01.10.2014, 11:48 Uhr

Laufbericht Wachau-Halbmarathon 2014

Die mit Abstand kürzesten WC-Warteschlangen - ganz am Ende des Startbereichs
Krems an der Donau: Stadtpark | Liebe LauffreundInnen,

der Wachau-Halbmarathon letztes Jahr war - trotz ziemlicher Probleme gegen Ende - ein großer Erfolg für mich. Mit 1:27:55 war es der erste Halbmarathon, den ich unter 1:30 gelaufen bin. (Nachzulesen hier: http://www.meinbezirk.at/krems-an-der-donau/sport/...)
Nun, unter 1:30 zu laufen ist inzwischen nichts Besonderes mehr für mich, das schaffe ich locker bei jedem (habwegs flachen ;-) HM, mein Ziel für die Wachau liegt daher bei einer 1:26er Zeit, also zumindest ein Schnitt von 4:07 Minuten/Kilometer. Daran habe ich mir heuer bisher die Zähne ausgebissen, aber noch nie waren die Voraussetzungen so günstig wie jetzt: Mein Knie ist wieder vollständig heil, die letzten Ergebnisse beim Weinstraßenlauf und beim Business-Run waren jeweils persönliche Bestzeiten, der Wachau-HM ist eine schnelle Strecke die ich inzwischen gut kenne, das Wetter wird kühl und eher feucht und ich bin voll motiviert. Was soll da noch schiefgehen?

Also fahre ich gemeinsam mit Marguerite, Thinley und Dave frohgemut am Sonntag Morgen nach Krems. Einen Parkplatz haben wir auch bald und gegen 8:30 stehen wir am Busbahnhof um an unsere Startorte zu kommen - die Damen nach Dürnstein zum Viertelmarathon, Dave und ich nach Spitz zum Halbmarathon. Vor uns warten auch einige der kenianischen Spitzenläufer - die benehmen sich ganz normal, lachen und scherzen mit den Umstehenden herum, wirken garnicht wie "Außerirdische" ;-)
Im Bus ist es zwar bumvoll aber wir haben Sitzplätze ergattert, plaudern und studieren das Wetter - stimmungsvoll nebelverhangen wirken die Seitentäler der Wachau, ein wenig regnet es - gutes Laufwetter, das ist mir viel lieber als sengende Sonne.

Um 9:10 in Spitz angekommen haben Dave und ich die selbe Idee - wir brauchen ein WC. Nun gut, da stehen ja ein paar Kabinen nur - wir sind nicht die einzigen mit solch einem Bedürfnis, da warten zig Leute davor! Macht nichts, das Rennen wir erst um 10 Uhr gestartet, dann gehen wir eistweilen weiter Richtung Start, es kommen sicher noch jede Menge WC-Kabinen. Kommen auch, doch die Warteschlangen davor werden eher noch länger als kürzer. Ein Bekannter
kommt mir entgegen und ich scherze "Du, der Start liegt in die andere Richtung!" - "Ja, aber ich suche ein WC wo nicht ganz so viele Leute stehen" - "Oha, in die Richtung wirst aber nicht viel Glück haben, wir suchen selber und da warten überall die Massen!" Sollten wir da ein Problem kriegen? Wir spazieren weiter aber es ändert sich vorerst nichts - vor jedem WC enorme Schlangen! Erst ganz am Ende des Startbereichs finden wir ein paar Kabinen wo "nur" jeweils 6 oder 7 Leute warten. Nachdem es inzwischen 9:30 ist und wohl keine bessere Gelegenheit mehr kommt stellen wir uns an und warten ... und warten ... ich muß mich noch umziehen und meinen Kleidersack im Bus abgeben! Und der fährt um 9:50! Noch 4 Personen vor mir, ich mach eine Hochrechnung: 2-3Min/Person also komme ich etwa um 9:48 dran, dann noch Kleidersack abgeben, Aufwärmen geht nicht mehr viel, das wird eng! Aber es geht sich aus, knapp aber doch. Der Zickzacklauf durch die Menge zum Bus ist das halbe Aufwärmen, dann noch ein kleines Stück die Donau entlang und wieder zurück, in den ersten Startblock eingereiht - ist jemand da den ich kenne? Viel Zeit zum
Rumschauen habe ich nicht denn schon heißt es 3 - 2 - 1 - LOS!

