Queerer Bezirksspaziergang am Alsergrund
Schwul-lesbisches Leben zwischen Aufbruch und Verfolgung

Andreas Brunner mit dem originalen Programmheft von "Bent" dessen deutsche Erstaufführung 1980 im Schauspielhaus war.
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  • Andreas Brunner mit dem originalen Programmheft von "Bent" dessen deutsche Erstaufführung 1980 im Schauspielhaus war.
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Eine "queere Bezirksführung" durch den Alsergrund bringt sowohl die dunkelsten Stunden als auch Momente der Selbstermächtigung in der schwulen und lesbischen Geschichte Wiens zutage. Mitgehen ist kostenlos.

ALSERGRUND. Wenn Andreas Brunner sucht, dann findet er auch. Trude Fleischmann zum Beispiel. Die führende Porträtfotografin der Zwischenkriegszeit lebte eine Zeitlang in der Türkenstraße, wie der Historiker Brunner durch Recherche in einem alten Adressbuch erfuhr. Die ehemalige Wohnung von Fleischmann, die in lesbischen Beziehungen lebte und 1938 aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln emigrieren musste, ist nun einer der Punkte, die Brunner bei seinem "Queeren Bezirksspaziergang durch den Alsergrund" ansteuert.

Die Fotografin Trude Fleischmann um 1930.
  • Die Fotografin Trude Fleischmann um 1930.
  • Foto: Annie Schulz
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Dreimal führt Andreas Brunner, der Co-Leiter des Zentrums für queere Geschichte QWIEN, zu Orten des schwulen, lesbischen und trans Lebens am Alsergrund. Die Spaziergänge werden von der Bezirksvorstehung Alsergrund unterstützt und können kostenlos besucht werden. Sie finden am Sonntag, 27. September, Sonntag, 4. Oktober, und Samstag, 17. Oktober, statt, der Beginn ist jeweils um 15 Uhr, Treffpunkt ist beim ehemaligen Polizeigefangenenhaus in der Rossauer Lände 5. Eine Anmeldung per E-Mail unter guide@qwien.at oder telefonisch unter 01/966 01 10 (Mo-Fr 10-16 Uhr) ist nötig. Beim Spaziergang muss ein Mund-Nasenschutz getragen werden.

Zwei historische Ebenen in der Porzellangasse

Die queere Bezirksgeschichte führt dabei durch die Höhen und Tiefen der Wiener Vergangenheit. Zwei historische Ebenen treffen einander in der Porzellangasse 19: Hier lebte Gustav Gschaider, der 1943 bei einer Razzia im Resselpark festgenommen wurde, seine gleichgeschlechtlichen Kontakte "gestand" und dafür zu 18 Monaten schwerem Kerker verurteilt wurde. Danach sollte er ins Konzentrationslager eingeliefert werden. Davor bewahrte ihn nur sein Arbeitgeber: Gschaider war Chemiker bei Semperit und der Betrieb bezeugte, ihn für kriegswichtige Produktion zu brauchen, woraufhin er enthaftet wurde.

Eine Tafel am Schauspielhaus erinnert an dessen Gründer Hans Gratzer.
  • Eine Tafel am Schauspielhaus erinnert an dessen Gründer Hans Gratzer.
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"Dass in seinem Wohnhaus in den 1970ern mit dem Schauspielhaus ein Theater von einem offen schwulen Regisseur gegründet wird, hätte sich Gschaider wohl nicht träumen lassen", sagt Brunner. Hans Gratzer, von dem hier die Rede ist, hat das Schauspielhaus von 1978 bis 1986 geleitet und sich offensiv mit schwulen Themen auseinandergesetzt. 1980 brachte er mit "Bent" ein Stück auf die Bühne, das erstmals von homosexuellen Männern im Konzentrationslager berichtete. "Damals war das revolutionär, weil sich niemand dieses Themas angenommen hat, auch in der historischen Forschung gab es damals noch nichts", sagt Brunner.

Schreibtischtäter in der Rossauer Lände

Die Verfolgung von Schwulen und Lesben unter den Nazis nahm oft am Alsergrund ihren Ausgang. Genauer: im heutigen Polizeigebäude Rossauer Lände. "Von hier aus agierte die Sittenpolizei und verfolgte alle Formen von 'Unzucht', damals eben auch Homosexualität", sagt Brunner. Die "Schreibtischtäter in der Rossauer Lände" waren für die Einweisung ins KZ nach dem Abbüßen der eigentlichen Strafe verantwortlich - als "Vorbeugemaßnahme".

