Schülern persönlich von ihren Kriegserlebnissen berichten können“, bemerkt Wilhelm Urbanek, als er die mächtigen Stahltüren beim Ausgang wieder hinter sich zuzieht, und ergänzt: „Manche Menschen bekommen auch heute noch leuchtende Augen, wenn es um Krieg geht. Krieg ist aber immer grausam und abschreckend. Darum ist dieser Bunker eine Schutzimpfung gegen Krieg.“
Infos: Befreiungsmuseum Wien

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