24.10.2016, 10:49 Uhr

"Hier wurde doch unser Führer geboren!“

Manuela und Andreas vor dem Geburtshaus.

Nach jahrelangen Streitereien soll Gerlinde Pommer (66), Besitzerin des Hitler-Geburtshauses in Braunau, enteignet werden. Das historisch aufgeladene Gebäude soll zwar nicht abgerissen, aber „tiefgreifend architektonisch“ umgestaltet werden, wenn es nach der vom Innenministerium eingesetzten Expertenkommission geht. Touristen wollen sich das symbolträchtige Haus noch einmal ansehen, bevor es "Geschichte" ist.

BRAUNAU. Der Entscheidung, erstmalig einer Privatperson nicht aus baulichen, sondern historischen und sicherheitspolitischen Gründen den Besitz zu entziehen, ist ein jahrelanges Geplänkel vorangegangen.

Seit dem Auszug der Lebenshilfe vor mehr als fünf Jahren steht das symbolträchtige Hitlerhaus leer. Laut einem Pommer-Vertrauten verweigert die Besitzerin alle Umbaumaßnahmen, weil die öffentliche Hand sie nie in die Planungsphase mit einbezogen und stets vor vollendete Tatsachen gestellt haben soll. Daraufhin hat das Innenministerium mehrere Kaufangebote gestellt, die aber von der Eigentümerin stets ignoriert wurden.

Ein Bekannter von Pommer sagt, dass niemand mit einer Kaufabsicht an sie herangetreten sei. Sogar über die geplante Enteignung habe sie keinerlei Schriftverkehr erhalten und nur aus den Medien davon erfahren. „Sogar im Ministerialentwurf steht, dass mit Pommer Gespräche geführt wurden, zum Beispiel auf Raststätten. Es wurden ihr ganz sicher Kaufangebote für dieses Haus überbracht. Dann einfach zu sagen, mit mir hat nie jemand gesprochen, ist ein Abschotten von der Realität“, findet der grüne Gemeinde- und Bundesrat David Stögmüller (29).

"Braune" Touristen

Innerhalb einer halben Stunde bleiben zahlreiche Menschen und eine ganze Radfahrergruppe vor dem Hitlerhaus stehen, halten inne und nehmen einen Erinnerungsschnappschuss mit, darunter auch Andreas und Manuela, die sich gegenseitig mit dem berühmten Gebäude als Hintergrundmotiv fotografieren. Gefragt, was sie an dem Haus so fasziniert, antwortet Manuela wie aus der Pistole geschossen: "Hier wurde doch unser Führer geboren!"

Das junge Pärchen aus Deutschland ist gerade auf Österreich-Urlaub und erzählt, dass sie unbedingt das Geburtshaus von Hitler noch einmal sehen wollten, bevor es abgerissen wird. „Bei uns wäre es schon längst dem Erdboden gleichgemacht worden. Ihr Österreicher geht da Gottseidank anders mit eurer Geschichte um“, sagt Andreas, der in Stuttgart bei einem Versicherungsunternehmen arbeitet. Überhaupt würde in Deutschland die Geschichte völlig falsch erzählt, "schließlich habe Hitler auch gute Seiten gehabt, aber davon erfährt man ja nichts“, sagt Manuela, die ursprünglich aus Sachsen stammt und jetzt in Stuttgart Post zustellt.

In ihrer Schule in Leipzig habe sie nichts über den Nationalsozialismus gelernt. „Alles was ich über diese Zeit weiß, habe ich von meinem Mann.“ Der erzählt von der „Wahrheit“ im Internet und in Dokus. Sollte das Hitlerhaus doch nicht abgerissen werden, dann wünschen sich Andreas und Manuela am liebsten ein Museum, das Hitlers Familienverhältnisse sowie die „wahre Geschichte“ erzählt und in dem das Geburtszimmer bei freiem Eintritt zugänglich ist.

Roma und Lesben fürs Hitlerhaus?

Während die ÖVP und die SPÖ an der in die Jahre gekommenen Nutzungsidee Volkshochschule und Volkshilfe festhalten, spricht sich die FPÖ für ein Amtsgebäude im Geburtshaus aus: „Wenn es wirklich zur Enteignung kommt, was ich nicht hoffe, dann wäre ein Finanzamt oder eine Gemeindeeinrichtung am besten. Damit sind jegliche Umtriebe von vornherein ausgeschlossen“, sagt FPÖ-Vizebürgermeister Christian Schilcher.

Die Grünen in Braunau können sich eine solche Nutzung nicht vorstellen, weil ein Amtsgebäude keine Entmystifizierung bewerkstellige. „Ganz ehrlich: Mit einem Finanzamt im Hitlerhaus machen wir uns lächerlich, auch international“, sagt Stögmüller. Er spricht sich für einen Mix an verschiedenen Einrichtungen aus, zum Beispiel eine Exit-Ausstiegsstelle für Rechtsextremisten, ein Roma- und Sinti-Verein oder einer Anlaufstelle für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. „Das wäre ein starkes Zeichen, weil es sich bei diesen Gruppen um Menschen handelt, die in der NS-Zeit vertrieben und vernichtet wurden“, sagt der Jungpolitiker.

Fest steht, dass das Stigma, zufälliger Geburtsort von einem der größten Massenmörder der Geschichte zu sein, den Alltag der Braunauer weiter beeinflussen wird, egal wer der neue Besitzer des ungeliebten Hauses sein wird und was auch immer er damit anstellen mag.

Text & Fotos: René Jo. Laglstorfer – Mitarbeit: Pascale Freund
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Josef Wagner aus Floridsdorf | 31.10.2016 | 22:11   Melden
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