Das Polizeigebäude Rossauer Lände.
  • Das Polizeigebäude Rossauer Lände.
  • Foto: CC0/Gugerell
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Die Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit, so Andreas Brunner, war auch Klassenjustiz. Bei Razzien in Bädern und Parks wurden vorwiegend Handwerker und kleine Gewerbetreibende festgenommen, Besserverdienende waren wenige dabei - "sie hatten wohl die Möglichkeit, sich in ihre eigenen vier Wände zurückzuziehen, während die unteren sozialen Schichten oft zur Untermiete wohnten und in den öffentlichen Raum ausweichen mussten", erklärt der Historiker.

Strafverfolgung geht nahtlos weiter

Der Paragraph, nach dem Homosexuelle während der NS-Zeit verurteilt wurden, war noch bis 1971 in Kraft. "Die Strafverfolgung geht nahtlos weiter", sagt Brunner, "im März 1945 bricht die NS-Strafjustiz zusammen, im September werden die Verfahren aufgenommen, als wäre nichts passiert. Zum Teil sind es dieselben Richter und dieselben Kripobeamten." 

Als Opfer des NS-Terrors wurden Schwule und Lesben erst 2005 und nach langem Kampf anerkannt. Einer derjenigen, der sich besonders dafür eingesetzt hat, war ebenfalls am Alsergrund daheim: Josef Kohout wohnte am Zimmermannplatz, wurde wegen seiner Homosexualität verfolgt und überlebte mehr als sechs Jahre NS-Haft. Seinen Beruf als Postler durfte er in der zweiten Republik nicht mehr ausüben, weil die Vorstrafe aus der Nazizeit bestehen blieb. In Gedenken an ihn wurde der Heinz-Heger-Park nach dem Schriftsteller benannt, der Kohouts Geschichte niederschrieb und mit "Die Männer mit dem Rosa Winkel" eines der ersten Zeugnisse der Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus schuf.

Erste Treffen der Schwulenbewegung

Der Zimmermannplatz wird aus geographischen Gründen beim Spaziergang nicht angesteuert, dafür wird dem evangelischen Bildungshaus in der ehemaligen Schwarzspanierkirche ein Besuch abgestattet. Dort traf sich ab 1975 die Gruppe CO (Coming Out), ein loser Zusammenschluss schwuler, politisch aktiver Männer - eine formelle Vereinsbildung war damals untersagt. Dank ihrer Arbeit gelang es, schwules Leben abseits von Strafverfolgung öffentlich zu beleuchten, etwa mit einer großen Covergeschichte im "profil".

Einer der Ausgangsorte für die Schwulenbewegung in Österreich ist die ehemalige Schwarzspanierkirche.
  • Einer der Ausgangsorte für die Schwulenbewegung in Österreich ist die ehemalige Schwarzspanierkirche.
  • Foto: Alois Fischer
  • hochgeladen von Alois Fischer

Andreas Brunner selbst zeichnet für ein Stück Alsergrunder Geschichte verantwortlich: Er hat 1993 die erste schwul-lesbische Buchhandlung Österreichs mitbegründet, die Buchhandlung Löwenherz. Gleich im Eröffnungsjahr, erzählt er, fand dort eine Razzia wegen angeblicher pornographischer Schriften statt. Das Verfahren wird eingestellt, doch es zeigt, wie leicht es aufgrund der damals geltenden Gesetzeslage war, LGBTQ-Strukturen einzuschränken. Dass Vorfälle wie dieser noch gar nicht lange her sind, fällt jungen Besucherinnen und Besuchern im Zuge der Spaziergänge immer wieder auf. "Junge Schwule und Lesben haben zwar oft einen schwierigen oder irritierenden Coming-Out-Prozess hinter sich, aber in Familie, Schule und Beruf haben sie zum Teil keine Probleme. Die sind dann oft erstaunt wenn sie zurückrechnen und draufkommen, dass sie schon auf der Welt waren, als dieses oder jenes passiert ist", sagt Brunner.

"Schwules, lesbisches und trans Leben ist immer und überall"

Wer angesichts all dieser Ereignisse denkt, dass sich im Neunten ein besonders relevanter Teil der homosexuellen Geschichte Wiens abgespielt hat, der irrt: Queere Spaziergänge gibt es schon durch die Bezirke 4, 5 und 6 und unter der Lupe des Historikers wurde bisher jedes Grätzel zu einem ereignisreichen Pflaster. "Diese Stadtspaziergänge sind eine wunderbare Form, bisher versteckte Geschichte zu erzählen. Ein an sich unbedeutendes Haus wird mit Bedeutung aufgeladen, man erhält einen kurzen Einblick in eine Lebensgeschichte", sagt Brunner, "ich möchte zeigen, dass schwules, lesbisches und trans Leben immer und überall gewesen ist und bislang nur nicht wahrgenommen wurde." Wer sucht, der findet eben.

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