Die vergessenen Lager Amstettens

Blick auf das Lager in Hart. Zum Thema Flucht, Vertreibung und Völkermord trafen sich Historiker in Amstetten.
  • Blick auf das Lager in Hart. Zum Thema Flucht, Vertreibung und Völkermord trafen sich Historiker in Amstetten.
  • Foto: Stadtarchiv, Sammlung Ornazeder
  • hochgeladen von Thomas Leitsberger

BEZIRK AMSTETTEN. Heute ist nichts mehr davon zu sehen, was vor 100 Jahren hier geschah. Vor 100 Jahren war Krieg – im Nahen Osten genauso wie in Europa und in Österreich. Damals stand "hier" in Hart in St. Georgen/Ybbsfelde ein Gefangenenlager.

120.000 Russen im Mostviertel

Rund 120.000 vorwiegend russische Kriegsgefangene waren in diesem und weiteren "großen Lagern" in Purgstall und Wieselburg sowie in kleineren Standorten für Offiziere in Sonntagberg und Waidhofen untergebracht, erzählt Historiker Thomas Buchner. Die Zahl der einheimischen Bevölkerung der Region lag damals bei rund 170.000 Menschen.

Beim Symposion zum Thema Flucht, Vertreibung, Völkermord zur Zeit des Ersten Weltkriegs zeigten dieser Tage Buchner und seine Historikerkollegen im Amstettner Rathaussaal, dass sich Geschichte wiederholt, vieles im Dunkeln liegt und welche Auswirkung Krieg auf die Menschen hat – auch auf Mostviertler.
Die Standorte wurden aufgrund der benötigten Infrastruktur wie Straßen, Bahn und Versorgungsmöglichkeiten ausgewählt, erklärt Buchner. Daher waren diese auch immer in der Nähe von Siedlungen. Ein reger Austausch zwischen Gefangenen und Einheimischen war die Folge. Mostviertler arbeiteten etwa im Lager, Gefangene wiederum auf Feldern für die Mostviertler.

Scheu und alltägliche Kontakte

Gegen Kriegsende, als die staatliche Kontrolle zunehmend versagte und sich der soziale Austausch verselbstständigte, war so mancher Kriegsgefangener, auch aufgrund seiner Arbeitstätigkeiten, von einem Mostviertler kaum mehr zu unterscheiden.
Die ungarischen Wachsoldaten sprachen zudem oft schlechter deutsch als russische Offiziere, erzählt Buchner.

Amstettner plünderten Lager

Unter der Zivilbevölkerung herrschte zunächst Scheu und Angst vor Krankheiten. Wirtschaftstreibende, von der Druckerei über Brauhäuser bis hin zu Bordellbetreibern, nutzten die Gelegenheit für Profit. Als sich später die Versorgung mit Lebensmittel und Artikeln des täglichen Bedarfs zunehmend verschlechterte, herrschte hingegen Angst um das eigene Hab und Gut sowie das tägliche Essen. Um das Überleben mussten sich schließlich alle, Mostviertler wie Russen, selbst kümmern. So verkauften etwa Kriegsgefangene selbstgemachte Ringe am Bahnhof in Amstetten. Amstettner wiederum plünderten sogar das Lager in Hart im November 1918.

Die Lager im Ersten Weltkrieg waren allerdings nicht die einzigen in der Region. So wurden etwa einige Jahre später zwei KZ-Außenlager in Allersdorf errichtet. Auch an diese erinnert heute nichts mehr.

Autor:

Thomas Leitsberger aus Amstetten

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