Ein 5000er, der Länder verbindet

The blind climber Andy Holzer mit österr. und iranischen Naturfreundebergsteiger am Gipfel des Damavands
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  • The blind climber Andy Holzer mit österr. und iranischen Naturfreundebergsteiger am Gipfel des Damavands
  • Foto: Naturfreunde NÖ, Peter Plundrak
  • hochgeladen von Gabriela Stockmann

AUSSENDUNG DER NATURFREUNDE NIEDERÖSTERREICH. Er ragt als ruhender, nur noch leicht rauchender Vulkankegel, etwa 70 Kilometer ost-nordöstlich von Teheran südlich des kaspischen Meeres, 5.671 Meter hoch auf und überragt damit alle umliegenden Berge bei weitem. Von der persischen Hauptstadt erblickt man dessen imposanten schneebedeckten Gipfel: der Damavand. Um den höchsten Berg im Iran ranken sich seit Urzeiten Legenden von Geistern und Feen, die wohl in seiner magischen Ausstrahlung ihren Ursprung fanden.

Eine Reise ins mystische Persien
Ende Juli waren die Naturfreunde Niederösterreich im mystischen Persien. Anlass war eine Einladung zu einem Bergsteiger-Symposium anlässlich des 175-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung des Damavand, dem höchsten Gipfel des gesamten Nahen Ostens durch Karl Georg Theodor Kotschy (geboren am 15. April 1813 in Ustron, österreichisch-Schlesien; † 11. Juni 1866 in Wien). Kotschy war Botaniker, Forschungsreisender und Pflanzensammler. Von seinen Reisen, meist in den Orient, brachte er über 300.000 Pflanzenexemplare mit. Ein Großteil seiner Forschungsergebnisse wird noch heute im Naturhistorischen Museum verwahrt. Kotschy gilt als Begründer der Orientforschung in Österreich. 1842 bis 1843 unternahm er eine Expedition nach Persien, wo er als erster den Damavand bestieg. „Dieses besondere Ereignis war für die österreichische Botschaft, das österreichische Kulturforum und den iranischen Bergsteigerverband Anlass, ein Symposium zu organisieren, aber nicht nur: Es wurden noch die Jubiläen 160 Jahre diplomatische Beziehung Iran-Österreich und 60 Jahre österreichisches Kulturform in Teheran gefeiert“, informiert Naturfreunde NÖ-Geschäftsführer Ernst Dullnigg.

Gastgeber Stefan Scholz aus Mariazell
Der aus Mariazell stammende österreichische Botschafter Stefan Scholz hatte die Gäste aus der Heimat sogar in die imposante Botschaftsvilla in der Nahostmetropole eingeladen. Im Zentrum des Festakts stand aber unumstritten die Erstbesteigung des Damavand. „Die österreichisch-iranische Alpingeschichte nimmt in Persien einen hohen Stellenwert ein, denn unsere als auch deutsche Alpinisten brachten den Bergsport und das Skifahren in den Iran“, erläutert Dullnigg weiter, auch dass es dazu im Rahmen der Feierlichkeiten mit Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftsgesprächen, eine spezielle Ausstellung gab. „Mittlerweile findet man in allen Bergsportdisziplinen die iranischen Bergsportler in der Weltspitze“, weiß er.

Bergsteiger-Prominenz von Haberler über Kaltenbrunner bis Andy Holzer
Mit dabei bei den Feierlichkeiten im Iran waren insgesamt 53 Bergsteiger aus Österreich. Auch der Bundesvorsitzende der Naturfreunde Österreich, Andreas Schieder, sowie Alpinisten-Prominenz wie Extrem-Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner oder Bergsteiger-Legende Peter Habeler, weiters Billi Bierling, Hans Goger, Sepp Hinding, Wolfgang Nairz und Ewald Putz, allen voran aber Andy Holzer, der mittlerweile weltweit bekannte Tiroler Ausnahmebergsteiger, der auf beiden Augen komplett blind ist und unter „the blind climber“ sich einen Namen gemacht hat (https://andyholzer.com/de/), ließen sich diesen Event als Zeichen der friedlichen Verbindung zweier konträre Länder nicht entgehen. Holzer bestieg mit seiner üblichen unfassbaren Leichtigkeit, unterstützt von seinen langjährigen Bergfreunden Anda Unterkreuter und Andi Scharnagl, den 5.000er.