Endlich, befreit und voller Energie renne ich los, begleitet vom Gejuble und Geschrei der Zuschauer, sehe vor mir die Kenianer davonziehen - aber zumindest SEHE ich sie noch eine Zeitlang ;-) Ahhhh .... wunderschön ist das, macht riesen Spaß, das wird ein toller Lauf! Da ist schon die 1Km-Markierung, was sagt die Uhr? 3:52? Ja spinnst du total??? Das ist doch nicht der Business-Run mit seinen 4Km, das ist der Wachau-HM! BREMS DICH EIN! Ah geh, so toll wie es mir geht lauf ich halt ein paar Sekunden Vorsprung auf meine Sollzeit heraus, das geht schon ... ok, eine Spur langsamer, aber nicht viel! Wie im Rausch laufe ich dahin, genieße das Tempo und die Leichtigkeit, denke an nichts ... 2Km und 7:51! IDIOT! Weiter fliege ich dahin, nehme nur einen Hauch Tempo raus, ich will mir den Spaß nicht verderben ... 3Km und 11:52! Lieber Freund, du läufst momentan das Tempo für eine 1:23er Zeit - und das KANNST DU EINFACH NICHT! Jaja, ist gut, die zweite Hälfte des Rennens wird halt langsamer, das geht schon ... ich genieß das jetzt einfach und Schluß! 4Km und 15:56 ... 5Km und 20:00 - schneller als vor einer Wocher beim Weinstraßenlauf! Bei der Labestelle in Weißenkirchen brauche ich nichts, mir geht es ausgezeichnet - auch wenn ich inzwischen ein kleinwenig langsamer laufe, die allererste Euphorie verflogen ist. Die nächsten Kilometer pendle ich mich auf Zeiten zwischen 4:05 und 4:10 ein, betrachte die Landschaft: Rechts die Donau, ein Schiff, links die wolken- und nebelverhangenen Weinberge, rieche das Wasser ... siehst du, alles easy, alles locker, jetzt muß ich nur noch so bis zum Ende laufen, kann sogar noch ein schönes Stück langsamer werden ... (schweigt) ... vor Dürnstein gehe ich mit 40:40 über die 10Km, noch immer schneller als meine Zielzeit beim Weinstraßenlauf! Auch durch den Tunnel geht es flott dahin und dann in die Schleife nach Dürnstein - irgendwie mag ich die nicht, die bringt mich immer etwas aus dem Rhythmus.

Außerdem - täusche ich mich oder kommt da die Sonne raus, wird es wärmer? Jedenfalls ist mir heiß, bei der Labestelle brauche ich einen Becher Wasser über den Kopf, aber 48:50 bei Km12 ist immer noch eine gute halbe Minute unter meiner Sollzeit. Wie auch immer, die Hitze macht mir auf einmal zu schaffen, die Beine sind längst nicht mehr so locker wie zu Beginn, wirken etwas zäh. Mein Km-Schnitt sinkt auf 4:15 und mein Zustand verschlechtert sich so schnell wie mein Zeitguthaben auf meine Sollzeit schwindet. Bei Km16 kommt langsam Panik auf - für den letzten Km hab ich schon 4:20 gebraucht, so darf das nicht weitergehen! Aber es hilft nichts, meine Schuhe scheinen aus Blei zu sein, der Puls ist zu hoch, alles ist mühsam, von Landschaft und Umgebung kriege ich längst nichts mehr mit ... bei Km17 möchte ich am liebsten stehenbleiben, aufgeben, das ist ja nur mehr eine Qual. "Jetzt reiß dich aber am Riemen und hör auf zu jammern! Du wirst doch nicht bei einem einfachen Halbmarathon an´s Aufgeben denken, du spinnst ja! Du hast zu Beginn deinen Spaß gehabt, jetzt kriegst du die Rechnung dafür. Und tu nicht so als ob du das nicht gewusst hättest!" Pffff ... doch es stimmt. Ich hab das Rennen zwar versaut, meine Wunschzeit kann ich vergessen aber Aufgeben ist undenkbar. Also versuche ich zu retten was noch zu retten ist, auf niedrigem Niveau mein Tempo zu stabilisieren, wieder einen Rhythmus zu finden. Geht so halbwegs. Km18 und die Vororte von Krems ... immer wenn mich wer überholt raffe ich mich auf und bleibe dran - zumindest 200-300m, dann reiße ich wieder ab. Das klappt einigermaßen und so arbeite ich mich nach Krems hinein. Jetzt kommt dieses nervige Geschlängel durch die Kremser Gassen - links, rechts, dann ein Stück die Zielgerade entlang sodaß man glaubt jetzt kommt bald die letzte Wende - aber nein, nochmal geht es in das verdammte Gassengewirr hinein! Auf die Uhr schaue ich schon längst nicht mehr, konzentrier mich nur noch darauf, meinen Widerwillen gegen das Weiterlaufen auszublenden. Einfach rennen wie ein Roboter, ohne Gefühl, ohne zu denken - denn körperlich am Ende bin ich sicher nicht, da habe ich schon anderes erlebt. Also weiter, dumpf wie eine Maschine um die letzte Ecke und nun wirklich die - ewig lange - Zielgerade entlang. Da kommen aber doch wieder Gefühle hoch: Diese blöden Zielbögen - müssen die so viele davon aufstellen? Das ist purer Sadismus! Man glaubt es geschafft zu haben, da tauchen mehr und immer mehr von den Dingern auf - wo ist denn nun der letzte, endgültige, echte Zielbogen? Ah, ein blauer Teppich, und dort vorne die große Zeitanzeige - das muß endlich das echte Ziel sein. Aber verdammt nochmal, warum stehen da oben keine Zahlen wie letztes Jahr sondern nur Stricherl? Das war damals schon ein Ansporn, einen ordenlichen Zielsprint hinzulegen - doch so? Meine Zeit ist eh beim Teufel, auf ein paar Sekunden kommt´s nun wirklich nicht mehr an darum beschleunige ich kaum noch, trabe durch´s Ziel und das war´s, aus und Ende. Erschöpft, keuchend, verärgert laufe ich aus, schau auf die Uhr - 1:28:00 ... hmmmm ... besser als erwartet, ein wenig verfliegt mein Ärger. Aber dann kommt er gleich wieder - ich habe meinen Streckenrekord vom letzten Jahr um läppische 5 Sekunden verpasst! Hätte die Anzeige funktioniert, hätte ich einen ordentlichen Zielsprint hingelegt dann wäre zumindest eine persönliche Bestzeit drin gewesen. Hättiwäritäti ... ich habe aber nicht, aus!

