20.10.2017, 13:27 Uhr

"Neue Oberstufe" sorgt für Skepsis

"Semestrierung? – Ja, nein oder vielleicht?" Sieglinde Schrattenecker (l.) und Veronika Flöry sind sich noch nicht sicher.

Sitzenbleiben wird so gut wie abgeschafft. Das birgt Gefahren, vor allem für schwache Schüler.

BRAUNAU (penz). Die Zentralmatura war 2015 das große Bildungsthema. Nun steht mit der "Neuen Oberstufe" die nächste, grundlegende Reform an. Drei Schulen aus dem Bezirk – HAK, HLW und HTL – sind schon bei der Umsetzung. Das Gymnasium soll mit dem Schuljahr 2019/2020 folgen. Künftig dürfen Schüler auch mit zwei Fünfern aufsteigen. Da die Neue Oberstufe auf eine akademische Laufbahn vorbereiten soll, wird das Schuljahr von nun an in Semester aufgeteilt: eines im Sommer und eines im Winter. Jahreszeugnisse sind somit passé. Diese Semestrierung gilt ab der zehnten Schulstufe.


Trotz "Lücken" aufsteigen"

Sieglinde Schrattenecker von der Schülerhilfe Braunau ist skeptisch: "Durch die Reformierung steigt der Druck bei Lehrern, Schülern und Eltern gleichermaßen." Auch Nachhilfelehrerin Veronika Flöry denkt an die Konsequenzen, wenn das Aufsteigen trotz "Nicht genügend" möglich wird: "Der Schulstoff ist in den meisten Fächern aufbauend. Kassiert ein Schüler etwa in Mathe einen ,Fleck‘ und beherrscht die Grundkenntnisse nicht, darf er ja nun trotzdem ins nächste Semester." Flöry fragt sich, ob die Schüler trotz dieser Lücken im Stoff noch mitkommen können. Dasselbe Problem sieht sie bei Sprachen: "Wie soll man die past perfect lernen, wenn man noch Schwierigkeiten mit der past tense hat?" Aus Erfahrung spricht Schrattenecker davon, dass Schüler meist zu spät Nachhilfe in Anspruch nehmen. "Erst wenn der Fünfer schon da ist", sagt sie. Vielmehr sollten Schüler und Eltern bereits über Förderunterricht nachdenken, sobald ein "Vierer" nicht gefestigt scheint. "Das gilt vor allem jetzt, um in späteren Semestern nicht ins Strudeln zu kommen."
Laut Schrattenecker muss noch mehr Aufklärungsarbeit betrieben werden. "Es herrscht noch immer große Verwirrung", ist sie sich sicher.

Ernsthafte Konsequenzen

"Es sind gewisse Sorgen da", gibt auch der Direktor des Gymnasiums Braunau, Sebastian Plank, zu. "Für das Schulpersonal wird es einen nicht unbeachtlichen Mehraufwand geben, da ja nun die individuelle Bildungskarriere im Vordergrund steht." Dennoch zeigt sich der Direktor optimistisch: "Wir werden auch diese Aufgabe bewältigen." Nach zwei, drei Jahren der Eingewöhnung werde sich die Neue Oberstufe schon "eingebürgert" haben. Individuelle Lernbegleiter, die mit der Neuen Oberstufe zur Pflichtvoraussetzung jeder Schule werden, gebe es im Gymnasium bereits fünf. Einer davon ist Oliver Bachleitner, der bisher auch für die Bildungsberatung zuständig war. Seine künftigen Aufgaben erklärt er wie folgt: "Lerncoaches aus dem Lehrerteam sollen aufzeigen, wie sich Schüler besser organisieren und sie besser lernen können. Ob ein Nachhilfeunterricht sinnvoll sei oder ob Freizeitaktivitäten zurückgeschraubt werden sollten."

In der HLW Braunau gibt es die Neue Oberstufe bereits das dritte Jahr. Direktorin Astrid Simson sieht zum einen eine Erleichterung für die Schüler, da das "Sitzenbleiben" wegfalle. Dennoch müsse man mit ernsten Konsequenzen rechnen: "Schafft man eine Semesterprüfung beim vierten Antritt nicht, ist man für die Matura gesperrt."


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