Interview mit dem Chef der Radlobby, Karl Zauner
"Am Fahrrad tut sich eine neue Welt auf"

Karl Zauner von der Radlobby NÖ
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Radfahren ist ein Thema, denn die Parkplätze sind voll. Wir sprachen mit dem Obmann der Radlobby NÖ, Karl Zauner, über Möglichkeiten, die Bedingungen für RadfahrerInnen zu verbessern

BEZIRKSBLÄTTER: Trotz Klimakrise: Radfahren scheint noch immer die Nation zu spalten, oder nicht?
KARL ZAUNER: Die Nation ist nicht gespalten, die meisten haben selbst ein Fahrrad. Aber es gibt radikale Radfahrer-Hasser. Eine Minderheit, die auch den Klimawandel leugnet und die auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt lächerlich macht. Ich denke, das ist eine Zeiterscheinung, die nichts speziell mit dem Fahrrad zu tun hat. Man muss sachlich diskutieren und sich bewusst werden, wodurch Menschen im Verkehr getötet oder verletzt werden.

Wie steht die Radlobby zur Benutzung der Radwege durch E-Biker, Scooter und gelegentlich Fußgänger? Konfliktpotenzial der anderen Art?
Technische Entwicklungen bringen neue ungewohnte Fahrzeuge. Dass diese nun Radwege oder die Kfz-Fahrbahn nutzen müssen, ist im Gesetz geregelt. Es gibt allerdings Probleme mit Pedelecs und E-Bikes die mehr als 600 W Leistung haben und mehr als 25 km/h erreichen. Diese sind keine Fahrräder und dürfen nicht auf Radwegen fahren. Sehr problematisch ist, dass Radwege oft nur in schlechter Qualität für langsam fahrende Radfahrer bis 10-12 km/h gebaut sind. Es gibt sehr viele Radfahrende, die Alltagswege mit 15-25 km/h zurücklegen - auch ohne E-Antrieb. Sie alle sind verpflichtet, auf diesen Radwegen zu fahren. Konflikte mit Fußgängern gibt es manchmal auf zu schmalen gemischten Geh/Radwegen. Diese Probleme müssen bei der Gestaltung von Radfahranlagen berücksichtigt werden.

Freizeitradwege und Alltagsradwege: Wo gibt es mehr Verbesserungsbedarf?
Es gibt in Niederösterreich Tourismus-Hauptradrouten, wie EuroVelos 6, 9 und 13 (Tipp: eurovelo.at) und in unserer Region die schönen Radwege entlang von Flüssen. Für Sonntagsfahrer sind manche Umwege kein Problem, Alltagsradfahrer wollen aber schnell von A nach B kommen, zum Zug oder zur Arbeit etc. Hier geht es um Radrouten, die teilweise Radwege sein können. Radwege müssen eine perfekte Fahrbahnoberfläche haben, keine Rüttelstrecken, man soll sie durchgehend befahren können und sie sollen sicher für alle von 8-80 Jahren sein.

Ist kompletter Autoverzicht eine realistische Option?
Es gibt Lebensphasen, wo es notwendig sein kann, ein Auto zu nutzen. Das ändert sich ja mitunter im Laufe der Jahre. Die Befreiung vom Auto erlebt man erst, wenn es gelingt, einige Wochen oder Monate davon Abstand zu gewinnen. Es tut sich eine neue Welt auf. Was nicht bedacht wird: Ein großer Teil der Bevölkerung besitzt kein Auto. Manche können eines mitnutzen. Den Verzicht erleichtern Carsharingsysteme, die es nun auch in kleineren Gemeinden gibt. Soziale Dienste werden wohl nicht ganz ohne Auto auskommen. Kindergarten- und Schulwege per Auto sind jedenfalls sehr schlecht wegen der Sicherheit und auch wegen der Entwicklung der Kinder.

Was wäre für die Radlobby das vordringlichste Thema in den nächsten 3 Jahren?
Regional im Bezirk Baden: Hochwertige Radrouten zu Bahnstationen und anderen häufig genutzten Zielen herstellen. Wichtig sind dabei Qualität und Winterdienst.
Auf Landesebene: Die politische Zuständigkeit ändern. Für Radfahranlagen auf und entlang von Landesstraßen "B" und "L" muss das Land zuständig werden, auch innerorts. Es muss ein Radverkehrsbudget des Landes geben und fünf Radkompetenzzentren mit qualifiziertem Personal. Leider werden ja allzuoft extrem schlechte Radwege gebaut, die dann benützt werden müssen obwohl sie teilweise sogar gefährlich angelegt sind. Beispiel: Das Radwegstück an der B18 zwischen Günselsdorf und Leobersdorf, bei dem es keinen guten Anfang und kein gutes Ende gibt und auch sonst holpert es dort.

Kennen Sie Zahlen, wie viel in den letzten 10 Jahren in den Ausbau der Rad-Infrastruktur im Vergleich zu Öffis/Straße investiert wurden?
Es gibt keine Transparenz. Die Gemeinden sind zu 100% für Radinfrastruktur verantwortlich, manchmal finanziert das Land ein wenig mit.
Für den Kfz-Verkehr arbeiten derzeit in NÖ je nach Presseinfo zwischen 3000 und 3400 Leute. Für den Radverkehr sind mir nur zwei Personen bekannt. Laut Landesrat Schleritzko wird das Land NÖ 2019 trotz Klimawandel nur mehr 2,7 Mill. Euro ausgeben. Das ist weniger als in früheren Jahren, wo vom Radland noch stolz von 4-6 Mill. Euro verkündet wurden.

Unfälle mit Radfahrern nehmen zu. Was ist der Grund?
Es fällt auf, dass in letzter Zeit generell die Anzahl der schweren Unfälle mit Toten und Schwerverletzten zunimmt: von Auto zu Auto, von Auto zu Fußgängern und von Auto zu Radfahrern. Eine Unfallstatistik, in der die Ursachen dokumentiert sind, gibt es leider nicht. Allgemein kann man nur sagen, dass Entschleunigung des Kfz-Verkehrs und hochwertige Radverkehrsinfrastruktur äußerst positiv wirken.

Soll es Radführerscheine geben und registrierte RadfahrerInnen?
Nein, Radführerscheine oder registrierte RadfahrerInnen sind eine Übertreibung. Das gibt es in keinem Land der Welt. Wichtig ist aber Aufklärung über das richtige Verhalten und die Straßenverkehrsordnung: Die Radlobby bietet dazu einen Ratgeber "Regeln fürs Radeln" auf radlobby.at/recht. Der Ratgeber kann auch unter noe@radlobby.at bestellt werden.
(Es fragte: Gabriela Stockmann)

Autor:

Gabriela Stockmann aus Baden

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