Im Gegensatz zu mir ist Dave mit seinen 1:50:42 recht zufrieden und auch unsere Damen Marguerite mit 1:00:53 und Thinley mit 59:02 beim Viertelmarathon können nicht klagen. Allerdings haben sie den Start verpasst, mussten von ganz hinten starten und über 1000 LäuferInnen überholen. Ursache: Enorme Schlangen vor den WC-Boxen ... Also fahren wir nach Hause, ich immer noch hin- und hergerissen zwischen Enttäuschung und zumindest ein wenig Freude über die 1:28 trotz vermurkstem Lauf. Zuhause setz ich mich dann vor den PC um mein Ergebnis genauer anzuschauen - wievielter bin ich denn in meiner Klasse? Vermutlich so um Platz 10 herum ... also Klasse M50 in der Ergebnisliste ausgewählt und nachgeschaut: 7. - nein, 8. - nein, 9. - nein, 10. - nein, 11. - auch nicht - ja wo bin ich denn?
Also nochmal langsam von Vorne: 1. Maier, 2. Schmidt, 3. Stockinger ... WIE BITTE??? Ich glaub´s nicht, schau zweimal hin aber es steht noch immer da! Ich bin Dritter, hätte zur Siegerehrung müssen! ICH IDIOT! (Wie oft habe ich mir das heute schon gedacht?) Aber damit habe ich im Traum nicht gerechnet, wo waren denn die ganzen schnellen Fuffziger? Soll ich jetzt lachen oder weinen? Dritter von über 400 Startern in der 50er Klasse, darauf bin ich schon ein wenig stolz auch wenn viel Glück dabei war. Aber daß ich die Siegerehrung verpasst habe, das wurmt mich wieder sehr. Wer weiß, ob ich so ein Ergebnis jemals wieder erreichen werde?
Und so kann ich mich bis heute nicht entscheiden ob das ein guter oder ein schlechter Tag war. Ist inzwischen aber nicht mehr so schlimm, die nächsten Rennen warten und ich bin sicher: Da werden Läufe dabei sein über die ich mich ohne Wenn und Aber freuen kann!

Soviel aus der Wachau,

LG bis zum nächsten Mal

Hans

P.S.: Ergebnisse, Info´s und Fotos gibt es auf http://www.wachaumarathon.com/

P.P.S.: Ein Wunsch an die Veranstalter: Auch wenn so ein großer Lauf nicht leicht zu organisieren ist - für das recht üppige Startgeld sollten ausreichend WC-Boxen für die LäuferInnen bereitstehen. Wenn man - statt sich aufzuwärmen und auf´s Rennen vorzubereiten - die ganze Zeit mit WC-Warterei beschäftigt ist ist das ärgerlich. Beim Wörthersee-Halbmarathon gab es z.B. so eine Art "Pinkelsäulen", da können 4 Männer gleichzeitig pinkeln. Das würde die Lage schon entspannen, gesehen habe ich sowas in der Wachau aber nicht. Die sonstige Organisation war aber - das muß ich auch sagen - auf gewohnt hohem Wachau-Niveau.

P.P.P.S.: Und noch ein Lob: Danke daß Ihr mir den Preis für den 3. Platz geschickt habt - die Flasche Wein mit der hübschen Holzbox wird immer einen Ehrenplatz bei mir zu Hause haben!
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