Gedanken überprüfen
„Beim Bergsteigen habe ich die Möglichkeit, wertfrei zu überprüfen, ob mein Gedankengang der richtige war, wie - habe ich das richtige Seil gewählt, den richtigen Partner oder die richtige Route?“, betont er. Gerade als Mensch ohne Augenlicht erhöhe sich bei ihm die Brisanz noch um ein Vielfaches. „Man wandelt stets zwischen unendlicher Freiheit, aber auch mit dem Risiko, dass ein Fehltritt den Tod bedeuten kann“, betont er. Umso wichtiger sei es immer den Intellekt einzuschalten und dafür brauche man ja kein Augenlicht. Er ist aber überzeugt, dass das Meer und die Faszination für das Segeln genauso befriedigend und zugleich herausfordernd für einen Menschen, der Dinge nicht visuell wahrnimmt, sein kann. „Beides - Berg und Meer - seien neutrale Orte, fernab von der Zivilisationsgesellschaft, die oft von negativen Emotionen wie Neid und Missgunst vergiftet wird“, so Holzer. Der Iran an sich ist für ihn ein Land, das viele Parallelen zu seinem Leben hat. Dies untermauerte er auch in seinem Vortrag im Rahmen der Festtage. Von Blinden wie auch vom Iran habe, meint Holzer, der Durchschnittsbürger ein falsches Bild. „Ein Blinder muss nicht unsicher unterwegs sein. Und Persien ist nicht automatisch ein gefährliches, unsicheres Land“, weiß er. Die Gesellschaft, natürlich auch beeinflusst durch falsche Vorstellungen, würde dieses Fehlbild selbst konstruieren. Ein Blinder könne mit offenen Augen durch die Welt gehen, ohne zu sehen und die meisten Iraner seien offene, moderne Menschen, deren Leben sich hinter den Fassaden kaum von dem des Mitteleuropäers unterscheide, auch wenn es im Außenauftritt manchmal den ersten Anschein erwecke. „Die Perser und ich führen sozusagen ein Doppelleben“, schmunzelt er. Seine klare Botschaft, die er vom Gipfel des Damavand in die Welt hinaustragen möchte, lautet klar: „Wir Menschen müssen endlich unsere oberflächlichen Bewertungen über andere ablegen. Man muss nicht blind sein, um dies zu erkennen.“

Mit dabei: Töchter von Karl Habsburg
Als besondere Mitwanderer durften die Naturfreunde NÖ noch Gloria und Eleonore Habsburg, Töchter von Karl Habsburg, begrüßen. Auch sie wollten mit ihrer Tour dem einstigen K & K-Botaniker Kotschy gedenken.

Traisner Nostalgieskifahrer begeisterten persische Gastgeber
Großes Aufsehen erregte bei diesem Iranaufenthalt überdies die Nostalgieskigruppe Traisen. Mit Skiausrüstung, bestehend aus Einstock, Eschenholzbretteln und Bekleidung wie aus der Zeit des legendären Skipioniers Mathias Zdarskys Zeiten, faszinierten sie das persische Publikum. „Unsere Bekleidung war aber nicht ganz dem Wüstenklima angepasst“, stellt der Traisner Naturfreund und Nostalgieskifahrer Eduard Fürst fest, merkt aber voller Begeisterung an: „Für alle Teilnehmer war diese Reise ein gelungener Abstecher in eine völlig andere Welt und eine perfekte Möglichkeit, Alpinismus und Kultur aus Mitteleuropa in einem fernen Land zu präsentieren.“

Bergsteigen im Iran
Um die Kameradschaft zwischen österreichischen und iranischen Alpinisten noch mehr zu intensivieren, planen die Naturfreunde NÖ 2019 erneut eine Reise in den Iran. Dabei werden die Berge mit Tourenski befahren und wohl die schönste Wüste der Welt zu Fuß durchquert. Der Grund ist für Dullnigg, abgesehen von der imposanten Landschaft Persiens, die eben von Hochland bis zur Wüste reicht, leicht erklärt: „Es ist einfach motivierend zu sehen, welchen Sinn für Gerechtigkeit die iranischen Bergsteiger in sich tragen und den Freiheitsgedanken am Berg ausleben. Alle österreichischen Alpinisten haben die unglaubliche iranische Gastfreundschaft sehr genossen und wir wollen den Kontakt zu unseren Bergkameraden im Orient forcieren – als symbolisches Zeichen, das Berge nie ein Hindernis darstellen, sondern stets verbinden. Ein gemeinsamer steiniger Weg kann immer auch friedlich zum Ziel führen“, resümiert Ernst Dullnigg.

TV-Sendung am 24. September auf Servus TV
Die von dieser Reise produzierte TV-Sendung „Bergwelten“ wird am 24. September 2018 / 20:15 Uhr in Servus TV ausgestrahlt.

The blind climber Andy Holzer mit österr. und iranischen Naturfreundebergsteiger am Gipfel des Damavands
The blind climber Andy Holzer mit seinen beiden Begleiter Anda Unterkreuter links und Andi Scharnagl rechts im Bild

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