Barrieren, die das Leben erschweren

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BRUCK/LEITHA (mat). Klienten der Lebenshilfe Werkstätte Bruck machten sich mit der Heimleiterin Mag. Carmen Chloupek auf, um die Bezirkshauptstadt auf Barrierefreiheit bzw. Rollstuhltauglichkeit zu überprüfen. Begleitet wurden sie von den beiden Brucker Stadträten Brigitta Leidner und Alexander Petznek.
Gemeinsam machte man sich auf den Weg und was gleich zu Beginn festgehalten wurde: Die Strecke von der Lebenshilfe Werkstätte in der Parkbadstraße bis zum Hauptplatz ist für Rollstuhlfahrer durchaus barrierefrei zu bewältigen. Auch der neu gestaltete Raiffeisengürtel ist mit seinen flachen Übergängen zwischen Gehsteigen und Fahrbahnen absolut Rolli-tauglich.

Die Bezirkshauptmannschaft
Benutzt man den Behindertenparkplatz im Innenhof der BH, sieht man direkt gegenüber den Eingang mit Drehtüre. An jenem Tag war diese elektrische Türe jedoch defekt. Für einen Rollstuhlfahrer wäre sie aber wohl ohnehin nicht geeignet und man musste somit den längeren Weg zum Haupteingang in Angriff nehmen.
Leider ist dies keine Ausnahme, sondern die Regel, dass gerade Rollstuhlfahrer oft längere Wege in Kauf nehmen müssen, da entsprechende flache Rampen meist irgendwo seitlich an Bauwerken angelegt sind.
Nichtsdestotrotz erreichte Rolli-Fahrer Otto den Haupteingang, obwohl Pflastersteine mit tiefen Rillen die flüssige Fahrbewegung wesentlich erschwerten. Der elektrische Haupteingang der BH Bruck öffnete sich automatisch und konnte barrierefrei „genommen“ werden. Auch die einzelnen Etagen des Gebäudes sind absolut gut zu befahren. Die Einfahrt in den Lift funktioniert, das Wenden im Inneren des Aufzugs ist jedoch mit einem Rollstuhl unmöglich. Beim Aussteigen steht der Rollstuhlfahrer daher mit dem Rücken zur Tür, was Probleme bereiten kann.
Der Test des Behinderten-WCs verlief positiv: Genügend Raum zum Wenden und auch Haltegriffe sind vorhanden. Weiters hervorzuheben: Ein Test des Notrufknopfes – und schon Sekunden später war der Portier zur Stelle, um ggf. Hilfe zu leisten. Insgesamt kann man der BH Bruck also hinsichtlich Barrierefreiheit ein sehr gutes Zeugnis ausstellen.

Bahnfahren im Rollstuhl
Weiter ging‘s zum Brucker Bahnhof. Der erste Eindruck: Zwei sehr hohe, kantige Stufen beim Haupteingang – für einen Rolli unüberwindbar. An der Seite des Bahnhofes befindet sich jedoch eine Rampe, die man befahren kann – wieder einmal muss der Gehbehinderte einen viel längeren Weg zurücklegen, als gesunde Menschen.
Wartet man auf einem Bahnhof auf seinen Zug, kann es leicht vorkommen, dass sich ein dringendes Bedürfnis einstellt und man schnellstens ein WC finden muss. Das versuchte auch Otto in seinem Rollstuhl. In diesem Fall wäre die Sache wohl – sprichtwörtlich – in die Hose gegangen. Die Türstöcke des Herren-WCs sind so schmal, dass ein Rollstuhl fast auf den Millimeter genau gerade einmal durchpasst. Der Innenraum des WCs ist rollstuhlungeeignet, da viel zu eng und verbaut.
Zurück am Bahnsteig will sich Otto einen Fahrschein lösen. Das funktioniert recht gut – die Bedienung des Automaten ist auch aus dem Rollstuhl möglich. Ausgestattet mit einem Fahrschein rollt Otto aus der Wartehalle wieder ins Freie auf den Bahnsteig.
Der Zug fährt ein und Otto will „zusteigen“: Das ist auf dem Brucker Bahnhof für einen Rollstuhlfahrer ohne Hilfe jedoch unmöglich! Der Nieveau-Unterschied zwischen Waggon und Bahnsteigkante ist dermaßen hoch, dass ein Rollstuhl nur darüber gehoben werden kann. Außerdem resultiert aus der unebenen „Bahnsteigkante“ – wenn man überhaupt von einer „Kante“ sprechen kann – ein derart großer Spalt zwischen Garnitur und Beton, dass die Situation für einen Rollstuhlfahrer lebensgefährliche Ausmaße annehmen könnte.
Resümee: Einsteigen unmöglich und auch das Wechseln der Bahnsteige ist für einen Rolli ohne tatkräftige Mithilfe mehrer Menschen unmöglich.
Was also tun, wenn man dennoch alleine im Rollstuhl Bahn fahren will? Laut freundlicher Auskunft der ÖBB-Bediensteten am Brucker Bahnhof, muss man eine Fahrt zumindest 24 Stunden vor Fahrtantritt melden. Dann wird Hilfspersonal seitens der ÖBB zur Verfügung gestellt, um dem Rollstuhlfahrer eine sichere Bahnfahrt zu gewährleisten.

Tücken am Hauptplatz
Nun ging es weiter zum Brucker Hauptplatz. Hier sollte ein Rollifahrer schon sehr geübt sein, wenn er alleine unterwegs ist. Steile Gehsteigabschrägungen und unebenes Pflaster erschweren das Leben. Auch das Überqueren der Straßen wirkt – vor allem bei starkem Verkehrsaufkommen – sehr bedrohlich, wenn man an einen Rollstuhl gebunden ist. Der Kirchenbesuch ist für einen Rollifahrer aufgrund der Stufen alleine nicht möglich.

Im Einkauszentrum
Als letzte Teststation wurde das große Einkaufszentrum an der Peripherie von Bruck ins Auge gefasst.
Grundsätzlich hat man das Problem mit Barrieren in alten Gebäuden. Der Umbau gestaltet sich meist schwierig bzw. unmöglich und ist sehr kostenintensiv. In neuen Gebäuden und Anlagen ist die Barrierefreiheit ohnehin gesetzlich vorgeschrieben – so auch im Brucker Einkauszentrum. Wie zu erwarten war, ist das Areal fast überall eben und rollstuhltauglich – zumindest im Freien. Im Inneren der Geschäfte bzw. der Gastronomiebetriebe kann es da schon mal enger zugehen. In diesen Fällen kommt jedoch dann – hoffentlich – der „Faktor Mitmensch“ ins Spiel, der gesunde Menschen veranlasst, kranken bzw. behinderten Menschen kurz unter die Arme zu greifen, wenn sie es dann und wann einmal dringend brauchen.

Autor:

Martin Reichhardt aus Bruck an der Leitha

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